Jeder kann heute Opfer von Kampagnen im Netz werden, das zeigt das Beispiel von Richard Gutjahr. Der deutsche Journalist geriet in den Fokus von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Antisemiten, nachdem er 2016 zufällig kurz nacheinander in der Nähe zweier Anschläge war. Damals raste am 14. Juli ein Lastwagen in Nizza durch eine Menschenmenge, und am 22. Juli lief ein Mann in einem Münchener Einkaufszentrum Amok. Gutjahr berichtete über beide Ereignisse. Im Internet kursieren seitdem krude Theorien über ihn und seine Familie, sie werden auch persönlich bedroht, er wird immer wieder mit den Taten in Verbindung gebracht. Doch als er Facebook entsprechende Posts meldete, reagierte das Netzwerk nicht. Immer und immer wieder nicht.

Auf dem South-by-Southwest-Technikfestival (SXSW) in Austin erzählte Gutjahr seine Geschichte nach einer Diskussion über Fake-News. In der Runde saß auch der Facebook-Manager Shaarik Zafar. Der Journalist konfrontierte ihn in der Fragerunde mit der Untätigkeit seines Unternehmens. "Ist meine Familie eigentlich nur Kollateralschaden für Sie?", fragte Gutjahr. Viel mehr als eine Entschuldigung und das Angebot, sich um seinen Fall zu kümmern, konnte Zafar nicht anbieten. Das kann man ihm vielleicht nicht persönlich anlasten – seinem Unternehmen aber schon.

Gutjahrs Beispiel verdeutlicht, wie wenig Netzwerke gegen Kampagnen und Falschmeldungen auf ihren eigenen Plattformen vorgehen. Und was sie überhaupt ausrichten können. Zwar zeichnet Facebook mittlerweile die Seriosität von Nachrichtenseiten aus, auch können Nutzerinnen und Nutzer ihrer Ansicht nach falsche Informationen melden. Nur bringt das einem einzelnen Betroffenen wie Gutjahr wenig. Es ist sehr schwer, sich gegen Lügen im Internet zu wehren.

Nicht mehr einig über Fakten

Dabei beschäftigt das Thema Facebook und andere Plattformen schon seit fast drei Jahren. Seitdem Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl 2016 gewann, diskutiert auch die Öffentlichkeit darüber, wie man Fake-News erkennen und Verschwörungstheorien eindämmen kann. Denn nach der Wahl schrieben etliche Medien Trumps Sieg diversen Desinformationskampagnen zu, die ihn sehr gut aussehen ließen und seine Kontrahentin Hillary Clinton diffamierten.

Fake-News ist zum geflügelten Begriff geworden, er meint alle erdenklichen Phänomene von halb oder überhaupt nicht mehr den Tatsachen entsprechenden Meldungen. Es geht um absichtlich gefälschte Informationen oder solche, die Gerüchte, Lügen und Verschwörungstheorien weiterverbreiten. Die Motivationen dahinter sind unterschiedlich, haben politische, finanzielle oder auch gesellschaftliche Gründe. Allerdings ist der Begriff auch umstritten, weil Trump ihn selbst genutzt hat, um unerwünschte Berichterstattung abzuwerten.

Dabei sind wir alle viel weniger manipulierbar durch Fehlinformationen, als es den Anschein hat. Fake-News beeinflussen beispielsweise nicht, was wir glauben, wie wir denken oder wen wir wählen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich seit 2016 intensiv damit beschäftigt, ob uns absichtlich gestreute falsche Informationen wirklich manipulieren, und herausgefunden: Zwar verbreiten sich unwahre Informationen, aber sie werden oft nur von wenigen wahrgenommen. Und vor allem ändern sie nicht unsere grundsätzlichen Ansichten oder Meinungen (Journal of Economic Perspectives: Allcott et al., 2017).

Trotzdem sind Fake-News nicht harmlos: Auch wenn Menschen nicht unbedingt an ein unwahres Ereignis glauben oder bestimmte Ansichten übernehmen, nur weil sie Fehlinformationen gelesen haben, so können diese doch unsere bestehenden Überzeugungen verstärken. Wer 2016 beispielsweise Trump unterstützte, war eher geneigt, Fake-News auf Twitter zu teilen – weil sie das eigene Weltbild untermauerten (Science: Grinberg et al., 2019).

Das Problem: Selbst wenn man die Menschen mit der Wahrheit konfrontiert, wollen sie manchmal lieber das glauben, was sie gelesen haben. Das gilt nicht nur für Trump-Unterstützer. "Früher waren wir uns nicht einig in unseren Meinungen, jetzt sind wir uns nicht einig über Fakten", sagte der Autor und Berater Wajahat Ali auf einem Panel während des South by Southwest.

Als Grund dafür sieht er eine Vertrauenskrise der Medien. Nach der US-Wahl 2016 glaubten einer Gallup-Umfrage zufolge nur noch 32 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner, dass Massenpublikationen akkurat und fair berichteten. In den vergangenen Jahren ist der Anteil zwar wieder gestiegen, auf zuletzt 45 Prozent. Doch es gibt große Unterschiede je nach politischer Überzeugung: Während 76 Prozent der Demokraten auf etablierte Medien vertrauen, sind es nur 21 Prozent der Republikaner.