Facebook, was machst du mit uns? – Seite 1

Wie beeinflusst Facebook unsere Ansichten und Stimmungen? Ein Blick auf die Schlagzeilen der vergangenen Jahre liefert eine schnelle Antwort auf diese Frage: Das soziale Netzwerk mache uns unglücklich und abhängig, schüre Neid und Missgunst, manipuliere uns durch Filterblasen und Fake-News. Diese Annahmen passen zum Zeitgeist, denn das Netzwerk, im Jahr 2004 gegründet von Mark Zuckerberg, ist mittlerweile für Krisen bekannt.

Spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem für viele überraschenden Sieg Donald Trumps muss sich das Unternehmen für Hatespeech, Propaganda und Trolle auf der eigenen Plattform rechtfertigen. Vor einem Jahr dann der Skandal um Cambridge Analytica: Die Datenanalysefirma hatte illegal die Informationen von 87 Millionen Nutzerinnen und Nutzern erworben und Facebook nur wenig dagegen getan.

Selbst einstige Fürsprecher des Netzwerks wenden sich ab. Als soziale Validierungsschleife nutze es die Schwachstellen der menschlichen Psychologie aus, sagte etwa der erste Facebook-Präsident Sean Parker. Roger McNamee, ein früher Investor des Unternehmens, forderte auf dem Technikfestival South by Southwest gerade erst eine Regulierung von Facebook

Um derartige Kritik und Forderungen zu legimitieren, schaffen es regelmäßig Studien zu Facebook in die öffentliche Debatte. Facebook eignet sich vor allem deshalb hervorragend als Forschungsobjekt, weil das Netzwerk so viele Nutzerinnen und Nutzer zählt: Zwei Milliarden Menschen verwenden das Netzwerk mindestens einmal im Monat. Sie verfolgen das Leben anderer, lesen Nachrichten, schauen Videos, suchen nach Veranstaltungen, chatten, tauschen sich aus. Facebook ist Alltag geworden.

Der Fundus an Untersuchungen ist immens – allein Elsevier, einer der fünf weltweit größten Verlage für wissenschaftliche Journale, liefert für den Suchbegriff mehr als 17.000 wissenschaftliche Artikel. Zwei dabei gern diskutierte Beispiele: die Auswirkung von Facebook auf die Stimmung seiner Nutzerinnen und Nutzer sowie der Hype um Filterblasen und Echokammern.

Von "Facebook-Depression" und Filterblase

Da wäre die "Facebook-Depression", die beschreiben soll, wie sehr Facebook auf die Stimmung drückt. Die Argumentation ist simpel: Im Theater Facebook sind Nutzer Darsteller und Zuschauer zugleich. Mal bringen sie ihr Leben als digitale Scheinwelt auf die Bühne, mal folgen sie den verzerrenden Darstellungen der anderen. Im Vergleich zu diesen angeblichen Lebensrealitäten kann die eigene dann oft nicht mithalten (Journal of Social and Clinical Psychology: Steers, 2014).

Das hinterlasse emotionale Spuren mit gravierenden Konsequenzen weltweit, lautet das Fazit eines Forscherteams aus Berlin und Darmstadt (International Conference on Wirtschaftsinformatik: Krasnova et al., 2013). Es hatte knapp 600 Nutzerinnen und Nutzer befragt. Bei etwa jedem Dritten rufe die Aktivität auf der Plattform negative Gefühle hervor. Die Wissenschaftler identifizierten eine "Neid-Spirale": Je eifersüchtiger ein Nutzer auf andere war, desto mehr exponierte er sich selbst auf der Plattform. "Da Facebook ein weltweites Phänomen ist und Neid ein universelles Gefühl, erfahren viele Menschen die schmerzhaften Konsequenzen ihrer Aktivität auf dem sozialen Netzwerk", schlussfolgerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Das mag plausibel klingen. Doch sind 600 Probanden repräsentativ für die weltweite Nutzerschaft? Geht es ihnen wirklich schlecht, weil sie zu häufig auf Facebook sind? Oder wirken Erfahrungen im analogen Leben auf ihre Stimmung? Genau damit haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Wissensmedien beschäftigt – und die "Facebook-Depression" als Mythos entlarvt (Journal of Media Psychology: Utz et al., 2017).

Das psychische Wohlbefinden hänge demnach weniger von Facebook ab, sondern eher von äußeren Umständen, schreiben die Forscherinnen und Forscher, nachdem sie sich dem Thema mit einer Langzeitstudie genähert hatten. Ging bei Probanden die Lebenszufriedenheit innerhalb des vierjährigen Erhebungszeitraums zurück, lag der Ursprung des Unmuts demnach nicht in den sozialen Medien, sondern in negativen Offline-Ereignissen etwa am Arbeitsplatz oder in einer Beziehung. 

Wir sind nicht in Informationskokons gefangen

Ähnlich wie über die "Facebook-Depression" wurde in Medien – auch auf ZEIT ONLINE – über Filterblasen und Echokammern debattiert. Vor allem nach der Wahl von Trump zum US-Präsidenten 2016 konzentrierte sich die öffentliche Debatte darauf, wie soziale Netzwerke angeblich das Weltbild des Einzelnen festigten und zur Polarisierung der politischen Meinungsbildung führten. Der erste Vorwurf: Algorithmen priorisierten Inhalte entsprechend des individuellen Klickverhaltens, sodass der jeweilige Nutzer nur einseitig informiert ist – die Filterblase. Der zweite Vorwurf: In der Echokammer kämen Gleichgesinnte zusammen und bestärkten sich gegenseitig in vorgefertigten Positionen.

Doch die Filterblase ist, anders als es die Metapher suggeriert, durchlässig. Zu diesem Ergebnis kommt für den Fall Deutschland die Untersuchung Ganz meine Meinung? Informationsintermediäre und Meinungsbildung, die die Mainzer Professorin Birgit Stark mit ihrem Team durchgeführt hat (Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen: Stark et al., 2017). Die Wissenschaftlerinnen und Forscher sammelten Daten über verschiedene Wege: Sie verfolgten die Internetnutzung von Probanden mit einem Tracking-Tool und ließen sie Tagebuch über ihre Nutzungsgewohnheiten führen. Zusätzlich setzten sie auf eine qualitative Onlinediskussion.

Dadurch konnten sie vergleichen, welche Informationsquellen verbreitet sind und wie sich deren Wahrnehmung unterscheidet. Das Ergebnis: Das Nachrichtenrepertoire der deutschen Nutzerinnen und Nutzer setze sich nicht ausschließlich über automatisierte Algorithmen zusammen, sagt Studienautorin Stark. Selbst wenn Facebook die alleinige Informationsquelle sei, seien im Facebook-Nachrichtenmenü klassische Medien integriert. "Wir sind nicht automatisch in Informationskokons, aus denen es kein Entkommen gibt", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Unterschiede zwischen Deutschland und den USA

Ausnahmen bildeten politische Randgruppen mit extremen Ansichten. Auch andere Studien weisen nach, dass es beispielsweise bei politisch rechten Randgruppen zu einer Polarisierung bestehender Positionen kommen kann (Institute for Strategic Dialogue: Kreißel et al., 2018). Allerdings ist Voraussetzung dafür ein bereits gefestigtes Meinungs- und Weltbild; Facebook hat dann tatsächlich einen Verstärkereffekt. Genauso funktionieren Fake-News auf sozialen Medien: Mehrere Studien haben mittlerweile gezeigt, dass falsche Informationen nicht besonders weit verbreitet sind, aber bestehende Ansichten festigen können (Journal of Economic Perspectives: Allcott et al., 2017 und Guess et al, 2018).

Zudem sind Studienergebnisse nicht universal gültig und damit nicht miteinander vergleichbar. Beispielsweise wirke Facebook in dem besser erforschten Kontext USA anders als hierzulande. "Dort gilt es als belegt, dass Social Bots durch Fehl- und Desinformation zielgruppenspezifisch über Facebook Einfluss genommen haben", sagt Stark. Für Deutschland sei das keinesfalls belegt. "Deswegen ist Differenzierung unabdingbar."

Immerhin entwickelt sich die Berichterstattung weiter. Wer das Stichwort "Filterblase" heute googelt, findet zunehmend Artikel, die mit Titeln wie "Filterblase geplatzt" überschrieben sind. So wie sich die Betrachtung von Facebook verändert, wandeln sich die Plattform und ihre Nutzer. So will Facebook diesen etwa mit "bedeutsamen sozialen Interaktionen" eine bessere Nutzungserfahrung bescheren und zu einer Art digitalem Wohnzimmer avancieren. Öffentlichkeitswirksam kämpft das Netzwerk mittlerweile gegen Hatespeech und Fehlinformationen. Zu derartigen Maßnahmen haben Facebook letztlich auch Nutzerinnen gezwungen, die Zahl der monatlich aktiven User ging 2018 zwischenzeitlich zurück. Das Unternehmen muss Überzeugungsarbeit leisten.

Ob Facebooks Bemühungen etwas bringen, wird die Wissenschaft ergründen. Das Phänomen Facebook ist jedenfalls lange nicht ausgeforscht.