In sozialen Netzwerken gibt es viele kreative Wettbewerbe, die sogenannten Challenges. Darin stellen Nutzerinnen und Nutzer zum Beispiel eine Woche lang täglich ein Schwarz-Weiß-Bild aus ihrem Leben online, in anderen Wettbewerben Fotos vom Schminken und in wieder anderen schütten sie sich Eiswasser über den Kopf. Manchmal steckt dahinter purer Spaß, manchmal ein Wettkampfgedanke, manchmal – wie 2014 bei der Icebucket-Challenge – auch ein wohltätiger Zweck.  

Challenges können aber auch anders aussehen, sie können etwa menschenverachtend und diskriminierend sein. Das zeigte sich in dieser Woche, als einige NPD-Funktionäre auf Twitter die "Abschiebe-Challenge" starteten. Darin riefen sie zur Ausweisung von Politikerinnen, Journalisten und Künstlerinnen auf – zumeist gegen deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Die Funktionäre schrieben die Namen der Personen auf ein Plakat und posteten die Bilder davon auf Twitter, versehen mit einem entsprechenden Hashtag.

Die Aktion begann offenbar mit einem eigens eingerichteten Account, der den Namen der Challenge trug. Ihm folgen auf Twitter rechtsextreme Accounts und hochrangige NPD-Funktionäre. Kurz nach der Einrichtung des Kontos forderte der NPD-Vorsitzende Frank Franz in einem Tweet die Deportation der SPD-Politikerin Sawsan Chebli. Franz benannte drei weitere NPD-Funktionäre, die ebenfalls zur Abschiebung von Politikern, Journalistinnen und Künstlern aufrufen sollten. Und die machten mit. Und nominierten wiederum ihrerseits andere Personen. 

Ein digitales Strohfeuer

Dass rechtsextreme Gruppen die sozialen Netzwerke gezielt für ihre Kampagnenarbeit benutzen, ist nicht neu. Mit Reconquista Germanica bauten die Identitären ein ganzes Trollnetzwerk auf, das Hass und Ressentiments schüren sollte. (Der Entertainer Jan Böhmermann trollte die Aktion der Identitären wiederum mit einer eigenen Bewegung namens Reconquista Internet – für mehr Vernunft im Netz.)

Hinter der Aktion der NPD-Funktionäre steckte allerdings keine große Gruppe oder ein großes Netzwerk. Ursprünglich beteiligten sich nicht mehr als dreißig Neonazis an der Kampagne. Trotzdem erhielt sie eine große Reichweite, weil die Twitter-Community reagierte – mit Empörung. Tausende Userinnen und User beschwerten sich unter dem Hashtag der Neonazis über deren Challenge. Und zwar so viele, dass es das Hashtag sogar in die Deutschland-Trends auf Twitter schaffte sowie in die mediale Berichterstattung – wie man an diesem Text sieht.

Durch die Aufmerksamkeit wurde ein schon häufig diskutierter Zwiespalt offensichtlich: Die Menschen, die sich gegen die Aktion stellten, teilten einerseits die Hassbotschaften der Rechtsextremen – und die erreichten damit möglicherweise genau das, was sie wollten: Aufmerksamkeit. Schließlich verbreitet sich Hass auch durch Empörung über den Hass weiter. Andererseits setzte die Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer mit ihrem Protest ein starkes Zeichen gegen Fremdenhass und Ausgrenzung und verdeutlichte, dass die NPD-Funktionäre mit ihren Ansichten eine kleine Randgruppe repräsentieren.

Die Nutzer kritisierten aber nicht nur die NPD. Unter dem Hashtag #TwitterDuldetNazis forderten und fordern sie ein härteres Vorgehen des Netzwerks gegen Rechtsextremismus und Hass im Netz. Denn obwohl diverse Nutzerinnen und Nutzer die Tweets der NPD-Politiker meldeten, löschte die Plattform die Inhalte nicht. Man könne keinen Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen erkennen, schrieb Twitter in einer standardisierten Benachrichtigung. Auf eine schriftliche Anfrage von ZEIT ONLINE, wie Twitter zu der Abschiebe-Challenge stehe, reagierte das Unternehmen nicht. Auch die Frage, was es gegen gezielte Hass-Kampagnen unternehme, blieb unbeantwortet.