Stephan Lewandowsky ist Professor für Kognitionspsychologie und gilt als einer der weltweit führenden Forscher auf dem Feld wissenschaftlicher Desinformation. Zur Europawahl haben wir ihn gefragt, wie gefährlich Desinformationskampagnen sind und was sich gegen sie tun lässt.

ZEIT ONLINE: Vor der Europawahl ist die Angst vor Desinformationskampagnen und Wahlmanipulation groß. Sie sagen, wir leben in einer Post-Wahrheits-Ära, in der sich Misinformation und Desinformation ausbreiten. Ist das nicht einfach nur Schwarzmalerei?

Stephan Lewandowsky: Die Menge an Misinformationen ist extrem schwer zu quantifizieren. Wir wissen, dass die Verbreitung zugenommen hat. Es ist aber möglich, dass es generell mehr Informationen gibt, während der Anteil falscher Informationen gleich geblieben ist.

Stephan Lewandowsky ist Professor für Kognitive Psychologie an der University of Bristol. Seit Jahren forscht er dazu, wieso Mythen im Gedächtnis bleiben und wie man sie widerlegt.

Entscheidend ist jedoch etwas anderes. Wer sich mit Misinformation beschäftigt, sollte zwei Fragen stellen: Ist die Menge groß genug, um die wahre Information zu ertränken und die Gesellschaft zum Negativen zu verändern? Und: Hat sich Misinformation verändert, hat die Post-Wahrheits-Ära also quasi einen eigenen Fingerabdruck? Ich glaube, die Antwort auf beide Fragen ist Ja.

ZEIT ONLINE: Warum?

Lewandowsky: Erstens, weil Misinformation längst Wirkung zeigt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit der Politologin Kathleen Hall Jamieson, die in ihrem Buch Cyberwar den Einfluss Russlands in die US-Präsidentschaftswahlen 2016 quantitativ analysiert hat. Sie kommt zu dem Schluss, dass Misinformationskampagnen für die Wahl bedeutend waren. Und auch aus Großbritannien gibt es gute Studien, die zeigen, dass die Leave-Kampagne im Zuge des Brexits deutlich von einer falschen Zahl profitiert hat – von der Lüge, dass Großbritannien jede Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel überweist.

Zweitens und, wie ich finde, noch interessanter: Die Natur der Misinformation hat sich gewandelt. Gehen wir zurück ins Jahr 2003. Damals behauptete die US-Regierung unter George W. Bush und die Regierung Großbritanniens unter Toni Blair, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besäße, obwohl sie wussten, dass es solche Waffen nicht gab. Das war eine massive Täuschung, um die Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen. Die ganze Aktion war sorgsam kuratiert und propagandistisch, der Aufwand immens. Sie traten förmlich mit den Inspektoren der Vereinten Nationen, die keine Waffen gefunden hatten, in einen Wettstreit um die Wahrheit. Dabei – und das ist entscheidend – bezogen sich Blair und Bush aber auf dieselbe Realität wie die Inspektoren.

Heute scheint das bisweilen anders zu sein: Menschen, die Unsinn verbreiten, scheinen sich gar nicht mehr darum zu kümmern, ob es eine Realität gibt, die umstritten ist. Stimmen, denen zufolge niemand wisse, was wahr wäre, werden immer lauter. Alles liege im Auge des Betrachters, heißt es dann. Es gibt eine explizite Hingabe zur Subjektivität. Deshalb sprach die ehemalige Wahlkampfmanagerin Trumps, Kellyanne Conway, auch von "alternativen Fakten".

ZEIT ONLINE: In Misinformationskampagnen geht es oft nicht mehr darum, bestimmte falsche Fakten in den Köpfen der Menschen zu verankern, sondern Menschen zu verunsichern. Ihnen das Gefühl zu geben, sie können nichts mehr glauben, was Gesellschaften destabilisiert.

Lewandowsky: Ganz genau! Es geht nicht mehr darum, Menschen von etwas zu überzeugen. Es geht darum, Verwirrung und Chaos zu stiften. Das ist heute anders als früher. Russische Bots beispielsweise twittern in den USA auf beiden Seiten des Impfstreits, manche dafür, manche dagegen. Sie kommen aus der gleichen Trollfabrik in St. Petersburg. Das einzige Ziel ist es, Spaltungen in der Gesellschaft zu vertiefen. Und Donald Trump tut ehrlich gesagt das Gleiche: Er lügt über Dinge, über die er nicht lügen müsste, um politisch voranzukommen. Warum sollte er das tun? Es ist nicht zu seinem Vorteil, außer wenn es sein strategisches Ziel ist, das Konzept von Wahrheit zu untergraben.

ZEIT ONLINE: Oft sind Menschen mit Fakten und Misinformation gleichzeitig konfrontiert. Wann bleibt was von beidem hängen?

Lewandowsky: Das wissen wir leider oft erst hinterher. Eine Annäherung ist: Je kürzer und einfacher eine Information, und je emotionaler aufgeladen – ob lustig, witzig, angsteinflößend oder Entrüstung auslösend –, desto eher bleibt sie hängen.