Zerschlagung. Schon das Wort knallt wie ein an die Wand fliegender Blumentopf. Wer etwas zerschlägt, zerstört es, löst es in seine Einzelteile auf, schafft gleichzeitig aber auch Platz für Neues, vielleicht sogar Besseres. Wenn nun auch noch Chris Hughes, Mitgründer von Facebook, in der New York Times die Zerschlagung des sozialen Netzwerks fordert, dann weil er hofft, dass aus den Einzelteilen eine neue Plattform wächst, die weniger einflussreich ist, und an deren Spitze nicht sein früherer Geschäftspartner Mark Zuckerberg steht.

So geht es nicht nur Chris Hughes. Die Rufe nach einer Regulierung oder Zerschlagung Facebooks werden lauter. Vom Skandal um Cambridge Analytica über Passwort-Leaks hin zum Livestream des Terroranschlags in Christchurch: Facebook steht unter Beobachtung. Sowohl die US-Senatorin Elizabeth Warren als auch die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager würden Facebook, aber auch Google und Amazon gerne in die Schranken weisen, notfalls mit den Mitteln des Wettbewerbs- und Kartellrechts.

Aber wie realistisch ist eine Zerschlagung Facebooks wirklich? Und würde sie wirklich die Probleme mit der Plattform lösen oder bloß die Symptome lindern?

Aus einem Netzwerk sollen viele werden

Wer Facebook zerschlagen möchte, argumentiert mit ziemlich großen Zahlen: Das Netzwerk hat 2,3 Milliarden aktive Nutzer, die Tochter WhatsApp 1,6 Milliarden, Instagram noch einmal eine Milliarde. Facebook hat einen Börsenwert von mehr als 500 Milliarden US-Dollar und ist, nach Google, der zweitgrößte Anzeigenverkäufer im Internet. Diese Dominanz über Informationen, Kommunikation, Werbung und Meinungsbildung beschränke den Wettbewerb und fördere Überwachung und Zensur, sagen Kritiker wie Chris Hughes oder der amerikanische Juraprofessor Tim Wu.

Sie fordern deshalb die Entflechtung einzelner Produkte und Geschäftsbereiche. Vor allem Instagram und WhatsApp sollen wieder eigenständige, von Facebook getrennte Unternehmen werden. Das bedeutet, Facebook müsste die Dienste verkaufen, notfalls auch für weniger als den ursprünglichen Kaufpreis. Hughes fordert darüber hinaus eine Art Übernahmestopp für mehrere Jahre, in denen Facebook keine weiteren Firmen kaufen dürfte. Zusätzliche regulatorische Auflagen könnten die Plattform verpflichten, den Export von Nutzerdaten zu anderen Anbietern zu erleichtern und ihr untersagen, eine eigene neue Foto- oder Chat-App zu entwickeln.

Nach und nach könnten ohne die erdrückende Konkurrenz eines übermächtigen Facebook-Konzerns, so die Annahme, neue Angebote entstehen, die nicht bloß regional oder in der Nische funktionieren. "Weil Facebook und Instagram den gleichen Besitzer haben, ist ihnen nicht erlaubt, zu der Alternative zu werden, die sie sein könnten", schrieb Tim Wu vergangenen September. Er glaubt: So wie die Zerschlagung des amerikanischen Telefonmonopols von AT&T in den Achtzigerjahren einen neuen Wettbewerb hervorbrachte, im Zuge dessen vor allem Ferngespräche günstiger wurden, könnte die Zerschlagung von Facebook den Markt von sozialen Netzwerken, Chatdiensten und Foto-Apps beleben.

Hat Facebook ein Monopol – und wenn ja, für was?

Nun gehören Facebook keine Telefonkabel (also, fast keine), keine Schienen und keine Erdölraffinerien. Wurden Monopole in der Vergangenheit vor allem deshalb zerschlagen, weil sie ihre Marktmacht missbraucht hatten und Preise für die Verbraucherinnen erhöhten, bietet Facebook aus Sicht der Verbraucher keine eindeutige Leistung für einen eindeutigen Preis an, mehr noch: Es kostet sie nichts, jedenfalls kein Geld. Es heißt häufig, Facebook sei ein natürliches Monopol, weil die Menschen nur ein einziges soziales Netzwerk nutzen wollen, in dem alle ihre Freunde sind, und es sich für Konkurrenten nicht rechnet, eine ähnliche Infrastruktur wie die von Facebook aufzubauen. Doch bleibt die Frage: Monopol für was eigentlich?

"Man muss sich anschauen, mit was Facebook Geld verdient", sagt Justus Haucap, Direktor des Düsseldorf Institute for Competition Economics und ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission der Bundesregierung, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Und das ist zunächst einmal Werbung. Im Markt für Onlinewerbung hat Facebook sicherlich eine wichtige Stellung, aber kein Monopol." Anders sehe die Sache aus, wenn man den Markt für soziale Netzwerke betrachte. Hier gebe es zwar Alternativen, aber trotzdem könne man Facebook eine marktbeherrschende Stellung zuschreiben, sagt Haucap. Ähnlich argumentiert das Bundeskartellamt.