Könnten Desinformationen und Falschnachrichten die Europawahl beeinflussen? Die Sorge vor solchen Lügen und Manipulationen war in der Europäischen Union groß – so groß, dass die EU-Kommission im Dezember 2018 einen Aktionsplan vorstellte: Falsche Meldungen wollte sie mithilfe von Faktencheckern frühzeitig erkennen, soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sollten sich ebenfalls engagieren und Kampagnen frühzeitig stoppen. All das sollte vorbeugen, dass auch in Europa Desinformationskampagnen stattfinden, wie es sie vor den US-Wahlen 2016 gab.

Nun zeigt sich: Entweder funktioniert dieser Aktionsplan sehr gut oder die Sorge war übertrieben. Eine nun veröffentlichte Studie des Oxford Internet Institute legt nahe, dass Falschnachrichten in den sozialen Medien bisher keine große Rolle für die Europawahl spielen (Neudert et al., 2019).

Die Forscherinnen und Forscher haben 584.062 Tweets in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Polen und Schweden ausgewertet, die mit Wahl-Hashtags wie #euelections oder #europawahl versehen waren. Für die Studie wurden Tweets aus 15 Tagen im April 2019 erhoben. 137.658 dieser Tweets enthielten eine URL, die auf eine Nachrichtenseite verwies. Diese teilten die Autoren ein in seriöse Quellen, zum Beispiel traditionelle Medien, und in sogenannte Junk-News. Letztere werden in der Studie als "ideologisch extreme, irreführende und faktisch falsche Informationen" definiert. Als Beispiel dafür nennen die Forscher etwa die deutsche Seite journalistenwatch.com oder auch die amerikanische Website Breitbart

Jede einzelne Quelle wurde dabei von zwei Entwicklern bewertet. Waren die sich uneins darüber, ob eine Website eher seriöse Informationen verbreite oder eher falsche, diskutierten sie darüber, bis sie einen Konsens fanden.

Nur wenige Tweets verlinken auf unseriöse Quellen

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Falschnachrichten auf Twitter nicht sonderlich verbreitet sind. Nicht einmal vier Prozent aller untersuchten Tweets verwiesen auf Junk-News, in Deutschland waren es sogar nur 2,8 Prozent. Auch verlinkten hierzulande zehnmal mehr Posts auf seriöse Medien als auf irreführende Informationen verbreitende Seiten.

In anderen Ländern machten Junk-News-Quellen ebenfalls nur einen kleinen Teil auf Twitter aus. Lediglich in Polen wurden mehr Links zu solchen Seiten geteilt als zu klassischen Medien. Allerdings schreiben die Autorinnen der Studie, dass der Traffic dort insgesamt sehr niedrig gewesen sei.