Hört da wer mit? Sind gelöschte Bilder wirklich weg? Macht mich mein Smartphone süchtig? Welche dieser Sorgen berechtigt sind, welche übertrieben – darum geht es im ZEIT-ONLINE-Schwerpunkt "Digitale Ängste". Dieser Artikel ist Teil davon.

Wer sich regelmäßig neue Klamotten kauft, muss irgendwann aussortieren. Oder in eine größere Wohnung ziehen. Materielle Dinge brauchen viel Platz. Anders ist das mit Daten. Alte E-Mails, Digitalfotos, Dokumente – Unmengen davon passen heute auf eine Festplatte, und die braucht wenig Platz im Schrank, die Cloud gar keinen. Dass digitales Sammeln aber auch krankhafte Züge annehmen kann, zeigt der Fall eines Patienten mit Messie-Syndrom aus den Niederlanden. Der 47-Jährige häufte nicht nur über Jahre Papierstapel, Fahrradteile und anderes Zeug an, bis seine Wohnung so chaotisch aussah, dass er aus Scham keine Freunde mehr einlud. Seine Krankheit bekam noch einmal eine völlig neue Dynamik, als er sich eine Digitalkamera anschaffte.

Über Jahre schoss er bis zu 1.000 Fotos am Tag, meist von Landschaften. Doch obwohl sich viele davon glichen, konnte er sich nicht überwinden, sie zu löschen. Schließlich diagnostizierten Ärzte einer psychiatrischen Klinik bei dem Mann eine neue Unterform des Messie-Syndroms (British Medical Journal: van Bennekom et al., 2015): das digitale Horten, oder digital hoarding.

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Mehr als 100 Millionen Fotos und Videos werden täglich allein bei Instagram hochgeladen. (Quelle: Marketingagentur Omnicore)

Das Messie-Syndrom an sich ist eine psychische Störung und wird seit 2013 als solche im System der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft geführt. Vier bis fünf Prozent der Weltbevölkerung sind betroffen (Journal of Obsessive-Compulsive and Related Disorders: Wheaton, 2016). Messies, wie Menschen mit dieser Krankheit teils liebevoll, teils abfällig genannt werden, sammeln exzessiv Dinge an. Im Extremfall beeinträchtigt die Sammelwut den Alltag derart, dass soziale Kontakte abbrechen. Immer wieder werden Fälle von Menschen bekannt, die zurückgezogen und verwahrlost in überfüllten Wohnungen hausen, in denen sie selbst nicht einmal mehr einen Platz zum Schlafen haben. Psychisch geht dieser Zustand meist mit schweren Depressionen einher.

Ist es schlimm, 10.000 ungelesene Mails zu haben?

Doch längst nicht jeder, der selten etwas vom Rechner löscht oder den Fotostream am Handy volllaufen lässt, ist psychisch krank. Die Wissenschaft beginnt gerade erst, sich mit dem Phänomen des digital hoarding zu beschäftigen. Ein Team aus Psychologen von der Northumbria-Universität in Newcastle hat erst kürzlich 627 Menschen dazu befragt und festgestellt: Das Horten digitaler Daten ist weit verbreitet (Computers in Human Behavior: Neave et al., 2019). "Es ist total normal, dass Leute sehr, sehr viele Mails haben", sagt Liz Sillence im Gespräch mit ZEIT ONLINE, die an dem Experiment mitgearbeitet hat. In den Postfächern vieler Teilnehmer hätten sich 10.000, teils 20.000 Mails angesammelt – gelesene wie ungelesene – "aber nicht archiviert oder in Ordner sortiert". Grundsätzlich sei das aber nicht schlimm, die meisten empfänden ihr Verhalten als unproblematisch.

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Mehr als 280 Milliarden E-Mails wurden 2018 weltweit pro Tag versandt. (Quelle: Marktforschungsunternehmen Radicati)

2018 verschickten alle Weltbürger zusammen mehr als 280 Milliarden Mails und 65 Milliarden WhatsApp-Messages am Tag. Aber warum löschen viele all die gesendeten und empfangenen Nachrichten nicht? Auch dazu führten die Psychologen eine Befragung durch (Computers in Human Behavior: Sweeten et al., 2018), wenn auch nur an einer kleinen Gruppe von 46 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Vier Gründe nannten sie besonders häufig: Sie wollten ihre digitalen Daten für alle Fälle aufheben, etwa um Sachverhalte später nachweisen zu können. Ihnen erschien das Aussortieren zu aufwendig. Sie hatten kein Problem mit vollen Postfächern und Festplatten. Oder sie hingen schlichtweg emotional an den Daten. "Fotos sind ein gutes Beispiel dafür, welche emotionale Bedeutung digitale Dateien haben können", sagt Sillence. Genau wie Musik erinnern uns Bilder an Menschen oder Lebensphasen, die uns wichtig sind. Sie zu löschen hieße, sich ein Stück weit von den Erinnerungen zu trennen.

Ist es also überhaupt ein Problem, wenn wir massenhaft Daten auf unseren Geräten auflaufen lassen, sie weder ausmisten noch sortieren – so lange, bis der Speicherplatz voll ist? Auch das wollte die Psychologin Liz Sillence mit ihren Kolleginnen und Kollegen herausfinden und befragte die Studienteilnehmer, welche potenziellen negativen Folgen sie durch den wachsenden Berg an Datenmüll fürchteten. Viele antworteten, er könne die eigene Produktivität einschränken und die Sicherheit im Internet gefährden. 

Tatsächlich entstehen durch die Anhäufung digitaler Daten am Arbeitsplatz auch Probleme für Unternehmen. Es werde außerdem schwieriger, wertvolle Informationen aus den Datenmengen zu erhalten und sie gleichzeitig vor Angriffen – etwa durch Hacker – zu schützen. Sogar auf die Umwelt hätten die wachsenden Datenmengen einen Effekt, sagt die Forscherin. Allein wegen der ganzen Server, die deshalb betrieben werden müssten. Man denke allein nur an die Energie, die nötig sei, damit alles läuft.