Am vergangenen Samstag erschoss ein 21-jähriger Mann im texanischen El Paso 20 Menschen und verletzte 26 weitere. Kurz zuvor soll der mutmaßliche Täter eine nationalistische Hassrede auf der Plattform 8chan veröffentlicht haben. Auch dem Attentat im neuseeländischen Christchurch im März sowie einem Angriff auf eine Synagoge im kalifornischen Poway im April gingen Beiträge auf 8chan voran.

Schon länger steht die Plattform unter besonderer Beobachtung. Die amerikanische Anti-Defamation League, die sich gegen die Diffamierung von Randgruppen einsetzt, schrieb, dass sich terroristische Anschlagspläne auf 8chan unter den Augen der Öffentlichkeit verbreiten können. Nach dem Anschlag in El Paso forderte der Gründer der Website Fredrick Brennan, die Plattform zu schließen. Der IT-Dienstleister Cloudflare kündigte an, die Seite nicht mehr länger schützen zu wollen. Aber reicht das? Und wie radikal ist 8chan wirklich? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu 8chan.

Was ist 8chan?

8chan, auch als Infinitechan oder Infinitychan bekannt, ist ein sogenanntes Imageboard. Es handelt sich um eine sehr spartanische Website, die aus zahlreichen Foren mit dem Fokus auf Bildern besteht. Die Nutzerinnen und Nutzer können eigene Foren anlegen oder sich in großen Foren wie "Politically Incorrect", kurz /pol/, beteiligen. Es ist keine Registrierung notwendig, alle Beiträge sind anonym, es gibt praktisch keine Moderation und nur eine Regel: Keine Inhalte zu verbreiten, die in den USA nicht erlaubt sind. Das wird aber kaum überprüft. 

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Wie radikal ist die Plattform?

Auf 8chan werden viele nationalistische, rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Inhalte verbreitet. Obwohl es auch linke Unterforen gebe, sei die Community eher "konservativ", sagte Gründer Fredrick Brennan im Jahr 2014. Eine Studie des Network Contagion Research Institute untersuchte 2018 einen Tag lang 8chan im Hinblick auf ausgewählte rassistische Beleidigungen. Sie fand heraus, dass diese insgesamt noch häufiger verwendet werden als auf den verwandten Plattformen wie 4chan. Zudem war auffällig, wie eng die Begriffe "white", "muslim" und "invasion" in den Beiträgen auf 8chan auftauchen – auch der Attentäter von Christchurch schrieb in seinem auf 8chan veröffentlichten Manifest, er wolle mit seiner Tat ein Zeichen gegen die Unterwanderung der weißen Menschen setzen. Der Hass auf 8chan richtet sich vor allem gegen people of color, Frauen, Muslime, Juden und Randgruppen.

Auch sonst finden sich gerade in den Unterforen von 8chan ziemlich krasse Inhalte: Es wird auch Kinderpornografie gepostet, Bilder von Verstümmelungen und Unfällen und reichlich Fake-News. Aber 8chan besteht nicht ausschließlich aus hasserfüllten Inhalten. Die Seite ist die Geburtsstätte und Inkubator für zahlreiche Memes, die später auch auf Reddit oder anderen sozialen Medien geteilt werden.

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Wer steckt dahinter?

Die Website wurde im Oktober 2013 von dem US-amerikanischen Softwareentwickler Fredrick Brennan gegründet. Er wollte eine in seinen Worten "meinungsfreundliche Alternative zu 4chan" anbieten. 4chan ist ebenfalls ein Imageboard. Es ist optisch und auch inhaltlich das Vorbild von 8chan. 4chan war nach Brennans Ansicht zu "autoritär" und "profitorientiert" geworden – eine fragwürdige Aussage angesichts der oft ebenfalls hasserfüllten Inhalte auf 4chan. 2015 übernahm Jim Watkins, ein ehemaliger US-Soldat, der mittlerweile im Webhosting und Onlinemarketing aktiv ist, mit seinem Unternehmen N.T. Technology die Seite. Sie hatte sich bis dahin vor allem über Spenden finanziert. In einem Interview mit dem Wall Street Journal sagte Brennan, dass er seit Dezember 2018 nicht mehr an 8chan beteiligt sei. Sowohl Brennan als auch Watkins leben inzwischen auf den Philippinen. Die Seite selbst wird aber weiterhin auf Servern in den USA gehostet.

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Wie wurde es bekannt?

Ende 2013 hatte 8chan vergleichsweise wenige Nutzer. Das änderte sich ein Jahr später im Zuge der Gamergate-Kontroverse. Aus einer vorgeschobenen Debatte über Ethik im Spielejournalismus entstand eine Onlinebewegung, die vor allem Frauen und LGBTQ-Menschen über soziale Medien systematisch bedrohte und beleidigte. Nachdem die Betreiber von 4chan entschieden, Debatten über Gamergate auf ihrer Website zu verbieten, wechselten viele Gamergate-Sympathisanten zu 8chan. Die Aktivität sei von 100 Beiträgen in der Stunde auf 4.000 Beiträge gestiegen, sagte Brennan 2015 in einem Interview mit Ars Technica. Als die Nutzer und Nutzerinnen merkten, dass sie auf 8chan praktisch ungehindert nahezu alles verbreiten konnten, etablierte sich die Plattform als radikalere Alternative zu 4chan.

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Wie viel Einfluss hat 8chan?

Jonathan Greenblatt, CEO der Anti-Defamation League, beschreibt 8chan als einen Ort, an dem Ideologien erst veröffentlicht, dann verstärkt und schließlich erweitert werden – mit dem Ergebnis, dass Menschen radikalisiert werden. Obwohl Inhalte von 8chan schon seit 2015 nicht mehr in der Google-Suche erscheinen, ist die Seite gut besucht. Laut dem Analysedienst Alexa gehört sie zu den 5.000 am meisten besuchten Websites im Internet. Sie hat damit genug Einfluss für konzertierte Aktionen. So ist 8chan einer der größten Anlaufpunkte für die rechtspopulistische QAnon-Bewegung, deren Mitglieder eine Verschwörung gegen die Regierung um Donald Trump vermuten und die immer wieder durch Anstiftungen und Bedrohungen auffallen. Die 8chan-Community kaperte etwa auch den Microsoft-Chatbot Tay, um ihm rassistische Aussagen beizubringen. #boycottstarwars geht ebenfalls auf 8chan zurück. Die 8chan-Community rief 2015 zum Boykott des damals neuen Star-Wars-Films auf, weil dort nicht nur weiße Schauspielerinnen und Schauspieler mitspielten. 

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Was treibt die Nutzer des Netzwerks an?

Die Nutzer von 8chan und 4chan beschreiben ihre eigene Aktivität gerne als shitposting. Im Kern bedeutet shitposting nichts anderes als das Veröffentlichen von häufig qualitativ schlechten und ironischen Inhalten: Memes, schlecht manipulierte Bilder und Äußerungen, die sich immer wiederholen und ähnlichen Mustern folgen. Im ganzen Internet ist diese Form der Modulation von Inhalten verbreitet – es ist eine Form von Kunst, eine Art digitaler Dadaismus. Vielleicht ging es am Anfang auf 8chan tatsächlich vor allem um Unterhaltung und Schockmomente, um "the lulz", wie es ebenfalls gerne heißt. Inzwischen aber ist shitposting längst auch ein Propagandawerkzeug, um möglichst radikale Inhalte unter dem schützenden Mantel von Ironie und Anonymität zu verbreiten. Plattformen wie 8chan und 4chan verwischen somit zunehmend die Grenze zwischen Internetgetrolle und gesellschaftlicher Radikalisierung. Der Attentäter von Christchurch etwa sagte, er habe sich vom shitposting lossagen wollen, um etwas "in der echten Welt" zu unternehmen.

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Was bedeutet die Entscheidung von Cloudflare, 8chan nicht mehr zu schützen?

Cloudflare schützt Websites unter anderem vor sogenannten DDoS-Attacken. Bei diesen Attacken werden an den Server einer Website so viele Anfragen gestellt, dass der Server überlastet ist. Die Seite ist dann nicht mehr erreichbar. Ohne einen solchen Schutz ist es schwieriger und teurer für die Betreiber von Websites, ihre Angebote zuverlässig online zu halten. Ein kontroverses Portal wie 8chan wird vermutlich öfter angegriffen. Tatsächlich ist die Seite am Montagnachmittag weiterhin offline. Wie die BBC berichtet, wechseln die Betreiber von 8chan gerade zu einem neuen Dienstleister. Es soll der gleiche US-amerikanische Dienstleister sein, der auch die rechtsextremistische Website Daily Stormer aufnahm, als Cloudflare dieser kündigte. So wie Daily Stormer innerhalb weniger Tage wieder online war, wird es vermutlich auch mit 8chan sein.

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Kann man es nicht einfach abschalten?

Nein. Um eine Website zu betreiben, braucht man eine Domain, also eine Adresse, unter der diese Website erreichbar ist, wie etwa www.zeit.de. Außerdem braucht man einen Webhoster. Das ist ein Anbieter, bei dem die Inhalte wie Texte und Bilder der Website liegen, also gehostet werden. Solange es Anbieter gibt, die diese Inhalte hosten wollen, kann eine Website immer wieder umziehen. Deshalb kann etwa das Torrent-Portal The Pirate Bay bis heute den Tausch von urheberrechtlich geschützten Inhalten ermöglichen. Der Domainanbieter Tucows, bei dem 8chan registriert ist, sagte am Sonntag der New York Times, man wolle die Domain nicht pfänden. Selbst wenn das geschähe, könnten die Betreiber von 8chan sich einfach eine andere Domain registrieren. Und selbst wenn sich der Betreiber Jim Watkins entscheiden sollte, das Projekt einzustellen, würden die Nutzerinnen und Nutzer eine neue Heimat finden oder sie einfach selbst gründen, so wie es bei 8chan selbst der Fall war. Einer der letzten Posts auf 8chan, bevor die Seite am Montag offline ging, hieß dann auch: Where to go when they shut 8ch down? – wohin gehen, wenn sie 8chan dichtmachen?

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