Hört da wer mit? Sind gelöschte Bilder wirklich weg? Macht mich mein Smartphone süchtig? Welche dieser Sorgen berechtigt sind, welche übertrieben, beantwortet der ZEIT-ONLINE-Schwerpunkt "Digitale Ängste". Dieser Artikel ist der erste dieser Reihe.

Wenn Menschen die Vergangenheit glorifizieren, liegt das häufig daran, dass die Erinnerung gnädig ist. Ferienfreizeiten oder Familienfeste – im Rückblick erscheint vieles schöner, als es war (Journal of Experimental Social Psychology: Mitchell et al., 1997). So ähnlich ist das auch mit Technologie.

Sehnsüchtig erinnert sich mancher an die Ära des Walkmans, als man Mixtapes aufnahm, Kassetten in den kleinen Kasten legte, sich den Bügelkopfhörer aufsetzte und fern jeder Steckdose unbeschwert mit Musik auf den Ohren Reisebus fuhr. Jedenfalls so lange, bis der Ton leierte, weil den Batterien der Saft ausging. In Wahrheit war so ein Walkman nämlich ziemlich unpraktisch. Eine Musiksammlung füllte schnell den halben Rucksack, einfach zum nächsten Lied springen ging nicht. Und beim Spulen verhedderte sich das Tonband schon mal derart, dass man es mühsam glätten und mit einem Bleistift wieder einfädeln musste. Eigentlich also ein Segen, dass der Walkman erst durch den Discman, dann den MP3-Player und schließlich durch das Smartphone ersetzt wurde. Heute tippen wir nur noch mit der Fingerspitze auf eine Streaming-App und schon eröffnet sich uns eine Welt aus Millionen von Liedern Tausender Bands. 

Das Internet hat nicht nur unseren musikalischen Horizont erweitert. Es hat unser ganzes Leben schneller, günstiger und sogar unterhaltsamer gemacht. Anstelle von Zettelkästen in der Bibliothek durchforsten wir Google Books, Navigationsdienste weisen uns den Weg und statt an der Wählscheibe eines in der Wand verankerten Telefons zu drehen, chatten wir online via WhatsApp rund um die Welt. Außerdem muss heute niemand mehr auf die Ausstrahlung von Wetten, dass …? warten, in der Hoffnung, ein paar internationale Stars würden auf Thomas Gottschalks Sofa im Originalton zu Wort kommen. Wir folgen unseren Idolen einfach direkt auf Instagram. Heute kann jeder zu jeder Sekunde online finden, was er unterhaltsam oder spannend findet. Nostalgie hin oder her: Es war früher nicht alles besser.

Trotzdem bleibt da dieses permanente Unbehagen. Denn egal, was wir digital tun – ob wir mit Freunden chatten, Schnappschüsse machen, uns durch die Straßen navigieren lassen, irgendetwas googeln oder online einkaufen: Die kleinen digitalen Helfer verlangen nicht nur unsere ständige Aufmerksamkeit, sondern auch jede Menge private Daten. Wir hinterlegen Kreditkarteninformationen, laden Fotos in die Cloud und offenbaren uns den ständig lauschenden Sprachassistenten. Was die Unternehmen, die all das anbieten, am Ende mit all diesen Informationen anstellen? Wir wissen es nicht so genau.

Einverstanden, oder?

Also hoffen wir, dass nichts schiefgeht und dass uns im Zweifel Verbraucher- und Datenschutzgesetze schützen. Und das, obwohl regelmäßig Fälle bekannt werden, in denen Daten von Millionen Nutzerinnen und Nutzern gestohlen oder illegal weiterverkauft werden, in denen Menschen überwacht und ausspioniert, Identitäten im Netz gestohlen oder Scheinidentitäten aufgebaut und für manipulative oder betrügerische Zwecke missbraucht werden. Wir klicken mehrmals am Tag auf "einverstanden", "zulassen" oder "kaufen", obwohl wir teils wissen, teils fühlen: Wahrscheinlich verdient diese App, diese Website oder dieser Shop mein Vertrauen nicht. Aber man will halt schnell den Urlaub buchen.

Ein tägliches Dilemma, an das wir uns längst gewöhnt haben. Denn totale digitale Abstinenz ist keine echte Option. Sich von allem, was die anderen nutzen, abmelden? Alles offline einkaufen? Den alten Faltstadtplan einpacken? Nur noch mit Bargeld zahlen? Das geht nicht so einfach. Und: Es wäre auch ein bisschen übertrieben.

German Begeisterung

Uns Deutschen wird oft unterstellt, besonders ängstlich zu sein. Bedenkenträgerei als miesepetrige Tugend, dafür gibt es im Amerikanischen sogar den Begriff der German Angst. In unserem Land, in dem vergleichsweise viel über Datenschutz gesprochen wird, so legen es unterschiedliche Umfragen nahe, haben wir angeblich auch besonders viel Angst vor neuen Technologien.

Doch das stimmt so nicht, wie Studien – alte wie aktuelle – belegen (zum Beispiel TAB: Hennen, 1994; Weyer et al., 2012; Hampel et al., 2016). "Trotz kritischer Fragen gibt es in der Bevölkerung eine große Begeisterung und eine hohe Akzeptanz für neue Technologien", sagt etwa der Soziologe Johannes Weyer, der seit Jahren erforscht, wie sich Technologien auf eine Gesellschaft auswirken.

Der Umgang mit Google ist dafür ein gutes Beispiel. Viel wird hierzulande über das Unternehmen als Datenkrake lamentiert. Als Google seine Straßenansichtsfunktion Street View startete und mit eigenen Fahrzeugen ganz Deutschland abfuhr, um jede Fassade und jeden Hauseingang zu fotografieren, ließen viele Menschen ihr Zuhause aus Datenschutzgründen verpixeln. Gleichzeitig nutzten 2016 laut einer Umfrage 80 Prozent der Deutschen Google Maps, wo Street View integriert ist.