"Die Klimaleugner sind gut organisiert" – Seite 1

Joachim Allgaier forscht am Lehrstuhl für Gesellschaft und Technik der RWTH Aachen unter anderem über digitale Medien und Wissenschaftskommunikation. 2015 untersuchte er auf YouTube Suchbegriffe zum Thema Klimawandel und fand heraus, dass bei manchen Begriffen sehr viele wissenschaftlich unseriöse Inhalte und Verschwörungstheorien erscheinen. Da sich das Peer-Review-Verfahren der Studie über Jahre hinzog, erscheinen die Ergebnisse erst jetzt – und wurden von manchen Medien teils reißerisch interpretiert. ZEIT ONLINE fragte den Wissenschaftler, wie aussagekräftig die Ergebnisse wirklich sind.

ZEIT ONLINE: In der vergangenen Woche konnte man in Medien Sätze lesen wie "Klimawandel: Verschwörungstheoretiker kapern YouTube". Stimmt das?

Joachim Allgaier: Das ist extrem radikal formuliert. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch andere Informationen finden würde. Es sind vor allem zwei Suchbegriffe, die von Verschwörungstheorien betroffen sind.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?

Allgaier: Mich hat interessiert, was ein Durchschnittsuser auf YouTube angezeigt bekommt, wenn er oder sie nach bestimmten Begriffen zum Thema Klima sucht. Um personalisierte Suchergebnisse zu umgehen, habe ich das Anonymisierungstool Tor genutzt und die Untersuchung mehrfach mit unterschiedlichen Identitäten wiederholt. Insgesamt habe ich nach zehn englischen Begriffen gesucht, darunter "climate", "climate change", "climate engineering", "global warming" und "chemtrails". Die jeweils ersten 20 Treffer, also die erste Seite der YouTube-Suche, habe ich dann genauer analysiert. Das sind die Informationen, die für die Nutzer am relevantesten sind. Die insgesamt 200 Videos habe ich dahingehend analysiert, ob sie dem wissenschaftlichen Konsens des menschengemachten Klimawandels entsprechen, ob sie den Klimawandel leugnen, ob es sich um ein Debattenformat handelt, oder um eine Verschwörungstheorie.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie herausgefunden?

Allgaier: Abgesehen von "chemtrails" führten die Suchbegriffe "climate modification" und "geoengineering" am ehesten zu Videos mit Verschwörungstheorien, etwas moderater auch der Begriff "climate engineering". Diese Videos haben teilweise auch sehr hohe Abrufzahlen. Wenn man nun aber nach den großen, starken Schlagworten wie "climate" oder "global warming" sucht, findet man in der Regel Informationen, die dem wissenschaftlichen Konsens entsprechen, etwa von professionellen Medien.

ZEIT ONLINE: Dann bestätigt Ihre Studie doch nur: Wer nach den Kampfbegriffen von Klimaskeptikern sucht, findet auch entsprechende Inhalte, oder?

Allgaier: Für "chemtrails" stimmt das, aber bei "geoengineering" und "climate engineering" handelt es sich um dezidierte wissenschaftliche Begriffe. Die Verschwörungstheoretiker besetzen diese mittlerweile, weil sie gelernt haben, dass man bei der Erwähnung von Chemtrails sofort als Verschwörungstheoretiker identifiziert wird. Es findet also eine Redefinition statt, die für die Wissenschaft sehr schädlich ist. Den Begriff Chemtrails habe ich letztlich auch deshalb aufgenommen, um zu sehen, ob es nicht auch sogenannte debunking-Videos gibt. Also Videos, die gezielt der Aufklärung von Verschwörungstheorien dienen. Und hier finden sich unter den ersten Suchtreffern erstaunlich wenige. Das hat mich überrascht, denn es ist ja bekannt, dass es diese Theorien gibt. Und ich stelle mir die Frage, wer denn etwas dagegen tun kann oder sollte: die wissenschaftliche Community oder doch eher die großen Netzwerke der Science-YouTuber?

ZEIT ONLINE: Kann man die irreführenden Inhalte einfach erkennen, weil sie qualitativ schlechter sind?

Allgaier: Man findet das komplette Spektrum. Von Handyvideos, die Kondensstreifen aufnehmen, bis zu aufwändig produzierten Pseudodokumentationen. Die Klimaleugner sind auch durchaus gut organisiert. Da ist definitiv eine Expertise vorhanden, was Social-Media-Marketing angeht. Diese Leute wissen sehr wohl, wie und über welche Inhalte man die Menschen erreicht, vielleicht sogar besser, als die Scientific Community.

ZEIT ONLINE: Haben Sie bei Ihrer Untersuchung Hinweise auf gezielte Desinformationskampagnen gefunden?

Allgaier: Dafür war der Korpus zu klein. Es gibt aber Untersuchungen, gerade auf Twitter und Facebook, die auf organisierte Kampagnen zu verschiedenen Themen hindeuten.

"Es ist möglich, dass sich bei YouTube etwas verbessert hat"

ZEIT ONLINE: Es gibt Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Videos zum Thema Klima auf YouTube. Reichen die von ihnen untersuchten 200 Videos überhaupt, um eine qualitative Aussage zu treffen?

Allgaier: Ganz sicher nicht. Ich habe die Untersuchung deshalb auch als explorative research klassifiziert. Denn die Forschung zum Thema Wissenskommunikation untersucht vor allem Twitter. Und das, obwohl YouTube viel mehr Menschen als Twitter erreicht. Aber es ist eben schwieriger, sich YouTube forschungstechnisch zugänglich zu machen. Es gibt viel mehr Elemente: Kommentare, Beschreibungen, Video, Ton, Statistiken, Empfehlungen, Likes und Dislikes. Mit der Studie wollte ich deshalb vor allem sagen: Hey, wir wissen noch extrem wenig über dieses extrem einflussreiche Internetphänomen, und das sollten wir ändern.

ZEIT ONLINE: Sie haben die Videos größtenteils schon im Jahr 2015 untersucht. YouTube hat auf die Studie reagiert und gesagt, dass die Mechanismen seitdem verbessert wurden und problematische Inhalte deshalb nicht so prominent erscheinen. Stimmt das?

Allgaier: Es ist möglich, dass sich das etwas verbessert hat und den Nutzern weniger zweifelhafte Inhalte vorgeschlagen werden. Dazu müsste man die Untersuchung noch einmal wiederholen. Ich würde mir einfach wünschen, dass man sich nicht einfach auf die Aussagen der großen Technikfirmen verlassen müsste, sondern dass es stattdessen noch mehr unabhängige Forschung zu diesem Thema gäbe.

ZEIT ONLINE: Sollten Wissenschaftler nicht selbst aktiver auf YouTube sein?

Allgaier: YouTube hat ein riesiges Potenzial für die Wissenskommunikation. Eine repräsentative Umfrage aus diesem Jahr hat herausgefunden, dass 93 Prozent der 18-jährigen Schüler in Deutschland YouTube nutzen, und zwar nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für Bildung und Weltgeschehen. Aber es sind vor allem professionelle YouTuber, die Wissenschaft auf YouTube verbreiten. Die wissenschaftlichen Institutionen sagen zwar immer, dass man mal was tun müsste, aber viele Kanäle haben verschwindend geringe Abrufzahlen. Vielleicht war der Fall von Rezo ein Weckruf. Ich glaube, da sind schon einige Politiker, Journalisten und vielleicht auch Wissenschaftler aufgeschreckt, weil sie gemerkt haben: Ui, diese YouTuber erreichen ja wirklich die Menschen!

ZEIT ONLINE: Die professionellen YouTuber, die sie erwähnen: Sind das denn Experten?

Allgaier: Ich schaue mir gerade mit Kollegen die Sache an. Wir wollen herausfinden, ob sich eine neue Form von Expertise auf diesen Kanälen ausbildet. Wir stehen erst am Anfang, aber eine erste Tendenz spricht dafür, dass es so ist. Die typischen Experten, die etwa im Fernsehen auftreten, findet man auf YouTube selten. Dort ist alles etwas allgemeiner gehalten. Was aber nicht heißt, dass es nicht auch Fachwissenschaftler gibt: Mai Thi Nguyen-Kim etwa, die den Kanal maiLAB betreibt, ist promovierte Chemikerin und inzwischen auch Moderatorin von Quarks im WDR. Aber man muss sich sehr genau anschauen, wer denn auf YouTube als kompetent wahrgenommen wird und ob eine gefühlte Authentizität zu einer gefühlten Expertise führt.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online