Jeffrey Epstein war, so liest man, ein ebenso erfolgreicher wie charismatischer Geschäftsmann. Seit den Achtzigerjahren verkehrte der Investmentbanker und Berater sowohl privat als auch beruflich mit Schauspielern, Models, Politikerinnen und zunehmend mit Gründern aus dem Silicon Valley, führenden Wissenschaftlerinnen und Akademikern. Der Multimillionär spendete gut und gerne Geld an NGOs, Forschungsprojekte und Universitäten – und die nahmen es lange Zeit dankend an. Selbst dann noch, als der Name Jeffrey Epstein in der Öffentlichkeit längst nicht mehr gut ankam.

Jeffrey Epstein war nämlich auch ein verurteilter Sexualstraftäter. Ab 2005 legte eine Untersuchung offen, dass Epstein über Jahre hinweg Frauen und minderjährige Mädchen missbraucht und zur Prostitution gezwungen hatte. Epstein verbrachte aufgrund guter Führung lediglich 13 Monate im Gefängnis, wobei er allerdings unter der Woche meistens Freigang hatte, um weiterhin zu arbeiten. Anfang Juli 2019 wurde er aufgrund neuer Erkenntnisse erneut verhaftet, am 10. August starb er in seiner Gefängniszelle – Suizid, heißt es offiziell.

Jetzt, einen Monat nach Epsteins Tod, wird sein Einfluss zu Lebzeiten kritisch beäugt. Es geht um die Frage, ob man als Unternehmen, Hochschule oder Wissenschaftler Geld von einem verurteilten Kriminellen annehmen sollte. Wo hören private Spenden auf und wo fangen die moralischen Bedenken an? Und was sagt das über das Selbstverständnis von Wissenschaft und Technikbranche aus?

Treffen mit Silicon-Valley-Promis

Im Mittelpunkt der Debatte steht das MIT Media Lab, eine Fakultät des Massachusetts Institute of Technology, die an der Schnittstelle von Kultur und Technologie arbeitet und vor allem durch Spenden finanziert wird. Vergangene Woche zeigten Recherchen des US-Magazin New Yorker, dass Lab-Leiter Jōichi Itō über einen längeren Zeitraum Spenden von Jeffrey Epstein angenommen haben soll. Und zwar in einem Umfang, der deutlich größer war, als Itō zunächst angab. Insgesamt 7,5 Millionen US-Dollar soll Epstein über Partner an das Media Lab überwiesen haben. Weil er aber auf der schwarzen Liste unerwünschter Spender des MIT stand, haben die Verantwortlichen des Media Lab versucht, Epsteins Namen in offiziellen Dokumenten möglichst nicht zu erwähnen. Sein Deckname soll Voldemort gewesen sein – benannt nach dem Bösewicht aus Harry Potter.

Jōichi Itō ist vergangene Woche von seinem Posten am Media Lab zurückgetreten, doch der Skandal ist damit nicht beendet. Längst richtet sich der Blick nicht mehr nur auf das MIT Media Lab, sondern auch andere Institutionen wie die Harvard University, die ebenfalls Spenden von Epstein in Millionenhöhe annahmen. Auch prominente Vertreter aus dem Silicon Valley wie Tesla-Geschäftsführer Elon Musk, Google-Gründer Sergey Brin und Amazon-Chef Jeff Bezos stehen in der Kritik.

Sie alle sollen 2011 an einem Treffen teilgenommen haben, bei dem auch Jeffrey Epstein zugegen war, berichtet Buzzfeed. Zu diesem Zeitpunkt waren dessen Straftaten bereits hinlänglich bekannt. Organisiert wurde das Abendessen von dem einflussreichen Literaturagenten John Brockman, der mit der Edge Foundation einen Club für Intellektuelle aus Wissenschaft und Technik gegründet hat – und offenbar eine gute Beziehung zu Epstein hatte. So diente dessen Privatinsel, wo er später Minderjährige wiederholt missbraucht haben soll, in der Vergangenheit als Treffpunkt für Konferenzen, an denen führende Wissenschaftler wie Stephen Hawking teilnahmen.

Nun ist natürlich nicht verboten, an einem Abendessen teilzunehmen, an dem auch Jeffrey Epstein zugegen war. Zumal Epstein seine Strafe zum Zeitpunkt des erwähnten Dinners abgesessen hatte und viele der Anwesenden offenbar zuvor weder wussten, dass Epstein anwesend sein würde, oder auf Nachfrage von Buzzfeed erklärten, ihn zum damaligen Zeitpunkt gar nicht erkannt zu haben.