Unser Alltag wäre ohne es vielleicht langsamer. Wahrscheinlich wären wir weniger mobil: Wir könnten nicht von überall aus arbeiten, nur über teure Telefonate mit Menschen im Ausland kommunizieren, Nachrichten würden uns nicht per Pushmitteilung erreichen. Es wäre alles ein bisschen so, wie es noch vor wenigen Jahren war, als Internetverbindungen lahm waren, teuer, und viele Anwendungen, die unser Leben geschmeidiger und schneller machen, einfach noch nicht geschrieben waren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir diese unverbundene Welt als weniger vielfältig, anstrengend und bedrohlich wahrnehmen würden. Ziemlich sicher würden wir uns über die scheinbar unendliche Auswahl an Reisezielen im Reisebüro beschweren oder über MP3-Titel, die man sich in Musikläden kaufen müsste. Schon die ständige Erreichbarkeit über das Handy empfänden wir sicher als stressig. Manfred Spitzer würde Bücher darüber schreiben, wie das Handy und die SMS unsere Kinder verdummen. Und wir würden uns auch ohne das Internet ängstigen, dass Maschinen uns die Jobs wegnehmen.

Wenn es eine neue Entwicklung hin zum Schlechteren gibt, dann sehen viele Menschen gern das Internet als die Wurzel allen Übels. Nicht nur wenn es darum geht, dass alles immer schneller wird. Fake-News, so der Vorwurf, würden sich vor allem übers Netz verbreiten, Hatespeech zunehmen, Menschen würden dort manipuliert, würden sich radikalisieren und abkapseln. Richtig daran ist: Durch das Internet haben sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen möglicherweise verstärkt. Nur vergisst man oft, dass sie nicht erst von der Technologie angestoßen wurden. Sie ist nicht die Wurzel, sondern der Mensch. So verbreitete zum Beispiel schon der Politiker Benjamin Franklin im 18. Jahrhundert während des Unabhängigkeitskrieges der USA falsche Informationen. Radikalisiert haben sich Menschen auch in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts und Hass war (und ist) im Leben ohne Internet ebenso vorhanden. All diese negativen Dinge tun Menschen auch offline. Auch wenn manches schwerfälliger und komplizierter sein mag. 

Nicht ungerechter, sondern besser sichtbar

Das Internet macht Ungerechtigkeiten sichtbar, die lange im Verborgenen blieben. Wenn maschinell lernende Systeme darüber entscheiden, welche Kredite, welche Jobs oder welches Strafmaß wir erhalten, wird gern über die Daten gesprochen – weil in denen bestimmte Vorurteile implementiert seien. Bei einem künstlich-intelligenten System von Amazon zum Beispiel wurden Frauen schlechter beurteilt. Das macht aber nicht die KI voreingenommen. Die Daten reflektieren frühere Entscheidungen von Menschen, die bestimmte Menschen bevorzugten und andere benachteiligten. Letztlich wird die Subjektivität einer Entscheidung durch vernetzte Systeme besser erkennbar.

Was das zeigt: Das Netz prägt nicht so sehr den Menschen wie der Mensch das Netz. Dementsprechend würde sich eine Welt ohne Internet wahrscheinlich auch gar nicht so fundamental von unserer heutigen unterscheiden.