Dropbox, zuletzt eher die Abstellkammer in der Cloud, hat sich was Neues ausgedacht: ein virtuelles Büro der Zukunft. Auf der Gründermesse Bits & Pretzels hat Dropbox-Chef Drew Houston ZEIT ONLINE erklärt, wie das unser Arbeitsleben verändern soll.

ZEIT ONLINE: Dropbox, das war für viele lange einfach ein Cloudspeicher, in dem sie Urlaubsfotos bunkerten, bis er voll war. Jetzt wollen Sie mit Dropbox Spaces eine Art zentralen Schreibtisch schaffen, der alles in einer Welt vereint, was Menschen den ganzen Tag bei der Arbeit nutzen. Warum, denken Sie, brauchen wir das?

Drew Houston: Vor 20 Jahren bekamen Menschen fünf E-Mails am Tag – nicht 500. Wenn mein Vater nach Hause kam, stellte er seine Aktentasche ab und dachte bis zum nächsten Tag nicht mehr an Arbeit. Damals halfen Technologien ihm, sich zu fokussieren, weil er mit einer E-Mail wirklich einen Telefonanruf sparte. Aber mittlerweile sind die Tools, die uns helfen sollten, weniger zu arbeiten, die eigentliche Arbeit geworden. Das ist vergleichbar mit dem Fernsehen: Erst hatten wir zehn Kanäle, dann Hunderte. Und auf einmal verbrachten wir mehr Zeit damit, uns durchs Programm zu zappen, als uns konzentriert etwas anzugucken.

Mehr Zusammenarbeit ist nicht immer besser.

ZEIT ONLINE: Dabei werden doch ständig neue Tools entwickelt, die uns die Arbeit erleichtern sollen.

Houston: Ja, aber damit macht es die Technologiebranche nur schlimmer. Bisher haben wir alle an einem Arbeitstag Dutzende Apps und Tabs geöffnet, Hunderte Benachrichtigungen blinken uns entgegen. Je mehr Tools wir zur Zusammenarbeit brauchen, desto unruhiger wird es. Mehr Zusammenarbeit ist nicht immer besser.

ZEIT ONLINE: Als Antwort darauf präsentieren Sie nun das nächste Tool: einen smarten Workspace namens Dropbox Spaces, eine Plattform, die endgültig damit aufräumen soll.

Houston: Genau. Sie können darin zum Beispiel Powerpoint-Folien, PDFs oder Google Docs bearbeiten, sie mit anderen teilen und mit ihnen interagieren. Direkt vom zentralen Schreibtisch aus einer einzigen App heraus. Wenn Ihr Kollege eine Powerpoint-Präsentation erstellt und Sie sollen sich mal die dritte Seite angucken, kann er Sie in Dropbox Spaces erwähnen und Sie bekommen eine Benachrichtigung, zum Beispiel via Slack. Und darin den Link direkt auf die dritte Seite der Präsentation.

ZEIT ONLINE: Wobei die Benachrichtigungen an sich ja ähnlich bleiben. Denken Sie, das Kommunikationsaufkommen wird sich dadurch wirklich verringern?

Houston: Die Grundfrage ist: Wie schaffen wir es, dass eine E-Mail gar nicht erst gesendet wird? Bisher speichern Leute eine Powerpoint-Präsentation und senden oder slacken dann das Dokument an die Kollegen: "Hier, ich habe was geändert." Und jeder muss diese Mail lesen, in das Dokument gehen und herausfinden, was genau geändert wurde. Oder Sie suchen nach der aktuellen Version einer Datei und schreiben in einen Slack-Channel, ob jemand die habe. Damit nutzen Sie zehn Menschen als Ihre menschliche Suchmaschine. Eine sehr ablenkende Arbeitsweise. Durch die neue Plattform werden sicherlich nicht vom ersten Tag an weniger Benachrichtigungen verschickt. Aber man muss zumindest nicht mehr zwischen Apps hin- und herwechseln. Dropbox Spaces schafft also schon mal eine ruhigere Atmosphäre.

ZEIT ONLINE: Ihre Konkurrenten Microsoft und Google bieten ebenfalls Lösungen an, mit denen man gemeinsam an Dokumenten arbeiten kann. Sie denken, Ihre ist besser?

Houston: Ja, denn der Unterschied ist, dass Dropbox Spaces allen die Arbeit erleichtern soll, egal, ob sie Office, G-Suite oder unser Dokumententool Dropbox Paper verwenden. Natürlich kann man auch ein Google Doc kommentieren. Aber was ist, wenn man auch noch eine Keynote-Präsentation oder ein Microsoft-Doc in einem Projekt nutzt? OneDrive, der Filesharing-Dienst von Microsoft, unterstützt Google Docs nicht. Und ich glaube auch nicht, dass sich das bald ändert.