Wie radikalisieren sich heute Menschen und welche Rolle spielt das Netz dabei? Seit der mutmaßliche Rechtsterrorist Stephan B. in Halle zwei Menschen getötet hat, wird auch wieder über Echokammern und Filterblasen diskutiert, in denen er sich bewegt haben soll – also in digitalen Sphären, in denen er vereinfacht gesagt Bestätigung für sein Weltbild fand. Wie wir dies betrachten sollten, hat ZEIT ONLINE die Kommunikationswissenschaftlerin Merja Mahrt gefragt.

ZEIT ONLINE: Frau Mahrt, wir alle beschäftigen uns gerne mit den Themen, für die wir uns interessieren und an die wir glauben. Leben wir alle in einer Filterblase oder in einer Echokammer?

Merja Mahrt: Das ist ein typisches Missverständnis. Für die allermeisten Menschen wird das nicht zutreffen. Natürlich hat jeder seine eigene Perspektive auf das Leben: Dem einen ist Klimaschutz wichtig, der anderen Fahren ohne Tempolimit. Doch die allermeisten Menschen sind nicht so abgekapselt, als dass sie in einer Blase oder Kammer leben und nichts mehr von der anderen Seite mitbekämen.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Merja Mahrt ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. In ihrer Habilitationsschrift "Jenseits von Filterblasen und Echokammern: Das integrative Potenzial des Internets" hat sie sich mit digitaler Fragmentierung und ihren Auswirkungen befasst. © Alexander Vejnovic

Mahrt: Wir leben nicht nur in einer Onlinewelt. Wir kommen mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt, bei der Arbeit, in der Schule, wenn wir einem Hobby nachgehen oder uns gesellschaftlich engagieren. Dabei unterhalten wir uns über Dinge, die wir gelesen, gesehen oder gehört haben – und die stammen oft aus unterschiedlichen Quellen. Durch diesen Austausch erhalten wir andere Informationen, andere Perspektiven auf ein Thema. Ich will damit nicht sagen, dass wir alle immer miteinander übereinstimmen und alle Sichtweisen gleich bewerten. Aber in der Regel hat man noch ein Leben außerhalb des Bildschirms.

ZEIT ONLINE: Sie erforschen seit Jahren Filterblasen und Echokammern. Sind die Sorgen vor Radikalisierung im Netz Ihrer Ansicht nach gerechtfertigt?

Mahrt: Jede Sorge, die sich nur auf digitale Kommunikationsangebote oder deren Nutzung fokussiert, halte ich für übertrieben. Fragmentierung sieht man nicht nur im Internet, aber wir diskutieren sie seit der Entstehung des Netzes häufiger. Genauso ist Radikalisierung nicht erst durch das Internet entstanden und sie passiert auch nicht nur im Netz. Es gibt viele verschiedene Wege der Radikalisierung. Wir müssen die Prozesse dahinter stärker erforschen.

ZEIT ONLINE: Nach dem Anschlag in Halle haben sich Videos der Tat offenbar in geschlossenen Gruppen über den Messengerdienst Telegram verbreitet – davon bekommt die Öffentlichkeit anders als in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Foren wie 8chan fast nichts mit. Entstehen durch Messenger geschlossene Räume, die zur Radikalisierung einladen?

Mahrt: Ich komme ja aus der Nutzungsforschung: Was ich untersuche, betrifft in der Regel die gesamte Gesellschaft. Die Gruppen, die über solche Dienste kommunizieren, sind so klein, dass ich sie in meinen Studien nicht erfassen kann – das machen eher Kolleginnen und Kollegen in der Extremismusforschung. Was ich sagen kann: Sicherlich sollten wir die Bedeutung solcher abgekapselten Gruppen nicht ignorieren. Wenn jemandem wichtig ist, wie er in einer Onlinecommunity gesehen wird, wird es ihm sicherlich auch wichtig sein, wie er sich dort präsentiert und wie er partizipiert. Aber noch mal: Wenn ich in so einer Gruppe bin, mich in meinem sonstigen Leben allerdings auch mit ganz anderen Dingen beschäftige, dann wird das Radikalisierungspotenzial wahrscheinlich niedriger sein.