Das Imageboard 8chan rühmt sich für seine Meinungsfreiheit: Jede Person darf auf dem Onlineportal anonym posten, was sie will. Damit zieht es allerdings auch Menschen an, die Hass, Verschwörungstheorien oder Kinderpornografie verbreiten. Vor dem Anschlag im amerikanischen El Paso im August, bei dem 20 Menschen starben, soll der Attentäter seine Tat auf 8chan angekündigt haben. Seitdem ist das Portal nicht mehr erreichbar. Ob sich auch der Attentäter Stephan B., der einen Anschlag auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss in Halle verübte und zwei Menschen tötete, auf 8chan radikalisiert hat, lässt sich daher aktuell nicht feststellen. Es gebe aber Hinweise darauf, sagt der Schöpfer des Imageboards, Fredrick Brennan. ZEIT ONLINE hat mit ihm gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Brennan, Sie haben 2016 8chan gegründet. Halten Sie es für möglich, dass sich der Attentäter von Halle in Ihrem Forum radikalisiert hat?

Fredrick Brennan: Ich bin fest davon überzeugt, dass er viel Zeit auf Imageboards und explizit auf 8chan verbracht hat. Ich habe seine Schrift, die er Manifest nennt, gelesen. Sie ist voller Memes, die aus dem 8chan-Universum stammen. Schon die Art, wie er schreibt, deutet darauf hin, dass er sich dort radikalisiert hat.  

ZEIT ONLINE: Erklären Sie uns: Was genau ist 8chan?

Brennan: Im Prinzip muss man sich 8chan wie eine riesige Facebook-Gruppe vorstellen, in der aber alle anonym sind. Man kann Dinge posten, es gibt eine Art eigene Sprache. Wenn ein Post uninteressant ist, klickt man einfach auf den nächsten. Es ist eine Art riesiges, anonymes, endloses Debattenforum. Mit verschiedenen Themenbereichen, über die die Userinnen und User selbst entscheiden.

ZEIT ONLINE: Die Plattform wird mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht: Schon der Christchurch-Attentäter in Neuseeland, der offenbar ein Vorbild für die Tat in Halle war, hat dort sein Manifest gepostet.

Brennan: Tatsächlich wäre es mindestens das vierte Mal, dass ein Attentäter direkt aus dem 8chan-Umfeld kommt. Neben Christchurch stammten auch die Täter von Poway und El Paso daher. Und nun eben Halle.

ZEIT ONLINE: Es entsteht der Eindruck, dass sich die Attentäter auf 8chan radikalisierten. Würden Sie dem zustimmen?

Brennan: Ich bin kein Soziologe. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die vier Attentäter auf dem 8chan-Board /pol radikalisiert haben, kurz für: Politically Incorrect.

Es ist ein Neonazi-Board unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung
8chan-Gründer Fredrick Brennan

ZEIT ONLINE: Was zeichnet /pol aus?

Brennan: Politically Incorrect ist ein Unterforum auf 8chan für politische Debatten. Es gibt auch Boards für Kochrezepte oder Filmkritiken, aber /pol wird eindeutig von Neonazis moderiert. Das zeigt sich daran, dass andauernd Swastikas und andere NS-Symbole zu sehen sind und niemand etwas dagegen tut. Das hat mit freier Meinungsäußerung nicht mehr viel zu tun. Auch sonst wird dort Nazi-Ideologie besprochen. Es ist ein Neonazi-Board unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung.  

ZEIT ONLINE: Nun wird man ja nicht automatisch zum rechtsradikalen Attentäter, nur weil man Hakenkreuze anguckt.

Brennan: Die große Besonderheit ist, dass Nutzer in /pol und auf 8chan total anonym sind. Dort findet also ein riesiger Diskurs über neurechte Nazi-Ideologie statt, den jeder unerkannt verfolgen kann. Jeder kann alle möglichen Zwischenfragen stellen und ihm wird geantwortet. Es geht dort um die Weltherrschaft der Juden, den Geburtenrückgang aufgrund von Feminismus, den Austausch der weißen Rasse. Die Theorien scheinen in sich Sinn zu ergeben, sind aber natürlich Verschwörungstheorien. Über diese zwei Faktoren wird Nazi-Ideologie plötzlich sehr zugänglich.

Es ist der perfekte Ort, um sich einer gefährlichen Ideologie ganz schleichend zu nähern
8chan-Gründer Fredrick Brennan

ZEIT ONLINE: Zugänglicher als in einer rechten Jugendgang?

Brennan: Natürlich. Im echten Leben wägt man viel mehr ab, wenn man irgendwo dazugehören will. Man fragt sich: Finden mich diese Leute cool? Ist das eine dumme Frage? Das sind Hemmschwellen, die es auf 8chan nicht gibt. Dort hast du sofort das Gefühl, dazuzugehören. Es gibt nicht einmal Usernamen oder Profile. Man hat also auch keinen Ruf zu verlieren. Es ist in meinen Augen der perfekte Ort, um sich einer gefährlichen Ideologie ganz schleichend zu nähern.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie einen solchen Ort im Sinn, als Sie 8chan gründeten?

Brennan: Nein. Und ich bereue es jeden Tag, dass ich es getan habe. Zur Zeit ist es offline und ich hoffe, es kommt nie mehr online. Es ist voller skrupelloser Admins. Natürlich passieren dort auch positive Dinge, aber …

ZEIT ONLINE: … zum Beispiel?  

Brennan: Dazu möchte ich nichts sagen. Jedes Wort dazu wäre nur eine Verhöhnung all jener Menschen, die schon wegen 8chan gestorben sind. Oder: die in einer Welt ohne 8chan wahrscheinlich noch leben würden. Ich möchte mich einfach nur dafür entschuldigen, dass ich das Portal jemals ins Leben gerufen habe.