Große Pläne brauchen große Namen – und so heißt das vom Bundeswirtschaftsministerium mitinitiierte Projekt einer europäischen Datencloud nun Gaia X. Benannt nach der personifizierten Erde und einer Urgöttin in der griechischen Mythologie. Eigentlich sollte der Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Pläne am Dienstag auf dem Digitalgipfel in Dortmund persönlich vorstellen. Nach einer Rede stürzte er allerdings von der Bühne und wurde kurzzeitig in einer Klinik behandelt. Alle weiteren Termine wurden abgesagt. 

Erste Informationen zu Gaia X sind schon vorab bekannt: Die Datencloud soll demnach unter anderem die Ressourcen europäischer Firmen bündeln und eine "leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa" schaffen, heißt es in einem Papier zum Projekt. Deutsche Großunternehmen wie Bosch, SAP, Telekom, Deutsche Bank und Siemens sollen maßgeblich an der Entwicklung beteiligt sein, ebenso wie weitere europäische Partner, vor allem aus Frankreich. Sie sollen einen sogenannten Hyperscaler aufbauen: ein System, bei dem die Serverkapazitäten verschiedener Unternehmen zusammengeschlossen werden, damit ein ebenso leistungsfähiges wie skalierbares IT-Netz entsteht. Das Netzwerk soll Unternehmen jeder Größe vernetzen – "vom Industriekonzern über Mittelständler bis hin zu Start-ups". 

Peter Altmaier forciert damit seine schon länger gehegte Vision einer europäischen Dateninfrastruktur und, im besten Fall daraus entstehend, eines europäischen Datenpools, in dem Unternehmen Zugriff auf gebündelte Daten erhalten, etwa um Projekte im Bereich der künstlichen Intelligenz und der Industrie 4.0 durchführen zu können.

Der Wunsch nach mehr europäischer Datensouveränität

Es geht also einerseits um den Wunsch nach mehr Innovation, andererseits aber auch um den Wunsch nach mehr Souveränität. Denn Cloudnetze, wie sie die Verantwortlichen beschreiben, gibt es bereits. Sie gehören nur fast alle zu US-amerikanischen Firmen: Amazon, Microsoft und Google dominieren mit ihren Clouddiensten Analysen zufolge fast 75 Prozent des Marktes, auch unzählige europäische Unternehmen gehören zu ihren Kunden. Das soll sich mit Gaia X ändern, und zwar bald: Schon Ende 2020 soll der Testbetrieb mit ersten Anbietern starten.

"Die Macht über die Daten in Europa soll nicht mehr in den Händen einiger weniger Konzerne anderswo liegen", sagte die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) dem Handelsblatt. Vor allem der amerikanische Cloud Act, der US-Behörden erlaubt, auch auf im Ausland gespeicherte Daten zuzugreifen, gilt als bedenklich. In der Industrie wünschen sich Unternehmen laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom deshalb, dass mehr Anbieter im Rechtsgebiet der EU sitzen und entsprechend hohe Datenschutzstandards einhalten.

Die Motivation hinter Gaia X ist klar. Details zur Umsetzung blieben auf dem Digitalgipfel dagegen noch unklar. Und es gibt zahlreiche offene Fragen.  

So scheint Gaia X zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viel mehr als ein Konzept zu sein. Wie in dem vorab veröffentlichten Papier stand, sei zunächst "eine zentrale, europäisch getragene Organisation notwendig", die dann "für die Festlegung und Spezifizierung der technischen Anforderungen und des Regelwerks der Dateninfrastruktur verantwortlich" ist. Offenbar muss also zunächst mal eine geeignete Rechtsform für Gaia X gefunden werden.

Angesichts der traditionell langwierigen Entscheidungsprozesse auf europäischer Ebene und früheren missratenen Prestigeprojekten wie dem Satellitensystem Galileo, scheint die Schaffung eines solchen Regelwerks zu Beginn des nächsten Jahres unrealistisch. Zumal es sich bei Gaia X um ein komplexes Projekt handelt, an das zahlreiche Komponenten gebunden sind.