Der deutsche Investor Klaus Hommels gilt als ein Mann, der weiß, welche Digitalfirma als Nächstes durchstartet. Mit seiner Risikokapitalgesellschaft Lakestar sammelt der gebürtige Rheinländer Geld von anderen Investoren ein und steckt es in neue Jungfirmen. Erst kürzlich hat er einen Fonds in Höhe von 700 Millionen Dollar aufgelegt. ZEIT ONLINE hat mit dem Unternehmer auf der Gründermesse Bits & Pretzels gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Hommels, Sie haben früh in Firmen wie Facebook, Skype, Spotify und Xing investiert. Woran erkennen Sie, ob ein Unternehmen einmal erfolgreich sein wird?

Klaus Hommels: Investieren ist ein Instinkt, das ist keine intellektuelle Disziplin. Es gibt keine Regeln, die man sich erarbeiten kann, um das Potenzial einer Firma einzuschätzen. Dann würden das ja auch viel klügere Leute machen als ich. Man muss ein bisschen unternehmerisch denken, eine Vision teilen, ein bisschen Mut haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

ZEIT ONLINE: Aber prüfen Sie nicht die Umsätze oder Gewinne eines Unternehmens oder wie viele Kunden es hat oder wie lange die bleiben?

Hommels: Das hängt vom Reifegrad des Unternehmens ab. In sehr frühen Phasen schaue ich eher auf die Leidenschaft des Gründers. Auf die Art und Weise, wie er Probleme beschreibt und sich deren Lösung überlegt. Man kauft die Begeisterung und die diskontierte Problemlösungskapazität dieses Menschen ein. Und ein Gründer muss seine Idee verkaufen können. Gute Gründer sind Menschen, bei denen das Glas immer eher halb voll ist als halb leer. In späteren Phasen ist die due diligence (sorgfältige Prüfung der Geschäftszahlen, Anm. d. Red.) dann deutlich zahlenlastiger.

ZEIT ONLINE: Sie kommen eigentlich aus dem Management. In den 1990er-Jahren waren Sie bei Firmen wie AOL tätig. Was hat Sie am Investieren so sehr fasziniert, dass Sie diese Jobs aufgegeben haben?

Hommels: Ich habe immer investiert. In meiner AOL-Zeit kaufte ich Aktien, damals hatte ich keine Zeit für Firmeninvestments und außerdem war das ja auch noch eine ganz junge Branche. Es war aber ein Vorteil, zu der Zeit bei AOL zu sein.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hommels: Das war damals so, als hätte man den ersten erschwinglichen Ford gebaut, den Tin Lizzie. Man hat alles selber gemacht: das Browsergeschäft, die Werbung, die Content-Kanäle. Da man für alles verantwortlich war, kannte man alle Kennzahlen. Man konnte sehen: Wenn sich das und das ändert, dann reagieren Nutzer so und so darauf. Das war eine interessante Schule, um später Geschäftsmodelle bewerten zu können.

Im Finanzumfeld bin ich bis heute eine Nervensäge – bis ich dahin komme, wo ich hinwill.
Investor Klaus Hommels

ZEIT ONLINE: Sie haben sich dann selbstständig gemacht in den Zweitausendern, mitten in der Dotcom-Zeit.

Hommels: Sogar eine Woche vor der Dotcom-Krise. Schlimmer hätte es nicht sein können. Aber das ist wie so oft bei unternehmerischen Projekten: Damals war es total mühsam, aber heute ist die Geschichte praktisch. Gründer akzeptieren einen eher, wenn man sich selbst mal zwei Jahre lang durch eine Quasiarbeitslosigkeit gebissen hat. Im Finanzumfeld bin ich bis heute eine Nervensäge – bis ich dahin komme, wo ich hinwill.

ZEIT ONLINE: Es gibt von Ihnen die Geschichte, dass Sie unbedingt in Skype investieren wollten und die Gründer dann jeden Tag angerufen haben – so lange, bis die mit Ihnen geredet haben.

Hommels: Stimmt. Ich hatte von dem Videotelefoniesystem von Skype gehört. AOL nutzte damals was Ähnliches, das funktionierte aber nur beschränkt. Also dachte ich: "Lädste mal Skype runter, guckste mal. Wenn die Qualität gut ist, investierst du." Ich probierte das mit einem Bekannten in San Francisco aus. Und die Qualität war so gut, dass ich investieren wollte. Sie war in den nächsten drei Jahren übrigens nie wieder so gut.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Gründer überzeugt?

Hommels: Ich sagte ihnen, dass ich einfach mal mache. Wenn sie das nicht hilfreich finden sollten, könnten sie mich nach Hause schicken. Und wenn doch, sollten sie mich investieren lassen. Ich hatte ja nichts anzubieten: Ich war keine Marke, hatte keine Visitenkarte, keine geliehene Macht, gar nichts.

ZEIT ONLINE: Und was haben Sie dann gemacht?

Hommels: Ich habe versucht, die Gründer mit wichtigen Menschen in Kontakt zu bringen. In der Schweiz haben wir angefangen, da bin ich los, habe irgendjemanden bei der Swisscom genervt, Telefonnummern besorgt. Und das hat in der Summe für eine gewisse Basissympathie gesorgt.

ZEIT ONLINE: Heute sind Sie bekannt für Ihr Netzwerk. Was ist wichtig, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen?

Hommels: Grundsympathie hilft. Ich als Rheinländer bin da wahrscheinlich auch einfach offener als andere Menschen. Und ich glaube an deferred gratification.

ZEIT ONLINE: Daran, dass sich manche Handlungen erst in der Zukunft auszahlen?

Hommels: Ja. In einer amerikanischen Universität hat man vor Jahrzehnten einen Versuch mit kleinen Kindern gemacht. Man hat sie in einen Raum gesetzt, ihnen ein Marshmallow gegeben und gesagt: "Ich komme in einer Viertelstunde wieder. Wenn das Marshmallow noch da ist, bekommst du ein zweites. Wenn nicht, kriegst du keins." Zehn Jahre später haben die Wissenschaftler analysiert, dass diejenigen, die auf das zweite Marshmallow gewartet haben, erfolgreicher waren. Ich bin manchmal vielleicht militant, aber ich glaube an ehrliches, ethisches Verhalten. Das wird zunehmend ein so seltenes Gut, dass es sich multipliziert.