In Halle erschoss Stephan B. am Mittwoch zwei Menschen, nach allem, was bekannt ist, wollte er noch viele weitere töten. Er filmte seine Tat mit einer Helmkamera und übertrug das Video direkt ins Netz. Auf der Plattform Twitch konnten Menschen ihm während des Anschlags zusehen.

35 Minuten dauerte der Livestream, fünf Menschen schauten ihn sich in Echtzeit an. Das schreibt Twitch auf Twitter. Nach Ende der Übertragung hätten sich 2.200 Menschen die Aufnahme angesehen, ehe das Video gemeldet und entfernt worden sei. Warum der Attentäter ausgerechnet Twitch für seine Tat auswählte, ist unklar. Für rechtsradikale Inhalte ist die Plattform bislang nicht bekannt. Twitch ist eigentlich ein Portal für Gaming.

Gamerinnen und Gamer können dort live übertragen, wie sie ein Videospiel spielen. Andere Menschen schauen ihnen dabei in Echtzeit zu und können mit ihnen chatten. Mittlerweile hat sich Twitch, das zu Amazon gehört, für andere Inhalte geöffnet. In der Kategorie "in real life" erzählen Menschen aus ihrem Alltag oder teilen ihre Meinungen zu vielen verschiedenen Themen, filmen sich etwa beim Essen oder Musikmachen. Ähnlich wie auf YouTube klicken sich Nutzer durch die Kanäle anderer Streamerinnen, beliebte Kanäle werden eher angezeigt als unbekannte. Stephan B. war offenbar kein typischer Twitch-Nutzer: Der Account, den er nutzte, sei etwa zwei Monate vor dem Anschlag erstellt worden, er habe zuvor nur einmal versucht live zu streamen, heißt es von der Plattform.

Twitch hat eine Null-Toleranz-Politik gegenüber hasserfülltem Verhalten
Twitch via Twitter

Twitch ist also nicht vergleichbar mit Plattformen wie 8chan, die bekannt sind auch für rechtsradikale Inhalte. In den Foren des Imageboards gibt es praktisch keine Moderation, Menschen können ihren ganzen Hass dort ungefiltert abladen. Twitch funktioniert als Streamingportal ganz anders. Bevor Amazon es übernommen hat, konnten Streamer aber auch dort so ziemlich alles teilen und posten, was sie wollten. Auch in den Kommentarspalten finden sich heute noch rechte Inhalte. Allerdings ist es auf Twitch mittlerweile eher wie auf Facebook, Twitter oder YouTube: Jeder kann das Portal nutzen, muss sich aber an bestimmte Regeln halten. Radikale Inhalte, etwa Videos von Gewalttaten, werden gewöhnlich nicht geduldet. Man habe eine "Null-Toleranz-Politik gegenüber hasserfülltem Verhalten", heißt es von Twitch nun. "Wir […] werden alle Konten, die Inhalte dieser abscheulichen Handlung veröffentlichen, dauerhaft sperren."

Twitch unterscheidet sich aber vor allem in einem Punkt von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Portalen wie YouTube: Zuschauer schneiden teilweise mit, was sie sich gerade angucken. Das ist in anderen Netzwerken eher selten. Diese Mitschnitte laden die Zuschauer dann wiederum auf anderen Plattformen wie YouTube oder auch in sozialen Netzwerken hoch. Möglicherweise hat sich Stephan B. von seinem Livestream auf Twitch versprochen, dass so auch sein Video im Netz weiterkursiert.

Sachsen-Anhalt - Frank-Walter Steinmeier besucht Synagoge in Halle Der Bundespräsident legte vor der Synagoge Blumen ab und verurteilte die rechtsextreme Gewalttat. "Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande", sagte Steinmeier. © Foto: Jan Woitas

Dies scheint auch teilweise geklappt zu haben. Obwohl nur wenige Menschen das Video live sahen, scheint es sich anschließend schnell verbreitet zu haben. Eine eigene Untersuchung deute darauf hin, dass Menschen das Video über Online-Messaging-Dienste teilten, heißt es von Twitch. Die amerikanische Wissenschaftlerin Megan Squire schreibt auf Twitter, dass die Medieninhalte über zwei Kanäle binnen 30 Minuten auf dem Messengerdienst Telegram geteilt worden seien. Die Videos seien dann von kleineren Kanälen weitergeleitet worden. Die Kanäle hätten etwa 15.000 Konten erreicht, allerdings überlappten die sich möglicherweise, so Squire.

Normalerweise findet solche kleinen Kanäle auf Twitch nur, wer direkt nach ihnen sucht. Das ist ähnlich wie bei Twitter oder Facebook: Wenn ein Nutzer noch wenige Followerinnen oder Freunde hat, ist es unwahrscheinlich, dass man zufällig auf den Account oder seine Inhalte stößt. Das Video sei nicht in Empfehlungen oder Verzeichnissen aufgetaucht, heißt es von Twitch. Daher stellt sich die Frage, ob die wenigen Menschen, die es sich live anguckten, möglicherweise nach dem Account des Halle-Attentäters gesucht haben.

Unmöglich, ein Video aus dem Netz zu entfernen

Der Anschlag von Stephan B. war nicht der erste, der live im Netz zu sehen war. Viele erinnern sich an den rechtsradikalen Angriff auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch im vergangenen März. Der dortige Täter hatte seinen Anschlag live auf Facebook gestreamt, er war von 200 Menschen direkt gesehen worden. 29 Minuten nach Beginn wurde er entfernt, war dann aber immer wieder aufs Neue von Nutzerinnen und Nutzern hochgeladen worden. In den ersten 24 Stunden löschte Facebook nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Kopien des Videos.

Das Global Internet Forum to Counter Terrorism (GIFCT), das von Facebook, Microsoft, Twitter und YouTube gegründet wurde, hat nun rasch angekündigt, Videos des Anschlags in Halle zu löschen und entsprechend zu kennzeichnen, damit auch andere Plattformen sie als terroristischen Inhalt erkennen können. Das funktioniert über einen Hash, eine Art digitalen Fingerabdruck. Dennoch ist es nahezu unmöglich, ein Video, das einmal online war, wieder komplett aus dem Netz zu entfernen: Oft werden Kopien erstellt und auf anderen Plattformen wieder hochgeladen.

Halle - "Es war ein Wunder, dass er es nicht durch die Tür schaffte" Augenzeugen aus der Synagoge in Halle beschreiben im Video, wie sie den Anschlag erlebt haben. Mitglieder der jüdischen Gemeinde kritisieren den mangelnden Polizeischutz.