Ohne sie funktioniert keine einzige Internetadresse: Kürzel wie .com, .info oder .it. Diese Endungen in der Adresszeile, die auch Toplevel-Domains genannt werden, geben oft bereits eine grobe Orientierung, was hinter der jeweiligen Webseite steckt. Endet eine URL zum Beispiel auf .com, steckt dahinter wahrscheinlich eine kommerzielle Webseite. Hinter einer, die auf .de endet, steht meist eine Seite aus Deutschland. Und wenn am Schluss .org steht, betreibt die Webseite in der Regel eine gemeinnützige Organisation oder zumindest ein anderes nicht gewinnorientiertes Projekt. Ganz so streng nimmt man es damit aber nicht: Selbst ein Unternehmen wie Google darf seine Philanthropie-Sparte auf einer .org-Seite präsentieren.

Um die .org-Domains gibt es aktuell viel Ärger, weil deren Registrierungsstelle, die Public Interest Registry (PIR), an eine Investmentgesellschaft verkauft werden soll. Bislang gehörte sie der gemeinnützigen Internet Society (ISOC). Doch die gab Mitte November überraschend bekannt, dass sie die PIR an Ethos Capital verkauft. Was bedeutet: Die Verwaltung der Toplevel-Domain .org wird künftig nicht mehr in der Hand einer gemeinnützigen Firma liegen, sondern in der einer kommerziellen. 

Details zum Deal wurden nicht bekannt – weder wie viel Geld geflossen ist noch welche weiteren Vereinbarungen Ethos Capital und die ISOC geschlossen haben. Juristische Details sollen noch geklärt, die Übernahme dann im ersten Quartal 2020 vollzogen werden.

Gegengewicht des kommerziellen Internets

Der Adressraum, den die PIR managt, ist groß: Mehr als zehn Millionen Webseiten sind unter der Toplevel-Domain .org registriert, damit zählt sie zu den gängigsten weltweit. Sie hat außerdem noch eine besonders eng gestrickte Community aus netzinteressierten und digital aktiven Websitebetreibern. Und die befindet sich spätestens seit der Ankündigung des Verkaufs im Aufruhr.

Organisationen rufen nun dazu auf, den Verkauf der PIR zu stoppen – die Digitalaktivisten von der Electronic Frontier Foundation EFF, die Wikimedia-Stiftung, Creative Commons und das Internet Archive, aber auch andere NGOs von der Europäischen Klimastiftung bis zur US-Jugendorganisationen YMCA und YWCA.

".org muss von einer Leitungsebene gemanagt werden, die die Bedürfnisse von NGOs über Profite stellt", heißt es in ihrem offenen Brief, den fast 9.000 Menschen unterzeichnet haben. Dahinter steht vor allem die Sorge, unter neuer Führung könne die Registry die Preise für .org-Domains anziehen – und dass die Community bei Entscheidungen über den Adressraum Mitspracherechte verliert. Würde die Registrierungsstelle für die Toplevel-Domain .org ihre Macht missbrauchen, würde das "dem weltweiten NGO-Sektor großen Schaden zufügen, egal ob das absichtlich oder unbeabsichtigt geschieht", heißt es in dem Brief weiter.

Die bislang für die .org-Toplevel-Domain zuständige Internet Society ist ein Unternehmen, das zum Altehrwürdigsten zählt, was die junge Geschichte des Internets zu bieten hat: 1992 als nicht gewinnorientiertes Unternehmen gegründet kümmert sie sich um jede Menge Hintergrundarbeit, die Betrieb und Fortentwicklung des Internets sicherstellt – etwa wenn es um die Architektur der Netze geht. Während das Internet immer kommerzieller wurde, sahen viele in der Internet Society ein Gegengewicht, in dem die Ingenieurskultur, die das Web groß gemacht hat, gefördert und aufrechterhalten wurde. 

2002 übernahm sie das Management der Toplevel-Domain .org vom kommerziellen Verwalter Verisign, der auch Toplevel-Domains wie .com und .net managt. Beobachterinnen und Beobachter sahen in diesem Wechsel eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Toplevel-Domain .org, die ja ursprünglich für nicht kommerzielle Anbieter entworfen worden war, in der Praxis zum Zeitpunkt des Verkaufs aber oft auch von gewinnorientierten Webseiten-Inhabern genutzt wurde. Und tatsächlich etablierte sich .org unter der Aufsicht von ISOC beziehungsweise ihrer gemeinnützigen Registrierungsstelle PIR zu einem Synonym für nicht kommerzielle Seiten und Projekte im Netz. Das funktionierte, obwohl es bei der Registrierung keine strenge Überprüfung der Webseiten-Betreiber gibt und die Anmeldung einer .org-Adresse folglich auch anderen Webseitenbetreibern offensteht.

Mit dem Verkauf der PIR an Ethos Capital geht die Zuständigkeit für die Toplevel-Domain .org nun an einen Finanzinvestor über, der eigens für diesen Deal gegründet wurde.

Die Internetaktivisten, die sich nun gegen die Übernahme sträuben, bringt das auch deswegen so auf, weil die .org-Verwalterin PIR gerade erst im Juni 2019 ihren Verwaltervertrag mit der zentralen Vergabestelle für Internetadressen, ICANN, verlängert hat – und sich in diesem Zuge auch die Gebührendeckelung für .org-Domains streichen ließ. Bislang durfte die PIR ihre Preise jährlich um gerade einmal zehn Prozent anheben – nun ist diese Obergrenze weggefallen. Das bedeutet: Der neue Besitzer kann die Preise nun theoretisch großzügig erhöhen.