Der Informatiker David Kriesel lebt in der Nähe von Bonn und reist regelmäßig mit der Bahn. Dabei fiel ihm 2018 auf: Bei jeder zweiten Zugfahrt erhielt er einen Verspätungsalarm. Die Bahn sagt aber, dass 75 Prozent ihrer Fernzüge pünktlich seien. Kriesel wollte seine persönlichen Erfahrungen mit denen der Bahn abgleichen. Anfang Januar 2019 begann er ein Hobbyprojekt: Über eine Schnittstelle sammelte er stündlich alle Verspätungen und Ausfälle aller Fernzüge – ICEs, ICs und ECs. Die Bahn hat ihm das ohne weitere Auflagen genehmigt. Kriesels Auswertung förderte Ergebnisse zutage, die das Unternehmen normalerweise nicht veröffentlicht. Auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig hat Kriesel seine Auswertung vorgestellt. ZEIT ONLINE hat mit ihm gesprochen.
ZEIT ONLINE: Herr Kriesel, wie oft fahren Sie im Jahr mit der Bahn?
David Kriesel: Da bin ich überfragt. Ich schätze ungefähr 40 Mal.
ZEIT ONLINE: Und wohin reisen Sie dann so?
Kriesel: Die Strecken, die ich fahre, sind sehr vielfältig. Ich bin mal hier, mal da, durchaus auch mal in der Pampa, wo man dann erst ICE fährt und dann noch zwei Mal weiter mit der Bimmelbahn. Deswegen habe ich mich auch gewundert, dass die Züge ausgerechnet bei mir so oft verspätet waren. Warum trifft es immer mich?
ZEIT ONLINE: Sie haben von Januar bis Dezember 2019 alle Verspätungen und Zugausfälle der Deutschen Bahn dokumentiert. Haben Sie in den Daten eine Antwort auf Ihre Frage gefunden?
Kriesel: Ich wohne anscheinend einfach ungünstig. Der Bonner Hauptbahnhof, an dem ich gewöhnlich abfahre, scheint schlechter dran zu sein als andere. Vielleicht, weil da gerade radikal umgebaut wird. Auf der anderen Seite scheinen sich im gesamten Köln-Bonner Raum die Verspätungen zu häufen.
ZEIT ONLINE: Wie genau sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?
Kriesel: Sucht man auf dem Smartphone nach Fahrplänen, passieren zwei Dinge: Das System durchforstet die Plandaten, also wann ein Zug abfahren soll, und die Veränderungsdaten, also ob sich an der Abfahrtszeit etwas verändert hat. In den Veränderungsdaten sind übrigens bereits alle Verspätungen ab einer Minute drin, das ist sehr genau. Und diese Suche habe ich in etwas größerem Rahmen durchgeführt. Ich habe zwischen Januar und Dezember für jeden Fernbahnhof die Plandaten und die Veränderungsdaten so abgefragt, dass ich jeden Fernzug drin habe.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das gemacht?
Kriesel: Ich habe mir Server im Netz gemietet und sie so programmiert, dass sie die Anfragen für mich automatisiert stellen und speichern. Zum Schluss kommt dabei eine Datenbank heraus, die ich mir auf meinen Heimrechner gezogen habe.
ZEIT ONLINE: Was sind die Kernergebnisse Ihrer Auswertung?
Kriesel: Das kommt darauf an, worauf man schaut. Der Nahverkehr scheint an den meisten Orten recht pünktlich zu sein. Im Fernverkehr steht der Osten Deutschlands offenbar deutlich besser da als der Westen. Am meisten verwundert hat mich aber die Ausfallquote der ICEs, die ja immerhin das Flaggschiff der Bahn sind.
ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns zunächst über die Verspätungen sprechen. Für die Bahn ist ein Zug erst dann zu spät, wenn er mehr als fünf Minuten Verspätung hat. An diese Definition haben auch Sie sich gehalten. Warum?
Kriesel: Es hätte nichts gebracht, wenn ich gesagt hätte: Ich finde drei Minuten als Messgröße besser. Dann hätte der Nächste gesagt, er finde aber fünf Minuten Verspätung richtig. Daher habe ich mich an der Bahn orientiert, dann bleibt man vergleichbar. Stehe ich am Gleis, ist es mir egal, ob ich fünf oder sechs Minuten warte.
Kommentare
Gurgelstrangulator
#1 — vor 1 MonatFernzüge... das Managervolk kann ruhig mal warten. Sind sie ja offenbar nicht gewohnt.
Das Problem ist aber der Nahverkehr, wo täglich Leute zu völlig überhöhten Preisen fahren, die darauf angewiesen sind. Da fallen S-Bahnen ohne Grund aus, sind versifft und Verspätung gehört gewissermaßen zum "guten Ton". Da brauchts keine Informatik. Einfach mal die Leute fragen. In Japan gilt ein Zug ab 30 sec. als verspätet.
TB42
#1.1 — vor 1 Monat2 Euro pro Tag für Berlin AB find ich nicht übertrieben teuer und sauber sind die Bahnen auch. Verspätungen sind nicht so erheblich, aber die Zuverlässigkeit könnte besser sein.
norge12
#2 — vor 1 MonatGerade am Freitag war ich gute 5h unterwegs, statt 2:43h.
Grund für den Ausfall: Nur eine Toilette im Zug funktionierte. Jedoch saß ich schon in dem Zug und kurz nach dem gemütlichen Platznehmen, kam die Durchsage.
Nunja, so ist das eben.
Ich nehme Verpätungen gelassen. Ändern kann ich die Situation nicht. Ich genieße immer den Moment. Beschäftige mich Unterhaltungen mit Mitreisenden, beobachte Vögel, Zeichne...
Viele Leute haben verlernt Gelassenheit zu bewahren. Früher dauerten Reisen auch länger. Es ist historisch nicht normal in wenigen Stunden ein Ziel zu ereichen, wofür man früher Tagelang unterwegs war.
Letztes Jahr war ich in Nordrusand mit dem Zug. Die Fahrt hatte einen ganzen Tag Verpätung. Die Fahrgäste waren versorgt mit Nahrung und Trinken. Es wurden Unterhaltungen geführt, gelacht und gefeiert.
Niemand störte diesen Situation. Die Menschen haben die Zeit. Sie nutzen den Moment.
Unveränderbare Situationen müssen eben hingenommen werden. Es bringt nichts sich aufzuregen. Das Leben ist zu kurz um nicht jeden Moment als etwas kostbares und bewusstes zu Erleben.
LionessLover
#2.1 — vor 1 MonatOkay.
Sequester
#3 — vor 1 MonatIch hab mir vorgestern den Vortrag von ihm auf Youtube angesehen - großartig und unterhaltsam!
Ich kann auch noch seinen Vortrag zu Spiegel Online empfehlen und sein Vortrag zu Xerox ist sowohl extrem lustig als auch ziemlich verstörend.
cpfeiffer
#3.1 — vor 1 Monatvortrag zu spiegel und xerox sind absolut sehenswert...
antidote
#4 — vor 1 Monat5 Minuten Verspätung sind 5 Minuten Verspätung.
Wenn ich nicht umsteigen muss, ist mir das egal. Wenn schon, heißt 5 Minuten Verspätung je nachdem 1 Stunde warten, da ist nichts schönzureden.
Nach 3 Montaten pendeln mit der Bahn mit einmal umsteigen komme ich auf ca 50% Verspätungen und 20% Anschlusszug verpasst. Und ca 5% Totalausfälle.
Danke für gar nichts, liebe DB.
Ludwig van Wegen
#4.1 — vor 1 MonatDann sind Sie sind wohl ein verdammter Pechvogel. Sich aber gegen Pech empören, das bringt nix, glauben Sie‘s mir. Und wenn Sie jetzt wieder aufs Auto umsteigen und das Pech bleibt Ihnen treu, dann wird es richtig gefährlich. Sitze ich morgens in der Bahn und höre bzw. lese die (lokalen) Nachrichten, dann ist da täglich von Toten und Verletzten auf den Straßen der Region die Rede, bei der Bahn nur äußerst selten, - dann, bei der Arbeit angekommen, darf ich unsere Autofahrer bestaunen, die mehrfach im Jahr an zerquetschten LKW/PKW-Insassen vorbei kriechen und dennoch unentwegt von der Unzuverlässigkeit der Bahn schwadronieren.