TikTok ist eines der erfolgreichsten sozialen Netzwerke der Welt. 800 Millionen Menschen, vor allem Teenager, nutzen die App inzwischen, um Karaoke zu singen, zu angesagten Songs zu tanzen oder kurze Sketche zu drehen. Die Videos sind meist nur wenige Sekunden lang, selten perfekt, aber häufig auch gerade deshalb sehr unterhaltsam. Meistens jedenfalls.

Während Nutzerinnen und Nutzer TikTok vor allem mit Spaß verbinden, schütteln viele andere nur den Kopf oder machen sich Sorgen. Wie groß ist das Problem mit Hatespeech, die auf TikTok grassiert? Wie stark zensiert das Unternehmen ByteDance, dem die App gehört, politische Inhalte, etwa über die Proteste in Hongkong? Und was ist mit den Geldgeschenken, zu denen manche Streamer ihre teils minderjährigen Zuschauerinnen und Zuschauern verleiten? Anfang Januar wurde zudem eine massive Sicherheitslücke der App bekannt. 

Wer darüber hinwegsieht, bekommt mit TikTok ein eigenes und eigensinniges Universum, mit unerwarteten Stars, Witzen und Phänomenen. Wir haben vier deutsche TikToker und TikTokerinnen gefragt, was ihnen an der App gefällt, wie viel Zeit sie damit verbringen, den perfekten Sound für ihre Kurzvideos zu finden – und was sie über die Kritik denken. 

Veoja, 22 Jahre, 250.000 Follower – "TikTok macht Menschen nahbarer"

"Zu TikTok bin ich im Oktober 2018 über meine Arbeit als Erzieherin gekommen. Die Kinder im Hort waren damals total im TikTok-Fieber, ständig hieß es 'Guck mal den Tanz' hier und 'Guck mal dieses Video' dort. Mich interessiert immer, was die Kinder beschäftigt, deshalb habe ich mir die App heruntergeladen. Mir kamen schnell ein paar Ideen, also habe ich ein paar Videos aufgenommen, wovon eines ziemlich durch die Decke ging und 500.000 Abrufe und 50.000 Likes gesammelt hat.

Ich scrolle schon recht oft durch die App und gucke mir die Videos von anderen an, folge aber fast nur englischsprachigem Content. Vor allem Comedy und Gen-Z-Humor, der auch mal derber ist. Ich liebe das Format der Kurzvideos, weil wirklich jeder seine Ideen raushauen kann, ohne dafür Skills oder besonderes Equipment zu benötigen. Während auf Instagram alle versuchen, sich besonders schön zu präsentieren, ist TikTok näher am Alltag und niemand schämt sich dafür, wenn es mal nicht perfekt aussieht. Es macht die Menschen nahbarer, selbst wenn sie Millionen von Followern haben und quasi Promis sind. Das gefällt mir.

@veoja

Wenn man sich selbst nicht mal versteht.. 😂 [ Inspiration von laura.okey ]

♬ ghost duet but its possessed - louispei

In der Woche verbringe ich vielleicht zwei Stunden damit, zwischen einem und acht Videos aufzunehmen. Die Ideen kommen mir manchmal recht schnell, mal muss ich mich dazu aufraffen. Häufig entspringen sie einfach Alltagsbeobachtungen oder aus Witzen, die mein Freund macht. Oder ich mache aktuelle Trends mit, zum Beispiel Challenges, die von TikTok oder anderen Nutzern initiiert werden. Wenn mir wirklich gar nichts einfällt, dann ist auch mal zwei Tage Funkstille, weil ich nichts erzwingen will. Aber ich glaube, länger als drei Tage waren es nie.

Ich dachte mir, wenn ich ein TikTok-Video mache, bleibt das vielleicht länger hängen, als wenn das Thema in der Schule diskutiert wird.
Veoja, 22 Jahre

Inzwischen habe ich knapp 250.000 Follower. Verrückt. Es gibt da draußen 250.000 Menschen, die irgendwie gut finden, was ich für Videos mache! Selbst mein Vater scrollt mittlerweile durch TikTok, das gibt er aber nicht zu. Aus meinem Freundkreis dagegen sind gar nicht so viele auf der Plattform. Meiner Erfahrung nach tummeln sich dort vor allem jüngere Menschen. Das merke ich auch an den Reaktionen: Mir schreiben größtenteils Mädels, die ich auf ein Alter zwischen 9 und 15 Jahren schätze, obwohl man die App offiziell erst ab 13 nutzen darf.

Gerade weil so viele junge Menschen auf TikTok sind, finde ich es wichtig, nicht nur Quatsch zu machen, sondern auch ernste Themen anzusprechen. Vor einigen Wochen habe ich ein Video gemacht, in dem ich das dritte Geschlecht erkläre. Die Idee dazu hatte ich, weil ich zuvor gesehen habe, dass sich viele Leute darüber lustig gemacht haben und in den Kommentaren zu diesen Videos viele einfach nicht wissen, was das eigentlich bedeutet und was der Unterschied zwischen Geschlecht und Gender ist. Ich dachte mir, wenn ich ein TikTok-Video mache, in dem ich das erkläre, bleibt das vielleicht länger hängen, als wenn das Thema in der Schule diskutiert wird.

@veoja

#tiktoktraditions Passt auf, was ihr euch wünscht! 😂

♬ Jingle Bell Rock - Glee

Nicht jedem gefällt, was ich mache. Ich hatte schon einige Hate-Wellen, aber ich lasse das nicht an mich ran. Manchmal habe ich die Kommentare in einem eigenen Video ins Lächerliche gezogen. Ich weiß natürlich, dass andere User vielleicht nicht so gut damit umgehen können. Ich habe selbst Depressionen und schon als Kind Mobbing erfahren. Manchmal dachte ich damals, es geht nicht mehr weiter, aber ich hatte Hilfe. Mir ist es deshalb wichtig, auf psychische Probleme hinzuweisen, auch auf TikTok. In meinen Videos und Streams empfehle ich, sich eine Vertrauensperson zu suchen und über Probleme zu reden. Im Dezember hatte ich eine Art "Gewinnspiel", in dem es darum ging, bei anderen TikTokern einen positiven, auf die Person zugeschnittenen Kommentar zu hinterlassen. Denn ein süßes Kompliment kann zehn Hasskommentare überblenden.

Insgesamt finde ich, dass TikTok einen besseren Ruf verdient hat. Es gibt sicherlich Probleme und Dinge, die nicht ganz so gut laufen. Aber wichtig ist, dass die Community auf Kritik reagiert und man Hater und fragwürdige Inhalte in die Schranken weist. Solange das passiert, ist TikTok auf einem guten Weg."

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Marek Fritz, 19 Jahre, 800.000 Follower – "Wenn du nichts machst, bist du schnell weg vom Fenster"

"Wenn ich nicht auf TikTok bin, mache ich eine Ausbildung zum Grafikdesigner. Das erklärt vermutlich, warum ich die Plattform mag. Ich male und zeichne viel, bin gerne kreativ und das kann ich auf TikTok ausleben. Ich bin Nutzer der ersten Stunde, denn ich war schon ab Sommer 2016 auf der Vorgänger-App musical.ly unterwegs, die letztes Jahr von TikTok aufgekauft wurde. Ich probiere fast alles aus, was neu rauskommt, auch kleinere Dienste. Aber TikTok ist zusammen mit Instagram das, wo ich am aktivsten bin.

Weil ich tagsüber arbeite, produziere ich die Videos meistens ein bis zwei Tage im Voraus. Je nach Format frisst das schon viel Zeit: An einem 15-sekündigen Video mit verschiedenen Szenen und Einstellungen sitze ich dann schon mal 45 Minuten, was schon krass ist, wenn ich mir das so überlege. An meinem Jahresrückblick saß ich sogar mehrere Stunden für Recherche und Schnitt. Die Inspiration kommt mir entweder zwischendurch am Tag oder wenn ich einen bestimmten Sound höre.

@marekfritz

Markiert jemanden, der richtig schlecht bei Referaten und Präsentationen ist HAHAH #Fürdich#Schule

♬ original sound - Gagal Maning

Ich habe inzwischen fast 800.000 Follower und verspüre einen gewissen Druck, immer neue Videos hochzuladen. Es stört mich auch, wenn ein Video nicht die Reaktionen bekommt, die ich erwartet habe. Ich mache mir selbst Druck, weil ich mich meiner Community gegenüber verpflichtet fühle. Wenn du ein paar Tage einfach gar nichts machst, bist du schnell weg vom Fenster. Es gibt genug andere Leute, die das Gleiche machen wie ich, aber vielleicht besser und lustiger sind. Ich denke, ab einer bestimmten Followerzahl spürst du immer einen gewissen Konkurrenzdruck, ob du es nun willst oder nicht.

Anfragen für Kooperationen für Werbung sind definitiv mehr geworden, aber mehr als ein Nebenverdienst ist das derzeit nicht.
Marek Fritz, 19 Jahre

Ich mag den Begriff Influencer zwar nicht, aber ich arbeite gelegentlich mit Unternehmen zusammen, auch wenn ich mehr Anfragen ablehne als annehme. Dabei geht es nicht darum, das Produkt in die Kamera zu halten, das mache ich fast nie und wenn, dann nur, wenn ich wirklich hinter dem Produkt stehe. Meistens geht es darum, ein Produkt in einer Story auf eine positive Weise zu erwähnen, sodass man sich im besten Fall später daran erinnert. Das kennzeichne ich natürlich trotzdem immer als Werbung. Es kommt auch vor, dass ich selbst direkt bei Musikfestivals anfrage, ob sie mich nicht einladen wollen und ich dann Videos mit der Musik der auftretenden Bands oder Ähnliches mache.

Manchmal werde ich auf der Straße oder in der Disco erkannt und angesprochen. Auch die Anfragen für Kooperationen für Werbung sind definitiv mehr geworden, aber mehr als ein Nebenverdienst ist das derzeit nicht. Ich will auf jeden Fall auch erst einmal meine Ausbildung abschließen und nicht abbrechen, nur weil es jetzt mal zwei, drei Monate gut lief. Denn wer weiß, wie lange TikTok überhaupt noch erfolgreich ist. Da sind einige in der Szene vielleicht etwas voreilig, wenn sie etwa überlegen, die Schule deshalb abzubrechen. 

@marekfritz

Mit was Ich meinen gestrigen Abend verbracht habe😂: (Instagram: marekfritz 😄) #Hiteverybeat#fürdich

♬ #hiteverybeat - lulbabyynelii

Die Kritik an TikTok verfolge ich, aber da wird meiner Meinung nach viel überdramatisiert. Es ist ein soziales Netzwerk mit ähnlichen Problemen wie Facebook oder Instagram. Berichte, wonach bestimmte politische Videos zensiert werden, sind natürlich nicht schön, aber man muss sich auch fragen, ob es nicht bessere Orte gibt, um solche Inhalte zu veröffentlichen.

Völlig berechtigt ist aber die Kritik an Usern, die in ihren Livestreams Geldgeschenke von ihren Zuschauern verlangen, sich also regelrecht für irgendwelche dämlichen Gegenleistungen wie das Schicken ihrer Telefonnummer verkaufen. Das ist wirklich eine Frechheit und ich hätte nichts dagegen, wenn diese Leute gesperrt würden. Immerhin hat TikTik vor kurzem Altersbeschränkungen für Livestreams eingeführt.

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Jason & Jack, 43 und 65 Jahre, 50.000 Follower – "Für uns ist TikTok einfach Quality Time"

Jason: Auf TikTok heißen wir Jason und Jack, eigentlich sind wir Chris und André. Ich bin gelernter Bürokaufmann, der vor Kurzem noch mal ein Psychologiestudium angefangen hat. André ist IT-ler und selbständiger Berater. Ich war schon bei musical.ly, aber erst, als es zu TikTok wurde, fand ich es wirklich interessant. Im September 2018 habe ich angefangen, vor allem Lipsync-Videos zu posten, später dann Weihnachtsvideos. Da war ich aber noch alleine dort unterwegs und mein Account hieß anders. Als Jason & Jack sind wir seit Frühjahr letzten Jahres unterwegs, nachdem wir gemeinsam bei einem von TikTok organisierten Interview waren. Inzwischen sind wir im Creator Program, das heißt wir haben unter anderem eine Mentorin, die uns hilft, unser Profil weiter auszubauen. Wir haben ein Promovideo zusammen gedreht und erhalten die Hashtags für die kommende Woche schon vorab, damit wir entsprechenden Content produzieren können.

Jack: Chris kümmert sich um die meiste Arbeit, also um die Ideen, den Dreh, den Schnitt und die Vorbereitungen wie Kostüme. Ich habe mehr die Rolle des Schauspielers. Weil ich beruflich viel unterwegs bin, haben wir inzwischen bestimmte Timeslots, in denen wir Videos machen. Anfang der Woche sortieren wir meistens die Ideen und sichten Videos von anderen Creators, die wir mögen. Am Freitagabend und Samstag drehen wir dann etwa sieben Videos für die kommende Woche, das dauert immer so zwei bis drei Stunden.

Jason: Dazu kommt natürlich noch die Zeit für Schnitt und Vorbereitung und auch das Beantworten von Kommentaren. Wir wollen eigentlich auf jeden Kommentar antworten, das bekommen wir noch hin, solange es im Rahmen von 100 bis 200 Kommentaren ist. Es ist uns wichtig, uns auch persönlich bei unserer Community für die Unterstützung zu bedanken.

Jack: Gerade weil es im Internet häufig zu anonym und unpersönlich zugeht. Zuletzt trafen wir auf einer Veranstaltung ein junges Mädchen, das uns sagte, dass unsere Videos sie dazu inspiriert hätten, sich vor ihre Familie zu outen. Das freut uns, auch wenn sich unsere Videos in den meisten Fällen ja gar nicht um unsere Homosexualität drehen. Wir sind einfach zwei Typen, die lustige Weihnachtsvideos drehen und mal ins Phantasialand fahren.

Mütter, Lehrer, Anwälte – wer sich länger mit TikTok beschäftigt, sieht recht schnell, dass dort eben nicht nur Minderjährige unterwegs sind.
Jason, 43 Jahre

Jason: Für uns ist TikTok einfach Quality Time, und es ist okay, wenn die auch mal etwas kostet, wenn wir uns zum Beispiel bessere Beleuchtung oder Kostüme gönnen. Andere gehen stattdessen Tennis oder Golf spielen. Ich bin schon in der Oberstufe mit der Kamera herumgelaufen, war auf der Schauspielschule, hab als Komparse und bei Theaterproduktionen gearbeitet. Ich hatte also schon immer einen Drang, was mit Film zu machen. Es ist schön, dass ich auch André begeistern konnte und TikTok jetzt für uns ein gemeinsames Hobby ist.

Jack: Ich bin 65 und wurde letztens im Parkhaus von einigen Mädels erkannt, die mit ihrer Mutter unterwegs waren und plötzlich laut gekichert haben, als sei ich ein Popstar. Das ist schon witzig, und ich schäme mich nicht dafür. Ich poste unsere Videos auch bei WhatsApp, wo sie dann auch Geschäftskontakte sehen können. Mich stört das nicht, es klicken sogar erstaunlich viele drauf. Und die Reaktionen sind immer positiv.

Jason: Ich hatte nie das Gefühl, zu alt für TikTok zu sein. Ich hatte recht schnell Kontakt zu Gleichaltrigen auf der Plattform. Mütter, Lehrer, Anwälte – wer sich länger mit TikTok beschäftigt, sieht recht schnell, dass dort eben nicht nur Minderjährige unterwegs sind, sondern es Content für so ziemlich jeden gibt. Wir schreiben und folgen prinzipiell keinen Kindern, das haben wir von Anfang an festgelegt.

Jack: Die Kritik an der Plattform haben wir mitbekommen, etwa, was Diskriminierung angeht. Persönlich haben wir das noch nicht erlebt, im Gegenteil: Wir wurden ins Creator Program aufgenommen, auch weil wir schwul sind und uns für mehr Toleranz einsetzen. Aber wenn unsere Videos in Dubai nicht angezeigt würden, weil Homosexualität dort verboten ist, könnten wir das verstehen.

Jason: TikTok ist so schnell gewachsen. Es würde mich wundern, wenn es bestimmte Probleme nicht geben würde. Unser Ziel ist einfach, weiterhin lustige und positive Videos aufzunehmen und Spaß zu haben.

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