Briefe und Päckchen aus China? Kann man gefahrenfrei entgegennehmen. Impfungen gegen Lungenentzündungen? Helfen nicht gegen das neue Coronavirus. Sollte man Knoblauch essen? Ist zwar gesund, aber es gebe keinen Nachweis, dass es vor dem Erreger schütze.

Diese Fragen und Antworten stammen von der Website der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Unter einer Rubrik namens myth busters versucht die WHO, Mythen zu bekämpfen. Die zu den Vereinten Nationen gehörende Behörde will damit den Gerüchten um das neue Coronavirus etwas entgegensetzen. Denn Gerüchte, Falschinformationen und Verschwörungstheorien verbreiten sich schneller als das Virus selbst. 

Ende 2019 brach in China ein neues Virus aus, 2019nCoV, eng verwandt mit dem tödlichen Sars-Virus. Mittlerweile sind Tausende Menschen infiziert, Hunderte gestorben, längst haben etliche Länder Fälle vermeldet. Weil der Erreger noch vergangenes Jahr  unbekannt war und die Folgen des Ausbruchs noch nicht abschätzbar sind, ist das Bedürfnis nach Wissen groß: Google Trends verzeichnet für Januar ein schnell zunehmendes Suchaufkommen zum Coronavirus. Eine Nachfrage, die nicht ungedeckt bleibt: Auf Twitter wurden in den vergangenen vier Wochen mehr als 15 Millionen Tweets zum Coronavirus abgesetzt, in den Medien erscheinen täglich neue Nachrichten und Einschätzungen. Es sind so viele Beiträge, dass die WHO von einer Infodemie schreibt, einem Überfluss an Informationen – korrekten, aber auch falschen.

Wenig Wissen, großes Informationsbedürfnis

Im Allgemeinen muss man zwischen ungesicherten Informationen, aus dem Kontext gerissenen oder falschen Nachrichten und Verschwörungstheorien unterscheiden. So kursiert im Netz etwa die Geschichte über ein Elternpaar, das angeblich ihre zwei kranken Kinder am Flughafen zurückgelassen hat. Belege gibt es dafür nicht. Genauso bei einem Video, das in alarmistischem Ton angebliche Fakten über das Virus verbreitet. Die Behauptungen darin seien teils übertrieben, teils unbelegt, teils falsch, wie das Portal Correctiv recherchiert hat. Es gibt aber auch Verschwörungstheorien. So heißt es, der Ausbruch beruhe auf einem Komplott des Microsoft-Gründers Bill Gates. Auch das stimmt nicht.

Nun mag man diese Informationen noch harmlos finden. Teils aber sind die Falschinformationen, die sich rund um das neue Coronavirus verbreiten, schädlich, gar lebensgefährlich. Etwa dann, wenn sie angebliche Heilmittel oder Behandlungen anpreisen. So rät das indische Ministerium für Ayurveda, Yoga und Naturheilkunde zur homöopathischen Behandlung der Coronavirus-Lungenerkrankung. Dabei ist die Wirkung von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen. Und auf Facebook geht das Gerücht um, dass es eine Coronavirus-Infektion kuriere, eine chemische Lösung namens MMS zu trinken. Das ist nicht nur falsch, sondern bei Anwendung sogar lebensbedrohlich. Facebook, gewöhnlich nicht bekannt für seine intensive Auseinandersetzung mit falschen Inhalten, hat nun angekündigt, entsprechende Beiträge von seiner Plattform zu entfernen. Twitter will irreführende Beiträge nicht nur löschen, sondern bei der Suche nach dem Coronavirus nur glaubwürdige Informationen anzeigen, so steht es in einem Blogbeitrag.

Die mediale Dynamik, die man momentan beobachten kann, ist nicht neu. Sie ähnelt der anderer Nachrichtenlagen – ob Terroranschlag oder Flugzeugabsturz: Zunächst passiert etwas Schlimmes, dann verbreiten sich in den sozialen Medien Informationen in Minutenschnelle, schließlich berichten Medien. Menschen lesen Posts oder Artikel, suchen nach mehr Informationen, nach Gewissheit. Weil es aber noch wenig gesichertes Wissen gibt, entsteht Raum für Gerüchte, Falschinformationen und gar Verschwörungstheorien. Der Effekt verstärkt sich dadurch, dass sich der Wissensstand rund um das Zentrum der Nachrichtenlage – in diesem Falle die Coronavirus-Erkrankung – ständig ändern kann und das, was heute gewiss scheint, morgen schon widerlegt sein könnte.

Es ist weniger relevant, wer eine falsche Nachricht in die Welt setzt, sondern wer sie verbreitet. Und das sind meistens Menschen, keine Bots.
Sozialpsychologin Nicole Krämer

Nicole Krämer arbeitet als Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Duisburg-Essen und forscht unter anderem zu Fake-News. Sie sieht für die Verbreitung falscher und ungesicherter Informationen mehrere Gründe: "Noch ist vieles um das Coronavirus unklar", sagt sie, "das sorgt für Unsicherheit." Und weil der Ausbruch zur Pandemie zu werden droht und damit auch jeder und jede in Deutschland irgendwann Gefahr laufen könnte, sich anzustecken, sei das Informationsbedürfnis besonders groß. Menschen verschickten Informationen, die sie sehen, zu schnell, sagt Krämer – oft ohne die Nachricht genau gelesen zu haben. Bilder mit besonders erschreckenden Motiven, etwa Aufnahmen aus überfüllten Krankenhausfluren, auf denen Patienten am Boden liegen, befeuerten das: "Einige Texte werden sicherlich auch weitergeleitet, weil die Macht der Bilder so stark ist", sagt Krämer. Für die Verbreitung falscher Informationen seien wir alle verantwortlich. "Es ist weniger relevant, wer eine falsche Nachricht in die Welt setzt, sondern wer sie verbreitet. Und das sind meistens Menschen, keine Bots", sagt Krämer. 

Aber natürlich werden Falschinformationen nicht nur unwissentlich gestreut. Es gebe auch Akteure, die die Informationen gezielt weiterverbreiten, sagt Krämer. Das könnten Laien sein, die einfach nur Aufmerksamkeit wollen, aber auch staatliche Akteure, die Unruhe stiften wollen.