Stephan Noller ist studierter Psychologe und Digitalunternehmer. Außerdem ist er Gründungsmitglied von D64 – dem Zentrum für Digitalen Fortschritt, einem Thinktank, der sich für eine Gesellschaft einsetzt, in der die Digitalisierung gefördert sowie wirtschaftlich und sozial genutzt wird. In diesem Gastbeitrag fragt er sich zum 15. Geburtstag von Google Maps, was wir womöglich verlieren, wenn wir uns zu sehr auf solche Dienste verlassen.

Wie kommt man mit der Bahn vom Büro zu dem Restaurant, in dem man die Geschäftspartnerin treffen soll? Wie lange dauert der Fußweg zum Fitnessstudio? Und gibt es irgendwo auf der Autobahn gerade einen Stau? Solche Fragen stellen viele Menschen heute Google Maps. Vor 15 Jahren ist der Dienst gestartet, 2018 nutzten ihn mehr als eine Milliarde Menschen. Viele davon so intensiv und im Alltag so selbstverständlich, dass er längst mehr geworden ist als eine universelle Landkarte mit eingebauter Navigationsfunktion. Viel eher hat sich Google Maps in der Zwischenzeit zu etwas entwickelt, das ich als digitalen Zwilling unseres öffentlichen Raumes sehe.

Vom digitalen Zwilling spricht man, um sich eines Bildes aus der Biologie zu bedienen: Ebenso wie biologische Zwillinge die gleiche DNA teilen, bestehen auch Google Maps und die analoge Welt aus den baugleichen Informationen und Streckenverläufen. Während die Zwillingsforschung der Psychologie bereits lange erkannt hat, wie sich unterschiedliche Lebensbedingungen bei gleicher erblicher Anlage auf Menschen auswirken, steht die Erforschung digitaler Zwillinge noch ganz am Anfang. Welche Wechselwirkung und welches Eigenleben die Existenz digitaler Zwillinge mit sich bringt, wie sie uns und die Dinge in der realen Welt beeinflussen – all diese Auswirkungen einer immer weiter fortschreitenden Digitalisierung beginnen wir erst zu verstehen, während sie längst geschehen und sich bereits tief in unserem Alltag verankert haben.

Die digitale Rekonstruktion

Ursprünglich wurde das Konzept des digitalen Zwillings für den Bereich der Digitalisierung von Maschinen und Produktionsprozessen entwickelt. Wer zum Beispiel testen wollte, wie lange eine bestimmte Maschine läuft, konnte sie einfach digital simulieren – und bekam so eine sehr viel günstigere Antwort, als ein analoger Test dies erlaubt hätte. Inzwischen aber ragt diese Idee längst in viele andere Lebensbereichen hinein. Überall werden digitale Abbilder von realen Objekten geschaffen. Teils wird sogar bereits versucht, dies für Personen zu tun. Das spielt zum Beispiel in der medizinischen Forschung eine Rolle – wenn etwa an der Erstellung eines digitalen Zwillings einer Patientin geforscht wird, um eine möglichst gute individuelle Behandlung für sie zu errechnen.

Häufig werden digitale Zwillinge aber auch live erzeugt, um dynamische Prozesse zu optimieren. Wundert man sich als Autofahrer an der Ampel über eine veränderte Schaltung der Ampelphasen, dann geht auch das möglicherweise auf die digitale Zwillingsanalyse dieser Ampel zurück. Ein Algorithmus hat erkannt, wie man den Verkehrsfluss optimieren könnte – und im Rechenzentrum hat daraufhin jemand die Parameter für die Ampelschaltung neu justiert. Ein digitaler Zwilling, der also die analoge Welt beeinflusst. Ähnlich bei Google Maps: Nutzerinnen und Nutzer können dort sehen, wann die Strecke, die sie am nächsten Tag mit dem Auto fahren wollen, in der Regel besonders voll ist. Sie bekommen angezeigt, wann das nicht der Fall sein dürfte. Und sparen damit Zeit, die sie andernfalls womöglich im Stau verbracht hätten.

Dank neuer Funktechniken und immer günstigerer Sensorik wird das digitale Abbild der Realität immer reichhaltiger und genauer – in vielen Fällen "weiß" das digitale Abbild schon mehr über einen Gegenstand, als sich am realen Objekt ermitteln ließe. Das ist der Fall, weil im Digitalen zum Beispiel auch Informationen über Produktionsbedingungen vorliegen oder künstliche Intelligenz Vorhersagen über die Belastung von Bauteilen treffen kann.

Das bedeutet aber auch, dass die digitale Abbildung der Dinge um uns herum nicht mehr primär beeinflusst, was wir mit den Dingen tun, die uns real umgeben. Sondern sie beginnt auch, das reale Objekt zu beeinflussen. Man könnte so weit gehen und sagen, dass die digitale Sphäre zunehmend die Kontrolle, die Steuerungsfunktion übernimmt. Und wir folgen ihr, im Dienste der Effizienzsteigerung und Bequemlichkeit.