Der Raum ist fensterlos, voller Bildschirme und ziemlich eng. Ungefähr zwanzig Arbeitsplätze befinden sich darin, gestaffelt in drei Reihen. Die Stirnseite des Raumes dominieren Bildschirme voller Grafiken, Statistiken und Zahlen. Wer in Deutschland die 110 wählt, den Notruf der Polizei, der landet in so einem ähnlichen Raum. Doch das hier ist nicht der Polizeinotruf und der Raum befindet sich auch nicht in Deutschland. Er befindet sich in Beer Scheva in der Wüste Negev, mitten in Israel. Es ist die Anlaufstelle des landesweiten israelischen Cybernotrufs 119.

Wer in Israel ein Problem mit einem Rechner hat, kann seit Februar 2019 offiziell die kostenlose Nummer wählen und wird zu einem der Menschen durchgestellt, die dort arbeiten. Die Arbeitsplätze sind immer besetzt, jeden Tag, rund um die Uhr. Ob man fürchtet, dass Kriminelle das E-Mail-Konto übernommen haben, oder sich sorgt, dass die ganze Firma gehackt wurde – unter 119 findet sich Hilfe. Dort sitzen Männer und Frauen, IT-Experten rekrutiert aus den Cybereinheiten der israelischen Armee, aus Universitäten und speziellen Ausbildungsprogrammen für Cyberabwehr. Sie beantworten jede Frage. Im Zweifel können sie – wie die Polizei – Notfallteams losschicken. Es ist weltweit der wohl erste staatliche Notruf dieser Art.

Circa 120 Anrufe würden jeden Tag eingehen, sagt Lavy Shtokhamer, der Chef des israelischen CERT, das den Notruf betreibt. CERT ist eine Abkürzung für Computer Emergency Response Team. Es untersteht dem israelischen National Cyber Directorate (INCD), der Regierungsbehörde für alles, was das Thema IT betrifft. "Natürlich sind darunter auch Anrufer, die fürchten, dass Aliens ihre Klimaanlage gekapert haben", sagt Shtokhamer. Aber es seien auch jeden Tag mindestens 20 echte Notfälle und kriminelle Angriffe dabei.

Der Kampf verlagert sich ins Netz

Eine Struktur wie in Beer Scheva gibt es auch in Deutschland. Dort ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die Behörde, die das nationale CERT betreibt. Und auch dieses CERT warnt vor Sicherheitslücken, veröffentlicht Ratschläge und berät bei Notfällen. Doch ist es vor allem für Behörden, Organisationen und Firmen zuständig, die als sogenannte kritische Infrastruktur gelten. Eine Notrufnummer für alle Bürgerinnen und Bürger hat es nicht. Das israelische CERT hingegen verstehe sich ausdrücklich als Behörde, die für die gesamte IT-Infrastruktur im Land zuständig sei, sagt Shtokhamer.

Überwachungskameras an jeder Ecke, bewaffnete Soldaten in den Straßen, Taschenkontrollen an den Eingängen von Einkaufszentren – Sicherheit wird in Israel ernst genommen, sehr ernst. Es ist ein kleines Land mit vielen Feinden. Was das im Alltag heißt, ist überall zu sehen, auch im CERT. Auf einem der Bildschirme an der Stirnseite des Raumes ist neben einem runden Symbol eine auffällige, rote Drei zu sehen. Was sie bedeute? Die Zahl zeige an, wie viele Raketen innerhalb der vergangenen Minuten auf Israel abgefeuert wurden, sagt Shtokhamer.

Aber der Kampf wird längst nicht mehr nur am Boden geführt, sondern auch im Netz. Israel befinde sich, auch wenn es um die IT-Sicherheit gehe, in einer "harten Nachbarschaft", sagt ein hochrangiges Mitglied der mit Cybersicherheit befassten Behörden. Außerdem sei dank der globalen Vernetzung inzwischen "die gesamte Welt eine einzige harte Nachbarschaft".

Das CERT in Beer Scheva soll dabei helfen, das Land besser vor gefährlichen Nachbarn zu schützen, so wie es die Iron Dome genannte Raketenabwehr am Himmel tut. Die Wirkung dieses etwas anderen Ansatzes zeigte sich kürzlich erst.