"Wenn halb Berlin Videoanrufe führt, verdoppelt sich der Traffic" – Seite 1

Homeoffice statt Großraumbüro, Videokonferenzen statt Meetings, Netflix statt Kino: Die Coronavirus-Pandemie verlagert große Teile des öffentlichen Lebens ins Internet. Die Effekte sind messbar, etwa am Internetknoten De-Cix in Frankfurt am Main. Dort wurde vergangene Woche ein neuer Traffic-Rekord vermeldet. Im Interview sagt Thomas King, Chief Technology Officer des De-Cix, wie sich der weltgrößte Internetknoten darauf einstellt und was man von den Entwicklungen in Italien lernen kann.

ZEIT ONLINE: Herr King, können Sie kurz erklären, wie ein Internetknoten wie der De-Cix funktioniert?

Thomas King: Das Internet ist ein Netz der Netze: Große Betreiber wie Google oder die Telekom betreiben eigene Netze, die zusammengeschaltet werden müssen, um den Datenaustausch zu garantieren. Am De-Cix in Frankfurt sind derzeit etwa 1.000 Netze, vor allem aus dem zentraleuropäischen Raum, zusammengeschaltet. Dieses Verfahren heißt Peering. Es garantiert eine hohe Bandbreite und Kontrolle über den Verlauf des Datenverkehrs. 

ZEIT ONLINE: Betrifft das meinen Internetanschluss zu Hause?

King: Zu Hause nutzen Sie in erster Linie das sogenannte Transit-Verfahren. Haben Sie einen Vertrag mit einem Internetprovider, bedient der sich anderer Provider, um die Daten an den richtigen Empfänger zu bringen. An einem Internetknoten laufen also große, gleichrangige Netze zusammen. Beim Transit werden Daten über Netze verschieden großer Provider geleitet und das muss, anders als beim Peering, nicht unbedingt immer der schnellste und direkteste Weg sein.

ZEIT ONLINE: Vergangene Woche vermeldeten Sie einen neuen Rekorddatendurchsatz von 9,1 Terabit pro Sekunde. Kam das für Sie überraschend?

King: Wir planen zwar kontinuierlich mit Traffic-Anstiegen, aber ein Anstieg von 800 Gigabit pro Sekunde ist schon außergewöhnlich hoch. Der letzte Höhepunkt war am 11. Februar, wir haben innerhalb eines Monats also etwa zehn Prozent Anstieg gesehen. Normalerweise sehen wir im Verlauf eines ganzen Jahres einen Anstieg von 20 bis 30 Prozent. 

ZEIT ONLINE: Ist der Datenverkehr seitdem überdurchschnittlich hoch geblieben?

Thomas King ist Chief Technology Officer des Internetknotens De-Cix in Frankfurt am Main. © De-Cix

King: Ja, wenn man auf unserer Website die Traffic-Statistik betrachtet, sieht man, dass der Datendurchsatz die vergangene Woche immer um die acht bis 8,5 Terabit war und somit deutlich über den Werten davor. Man sieht, dass der Traffic auch in den Randzeiten höher ist als zuvor. 

ZEIT ONLINE: Lässt sich diese Entwicklung allein auf die Coronavirus-Pandemie zurückführen?

King: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Das Coronavirus und die Tatsache, dass viele Menschen nun weniger unterwegs und draußen sind und dadurch mehr digitale Dienste konsumieren, von Videocalls bis hin zu Streamingdiensten wie Netflix, treibt natürlich den Traffic in die Höhe. Kurz bevor wir den neuen Rekord gemessen haben, ist auch noch der neueste Teil des Computerspiels Call of Duty erschienen, der ebenfalls eine Rolle gespielt hat. Es sind also verschiedene Effekte, aber die Pandemie ist sicherlich maßgeblich dafür verantwortlich.

ZEIT ONLINE: Können Sie sehen, welche einzelnen Dienste jetzt vermehrt genutzt werden?

King: Wir sind gerade noch dabei, zu analysieren, wie sich der Traffic genau verändert hat, und haben dazu hoffentlich demnächst mehr Informationen. Wir sehen natürlich, wie einzelne Netze ausgelastet sind, aber zu individuellen Kunden möchte ich nichts sagen. Verallgemeinert kann man sehen, ob nun etwa Video-on-Demand- oder Gamingdienste vermehrt genutzt werden. Ich schätze, dass wir vor allem bei Videoanrufen in HD-Qualität derzeit einen Anstieg erleben.

ZEIT ONLINE: Mal angenommen, nur halb Berlin würde ab sofort mit Videokonferenzen aus dem Homeoffice arbeiten: Würden Sie das merken?

King: Die neun Terabit, die wir jetzt erreicht haben, sind umgerechnet etwa zwei Millionen parallele HD-Streams. Wenn nun also wirklich halb Berlin plötzlich gleichzeitig Videoanrufe führen würde, würde sich der Traffic noch mal verdoppeln. Wir würden das also definitiv sehen. Das Szenario ist natürlich unwahrscheinlich; es müsste sowohl alles parallel laufen als auch alles über die Netze, die bei uns angeschlossen sind. In der Realität läuft natürlich nicht alles über unseren Knoten und schon gar nicht gleichzeitig.

"Wir sehen überhaupt keinen Grund zur Sorge"

ZEIT ONLINE: Wie bereiten Sie sich am De-Cix auf plötzliche Steigerungen des Datenverkehrs vor?

King: Wir nutzen unsere verfügbaren Kapazitäten nie über 63 Prozent aus. Wann immer wir an die 63 Prozent kommen, sei es durch ein neues Hoch oder dauerhaft, bauen wir entsprechend aus. Die Zahl kommt daher, dass hier Redundanzen berücksichtigt werden. Wir sind vierfach redundant, das bedeutet: Wenn uns ein Viertel unserer Infrastruktur wegbrechen würde, hätten wir nur noch 75 Prozent unserer Kapazitäten. Selbst dann wären aber immer noch 12 Prozent für mögliche Steigerungen verfügbar. 

ZEIT ONLINE: Verstärken Sie den Ausbau angesichts der Coronavirus-Pandemie denn nun? 

King: Wir sind im ständigen Austausch mit Kollegen aus anderen Ländern, unter anderem in Italien. Dort gab es bis zu 40 Prozent mehr Traffic in den vergangenen Wochen. Wenn wir nun davon ausgehen, dass wir drei bis vier Wochen hinter der Entwicklung in Italien sind, können wir ungefähr einschätzen, was auf uns zukommt. Dementsprechend ziehen wir jetzt auch schon einige Ausbaumaßnahmen vor, die wir aber ohnehin früher oder später gemacht hätten. Auf Traffic-Steigerungen von bis zu 40 Prozent sind wir vorbereitet, wir sehen generell überhaupt keinen Grund zur Sorge. 

ZEIT ONLINE: Ein Knackpunkt könnte angesichts solcher Zahlen aber die Internetverbindung zu Hause werden. Glauben Sie, dass die Netze der Internetprovider damit umgehen können? 

King: Neben unserem Netz für den Internetaustauschknoten müssen natürlich auch die Kunden die Kapazitäten in ihrem eigenen Netz ausbauen. Diese Ausbauten behandeln sie nach eigenen Prozessen und Vorgehen. Wir merken hier aber auch deutlich, dass unsere Kunden – und verstärkt die Internet- und Contentprovider – seit einigen Tagen größere Kapazitäten bei uns abfragen. Das ist ein deutliches Zeichen für den wachsenden Bedarf.