Viel, vielleicht zu viel Spielerei – Seite 1

Samsung will mit seinem Smartphone Galaxy S4 nicht nur mit der Konkurrenz gleichziehen, es will sie weit übertreffen. Seine kräftiger Vier-Kern-Prozessor, ein 5-Zoll-Display und eine aktuelle Kamera sollen es deutlich besser machen als die bisher unangefochtenen Spitzengeräte, das One von HTC und das Xperia Z von Sony.

Äußerlich unterscheidet sich das Galaxy S4 trotz größeren Displays nur marginal von seinem Vorgänger Galaxy S3. Es sind vor allem die verbauten Komponenten, die den Unterschied ausmachen.

Beim Bildschirm setzt Samsung weiterhin auf die Amoled-Technik. Die sorgt für knalliger wirkende Farben als die LCD-Technik, die beispielsweise HTC im Display des One einsetzt. Bei einem weißen Hintergrund ist der Kontrast zu der Schrift auf dem Display des Galaxy S4 nicht ganz so hoch wie auf dem HTC One. Das Display des HTC ist darüber hinaus ein wenig heller. 

HTCs Display zeigt einen leichten Rotstich. Damit wirken helle Bereiche wärmer als auf dem Display von Samsungs neuem Smartphone, das einen leichten Blaustich aufweist, der blickwinkelabhängig schnell stärker wird, vor allem bei einem weißen Hintergrund. Insgesamt wirken die Farben auf dem HTC One etwas natürlicher, aber das ist Geschmackssache.

Kunststoff-Gehäuse

Apropos Geschmackssache: Das Gehäuse des Galaxy S4 wurde in ersten Tests angelsächsischer Medien kritisiert, Samsung habe wieder zu viel Kunststoff verwendet. Tatsächlich besteht die komplette Vorderseite aus Gorilla-Glas von Corning, und zwar in der neuen Version 3. Das Display kann daher auch mit herkömmlichen Handschuhen bedient werden. Der Rahmen ist aus Metall und im Gegensatz zum S3 nur an den Kanten abgerundet. Die Rückseite und ein dünner Rand auf der Vorderseite sind wie gehabt aus Kunststoff.

Zwar erscheint das Gehäuse im Vergleich zu dem Aluminiumgehäuse des HTC One weniger wertig. Die verwendeten Materialien wirken sich aber auf das Gewicht aus. Das Galaxy S4 ist mit etwa 137 Gramm etwas leichter als das HTC One mit 142 Gramm. 

Die Kunststoffabdeckung der Rückseite lässt sich entfernen. Darunter liegt der austauschbare Lithium-Ionen-Akku, der eine Nennladung von 2.600 Milliamperestunden sowie eine Leistung von 9,88 Wattstunden hat. Unter Volllast hält der Akku 2,5 Stunden durch, kein besonders guter Wert. Die längere Akkulaufzeit des HTC One unter Volllast dürfte aber auch auf die gedrosselte Taktfrequenz im One zurückzuführen sein.

Bei normaler Nutzung reicht eine Akkuladung etwa sechs Stunden. Wobei normale Nutzung meint: maximale Bildschirmhelligkeit, aktive LTE- und WLAN-Verbindung, surfen, twittern, Facebook- und E-Mail-Nachrichten empfangen und ein wenig spielen. Sparsamere Nutzer dürften mit dem Galaxy S4 einen Arbeitstag ohne Aufladen schaffen.

Neben dem Akku befinden sich im Gehäuse Steckplätze für eine Micro-SIM- und eine Micro-SD-Karte. Damit lassen sich weitere 64 Gigabyte Speicher nutzen. Von den 16 Gigabyte des internen Speichers bleibt etwa die Hälfte für den Anwender übrig.

Das Handy als Fernsteuerung

Bei den Funkstandards hält sich Samsung an die etablierten Standards: LTE und WLAN nach 802.11a/b/g/n und dem schnelleren 802.11ac, NFC, Bluetooth 4.0 und GPS samt Glonass. Selbstverständlich ist auch ein HSPA-Modem für den GSM- und UMTS-Empfang integriert.

Das Galaxy S4 hat eine Infrarotlampe und kann dank dieser auch zur Universalfernbedienung umfunktioniert werden. Damit lassen sich nicht nur Fernseher von Samsung steuern. Die dazugehörige Applikation Watchon bietet eine stattliche Auswahl von Geräten verschiedener Hersteller. Die Liste holt sich die Anwendung von einem Server, für die Konfiguration ist daher eine Internetverbindung notwendig. Das klappt mit einem Fernseher von Philips und von Samsung problemlos. Auch DVD- und Blu-ray-Player oder Set-Top-Boxen sollen so konfiguriert werden können. Zusätzlich zeigt die Anwendung einzelne Sendungen an, die ausgewählt und automatisch gestartet werden können. Zumindest mit der DVB-T-Senderliste funktioniert das gut.

Den einzigen Lautsprecher hat Samsung auf der Rückseite platziert. Wird das Gerät in der Hand gehalten, zerfransen die hohen Töne. Liegt es auf dem Tisch, ist der Sound nicht ganz so blechig, allerdings fehlen die Bässe. Dass das besser geht, zeigt HTC mit dem One. Das hat unter allen Smartphones den wohl besten Klang.

Steuerung durch Augenrollen und Kopfnicken

Die Kameras des Galaxy S4 sind hingegen hervorragend. Vorn befindet sich eine Zwei-Megapixel-Kamera für die Videotelefonie. Der Bildsensor der rückseitigen Kamera hat 13 Megapixel. Bei Tageslicht aufgenommene Bilder zeigen gute Kontraste. Die Aufnahmen bei schlechtem Licht sind kaum verrauscht, selbst wenn die Kamera automatisch den ISO-Wert auf 1.000 setzt, um so viel wie möglich des Umgebungslichts einzufangen. Der Blitz ist kräftig, damit aufgenommene Fotos haben natürliche Farben.

Die Videokamera hat eine Zeitlupe und eine Funktion für das Aufnehmen von schnellen Bewegungen. Die gibt es ebenfalls beim Xperia Z von Sony. Mit Smart Pause unterbricht die Videowiedergabe, wenn die Augen vom Smartphone abgewendet werden. Beide Kameras lassen sich simultan nutzen, beispielsweise um ein Foto aufzunehmen und gleichzeitig einen Schnappschuss des Fotografen in das Originalfoto einzubinden, etwa in Form einer Briefmarke, eines Kreises oder Würfels.

Steuerung durch Kopfnicken

Auf dem S4 läuft das aktuelle Android in Version 4.2.2 samt Touchwiz-Oberfläche und zahlreichen Samsung-Erweiterungen, etwa dem Multi-Window-Modus. Damit lassen sich zwei Anwendungen nebeneinander auf dem Bildschirm platzieren. Welche Apps miteinander auf dem Bildschirm angezeigt werden können, zeigt die seitlich platzierte Schnellstartleiste, auch Buddy-Liste genannt. Sie lässt sich über einen Tab ausfahren. Dort muss zunächst eine Anwendung gestartet werden. Danach kann die zweite Anwendung aus der Liste an den oberen oder unteren Rand gezogen und daneben abgelegt werden.

Dank des sogenannten Eye-Trackings soll die Augenbewegung genügen, um im Browser zu scrollen. Das Gesicht beziehungsweise die Augen werden von der Frontkamera erkannt. Das Eye-Tracking lässt sich beispielsweise auch mit Puppen, Kuscheltieren und selbst Fotos von Gesichtern überlisten. Alles, was annähernd Augen hat, funktioniert. Neigt sich ein Foto nach oben, löst es ebenfalls das Scrollen im Standardbrowser aus. Im nachträglich installierten Chrome-Browser funktioniert das nicht.

Das Gesicht darf dabei höchstens etwa 30 Zentimeter von dem Smartphone entfernt sein. Das soll auch verhindern, dass ein zweites Gesicht die Aktion zufällig auslöst. Die Bewegungen werden von zwei Sensoren registriert, die links und rechts vom Telefonlautsprecher liegen. Erkennt das Gerät ein für die Augensteuerung geeignetes Gesicht, erscheint ein Augensymbol auf dem Bildschirm. Das ist zunächst nervig, verschwindet aber sofort wieder und lässt sich in den Optionen abschalten.

Da die Kopfbewegung eine entscheidende Rolle spielt, muss der Nutzer sein Haupt leicht nach oben oder nach unten bewegen, um die Augensteuerung auszulösen. Der dazu verwendete Sensor reagiert recht zügig. Legt man den Kopf wieder gerade, wird das Scrollen sofort unterbrochen. Wer das Smartphone jedoch bei geneigtem Haupt in Sensorreichweite bringt, kann danach nur nach oben scrollen, nicht mehr nach unten.

Alternativ kann das Scrollen auch durch das Neigen des Smartphones ausgelöst werden, was eigentlich viel praktischer ist. Allerdings funktionierten sämtliche Steuerungsarten ungewohnt und vielleicht deshalb nicht immer zuverlässig. 



Verfügbarkeit und Fazit

Samsungs Listenpreis von 730 Euro für das Galaxy S4 mit 16 Gigabyte ist deutlich höher als die Preise im Handel zur Markteinführung am 27. April 2013. Bei den meisten Händlern kostet es 650 Euro. Bei einigen Onlinehändlern gibt es das 16-Gigabyte-Modell auch schon zu Preisen von um die 640 Euro, der aktuelle Einstiegspreis liegt bei knapp 620 Euro. Samsung geht von einer großen Nachfrage aus und hält zum Marktstart Lieferengpässe für möglich.

Prinzipiell gibt es das Smartphone auch mit 32 und 64 Gigabyte internem Speicher. Diese Modelle sind jedoch nur bei wenigen Händlern gelistet und es ist nicht klar, ob sie diese Woche bereits lieferbar sind. Das Modell mit 32 Gigabyte kostet mindestens 750 Euro, die größte Ausführung 800 Euro und mehr. 



Die Augensteuerung ist gewöhnungsbedürftig und wegen der ständig notwendigen Nickbewegungen eher was für Heavy-Metal-Fans.

Die Kamera ragt deutlich heraus. Sie macht überdurchschnittliche Bilder, die auch auf großen Bildschirmen noch gute Details anzeigen. Die Zeitlupenfunktion ist zwar nicht einmalig, aber eine nette Spielerei.

Mit dem ursprünglich geplanten Achtkern-Prozessor hätte das Galaxy S4 der Konkurrenz mit langer Akkulaufzeit bei dennoch sehr hoher Leistung deutlicher überlegen sein können. Nun kommt es in Deutschland nur mit einem Vierkern-Prozessor auf den Markt und schafft es gerade so, die Geräte von HTC und Sony leicht zu übertreffen. Mit dem Gerät schafft Samsung einen Quantensprung – im Wortsinn: einen diskreten Übergang, keinen Umbruch. 


Wer sowieso überlegt, sich ein neues Smartphone mit guter Kamera anzuschaffen, kann das Galaxy S4 auch preislich getrost in Erwägung ziehen. Wer Wert auf Leistung legt, kann auf die Acht-Kern-Variante warten. Wann die hierzulande verfügbar sein wird, hat Samsung aber noch nicht verraten.

Eine längere Version des Textes ist bei golem.de erschienen.