Wenn es eine Software gibt, die der perfekte Ausdruck unserer sinkenden Aufmerksamkeitsspanne ist, dann ist es Vine. Die Nutzer der Smartphone-App drehen sechs Sekunden lange Videos, die in Endlosschleife abgespielt werden, und teilen sie via Twitter mit ihren Followern.

Es ist eine Erfolgsgeschichte: Schon bevor Vine am 24. Januar 2013 veröffentlicht wurde, hatte Twitter das Start-up für eine nicht näher bezifferte Millionensumme gekauft. Da war die Firma gerade mal ein knappes halbes Jahr alt. Vier Monate nach Veröffentlichung soll Vine bereits fünf Millionen Mal heruntergeladen worden sein, wochenlang gehörte die App zu den beliebtesten im iTunes-Store. Bis zu einer halben Million Tweets mit Links zu Vine-Videos werden täglich versendet. Als Reaktion auf den Erfolg der App führte Instagram im Juni einen eigenen Video-Loop-Modus ein.

Einige der Vine-Nutzer haben mit ihren Kürzest-Filmchen inzwischen Millionen von Fans gefunden. Vine hat begonnen, seine eigenen, globalen Stars zu produzieren, die alle Limitierungen des Mediums zu ihrem Vorteil nutzen und so sechs Sekunden Ruhm pro Clip genießen können.

Da ist zum Beispiel der in New York lebende Franzose Jerome Jarre, dem inzwischen knapp drei Millionen Menschen auf Vine folgen. Gewonnen hat er diese Anhänger durch seinen sonnigen Optimismus, den er in winzigen Szenen mit einem breiten Grinsen zelebriert: Er fängt in der Öffentlichkeit laut an zu singen oder umarmt wildfremde Menschen auf der Straße. Bei einigen seiner Streiche wundert man sich, dass sie ihm nicht wenigstens einen Nasenstüber oder einen Abstecher auf die nächste Polizeiwache eingebracht haben.

Die ersten Sternchen bekommen Wikipedia-Einträge

So schlicht solche Späße auch wirken mögen: Jarres Fans erkennen ihn auf der Straße wieder und benehmen sich dann so nervös und albern wie Fans von Filmstars. Wenn er sie dazu auffordert, eigene Clips zu drehen, in denen sie in der Öffentlichkeit "Woo Hoo" rufen, um ihrer Lebensfreude Ausdruck zu verleihen, finden sich wirklich Dutzende Menschen, die es ihm gleichtun. Auch in der US-Fernsehtalkshow von Ellen Degeneres konnte Jarre schon seine Lebensphilosophie vorstellen: Er mache Vine-Videos, um seine Motto "I love life like crazy" zu vermitteln und andere damit anzustecken.

Wer in diesem speziellen Video-Format auf sich aufmerksam machen will, muss seine Person und seine Idee in wenigen Sekunden vorstellen. Wie Jarre ist das auch Marlo Meekins durch einen eigenen, unverwechselbaren Look gelungen. Das hat ihr – trotz ihres abseitigen Humors – nicht nur eine halbe Million Follower bei Vine und einen eigenen Wikipedia-Eintrag beschert. Die Komikerin und Comic-Zeichnerin ist inzwischen für ihre schrägen Mini-Clips mit ihrem absurden, oft an der Grenze zum Surrealen angesiedelten Witz bekannter als für ihre Cartoons.

Das Vine-Netzwerk spuckt inzwischen Clips in solcher Fülle aus, das es ganze YouTube-Kanäle und Websites gibt, die aus den vielen zusammengehauenen Clips von twerkenden Teenagern und niedlichen Kätzchen, grimassierenden Kleinkindern und eitlen Selfies die Perlen aussortieren. Es gibt auch einen Internet-Kanal, der in Echtzeit neu produzierte Vine-Clips zeigt und der einem das ganze Ausmaß des Video-Ausflusses erst richtig klar macht, den die neue App ausgelöst hat.