"Selbst die Polizei nutzt unsere Dienste" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Mister Bardin, Sie sind der CEO von Waze Mobile. Ihre Navigationssoftware nutzen weltweit 70 Millionen Nutzer. Hat Ihr Dienst irgendetwas, das andere Navigationssysteme nicht haben?

Noam Bardin: Unser Ziel ist es, den Menschen fünf bis zehn Minuten Zeit am Tag zu sparen. Wir schauen auf Staus und Verkehr als soziale Probleme. Zu viele Leute sind zur selben Zeit am selben Ort. Alle Nutzer von Waze arbeiten ein bisschen zusammen, tragen ein bisschen dazu bei, den anderen helfen, den Arbeitsweg für alle etwas besser zu machen.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert die App?

Bardin: Sie wachen morgens auf, egal ob in Los Angeles oder in Rom, und unsere App weiß, welchen Arbeitsweg sie normalerweise nehmen, das hat sie sich gemerkt, und nun schlägt sie Ihnen vor: Fahren Sie heute nicht die A101, sondern besser die B277. Da ist weniger los.

ZEIT ONLINE: Was kann Waze, was andere Navigationssysteme nicht leisten?

Bardin: Unsere Daten sind aktueller. Eine normale Verkehrsapp zeigt rot an, wenn eine Straße irgendwie verstopft ist. Aber bei uns meldet der Nutzer John24, der gerade an einer Ampel steht, was um ihn herum passiert. Man weiß also viel exakter, wo es gerade einen Stau, eine Behinderung gibt. Wir sind in vielen Märkten die mit weitem Abstand exakteste Quelle für Verkehrsinformationen. Selbst die Polizei nutzt unsere Dienste in einigen Megastädten dieser Welt. Weil wir früher Bescheid wissen.

ZEIT ONLINE: Früher haben die Leute heimlich Polizeifunk gehört, und jetzt liest die Polizei bei den Waze-Nutzern mit?

Bardin: In Rio de Janeiro arbeiten wir zum Beispiel ganz offiziell mit der Polizei zusammen. Denn unsere Nutzer wissen viel schneller, wo ein Unfall passiert. Wo es echte Probleme gibt. Unsere Informationen laufen direkt in die Verkehrsleitzentrale ein. Und die schickt auf Grundlage unserer Informationen den Krankenwagen und die Polizei los.

ZEIT ONLINE: Wo hat Waze genug Nutzer, um sinnvolle Verkehrsinfos zu liefern?

Bardin: In Mexiko, Brasilien, Kolumbien, eigentlich in ganz Lateinamerika. In Europa sind wir in Italien und Spanien stark. Und auch in den 20 größten Städten der USA sind wir weit jenseits der kritischen Masse an Nutzern, die wir brauchen.

ZEIT ONLINE: Wo liegt die?

Bardin: Das kommt immer auf das Straßennetz an und die Zahl der Ausweichrouten. Aber grundsätzlich reichen uns rund ein Prozent der Autofahrer.

ZEIT ONLINE: Viele Autos haben schon ein Navigationssystem eingebaut. Waze ist es nicht.

Bardin: Alle großen Hersteller sind mit uns im Gespräch. Aber bisher wollen wir nicht. Wir wollen vor allem nicht in das Auto integriert werden.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Bardin: Die Entwicklungszeiten für interne Systeme sind zu lang. Das dauert zwei, drei Jahre. Deshalb sehen diese Dienste in den Autos auch immer so alt aus. Wir ziehen eine Technik vor, die das Smartphone praktisch auf den Bildschirm des Autos projiziert. Daran glauben wir wirklich. Denn das erlaubt uns, uns schneller zu entwickeln. 

4.000 Freiwillige in Deutschland, die Karten aktualisieren

ZEIT ONLINE: Meinen Sie das ernst?

Bardin: Schauen Sie doch in einen Mercedes oder einen BMW. Die Software, die Oberfläche der Multimediadienste und die Navigation sehen im Vergleich zu der aktuellen Ästhetik auf Smartphones und Tablets ziemlich ärmlich aus.

ZEIT ONLINE: Sie sind in vielen Teilen der Welt erfolgreich, aber nicht in Deutschland. Warum nicht? Liegt es daran, dass in Deutschland 30 Prozent aller verkauften Autos sogenannte Premiumautos sind, also von Audi, BMW, Mercedes, Porsche kommen und in der Regel schon Navigationsgeräte installiert haben?

Bardin: Es kann nicht daran liegen, denn auch wenn Sie sich einen neuen Audi kaufen, ist das Navigationssystem darin alt. Die Karten sind alt. Und es sieht, wie gesagt, alt aus.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es dann?

Bardin: Alle Internetdienste, in deren Zentrum eine Community steht, haben es in Deutschland schwer. Nehmen Sie Tumblr oder Twitter. Auch Facebook hat lange gebraucht. Aber wenn die Deutschen einen solchen Dienst einmal annehmen, wie inzwischen Facebook, gehen die Nutzerzahlen steil nach oben. An dem Punkt sind wir mit Waze noch nicht.

ZEIT ONLINE: Wie viele Nutzer haben Sie derzeit in Deutschland?

Bardin: 700.000 Nutzer und 4.000 Freiwillige, die das Kartenmaterial aktualisieren. Wir nutzen nämlich nicht Google Maps, sondern haben unsere eigenen Karten, und unsere Freiwilligen fügen neue Straßen ein oder markieren sie. Das dauert in traditionellen Navigationsdiensten mehrere Monate.

ZEIT ONLINE: Dass sich viele Straßen verändern, gilt vielleicht für die Schwellenländer. Aber in Europa? In den USA? 

Bardin: In den USA verändern sich jedes Jahr fünf bis zehn Prozent der Straßen etwas. Einmündungen, die hinzukommen oder verschwinden, aber auch Sperrungen, die für mehrere Wochen oder Monate gelten. Da geschieht gar nicht so wenig. Und wir bedienen die Erwartung der Nutzer, alle Informationen praktisch in Echtzeit zur Verfügung zu haben.

ZEIT ONLINE: Waze wurde vor einer Weile von Google übernommen. Welchen Wert fügt Google Ihrem Angebot hinzu?

Bardin: Die meisten Nutzer brauchen eine Mischung aus Karte, Verkehrsinformation – und Suche. Die Suche von Google ist einfach viel besser als die, die wir selbst angeboten haben. Außerdem können unsere Nutzer jetzt auch in Waze den Dienst Google Streetview nutzen.

ZEIT ONLINE: Werden Sie integriert?

Bardin: Nein, wir bleiben eine eigenständige Einheit. Wir haben unsere eigenen Prozesse, unsere eigene Geschwindigkeit.

ZEIT ONLINE: Google hat in der letzten Zeit eine ganze Reihe von Firmen gekauft, die Dienstleistungen rund ums alltägliche Leben anbieten: die jüngste ist Nest, eine Firma, die internetfähige Thermostate und Rauchmelder herstellt. Die Geräte können also aus der Ferne gesteuert und gewartet werden.

Bardin: Alle Alltagsgegenstände und Routinen werden derzeit neu durchdacht und auf die Frage untersucht, ob sie smarter gemacht werden können, und ob man sie mit dem Smartphone steuern kann. Dieser Trend zum responsive home wird viel verändern. 

ZEIT ONLINE: Womit verdienen Sie eigentlich Geld?

Bardin: Mit Werbung. Wir wollen den Nutzer entlang der Strecke, die er fährt, auf Deals und Angebote aufmerksam machen. 

ZEIT ONLINE: Das hat noch niemand geschafft: den lokalen Anzeigenmarkt wirklich für Onlinewerbung zu öffnen. 

Bardin: Stimmt. Aber wir sind optimistisch.

ZEIT ONLINE: Gibt es Straßen, an denen Sie schon eine kritische Masse von Händlern haben, die auf Waze werben?

Bardin: Ja, in Israel.