In den vergangenen vier Tagen habe ich vier Bücher gelesen. Ich weiß jetzt alles über die Kraft von Marken und Multi-Konzernen, habe mich ausführlich mit den Widersprüchen und Gefahren von Religionen beschäftigt und gelernt, warum Big Data uns weiter bringt als Telefonumfragen. Gestern habe ich es auf der U-Bahn-Fahrt nach Hause endlich geschafft, den Weltbestseller Freakonomics zu lesen.

Klingt ein bisschen überambitioniert? Nicht mit Blinkist. Denn die Lese-App aus Berlin fasst Sachbücher auf leicht verdauliche Häppchen zusammen. God is not great des Chef-Religionskritikers Christopher Hitchens etwa besteht, nachdem es durch den Blinkist-Fleischwolf gedreht wurde, nicht mehr aus 336 Seiten, sondern aus 10 Kapiteln a rund 250 Wörter, die man laut App in 15 Minuten gelesen hat. Auch No Logo von Naomi Klein schrumpft von schlappen 544 Seiten auf 15 Minuten Lesezeit.

121 Bücher gibt es derzeit im deutschsprachigen Angebot, das vor einem Jahr an den Start ging. 117 Titel sind es nach wenigen Monaten schon in der englischen Version (andere Sprachen sind vorerst nicht geplant). Die Titel sind bei Bedarf nach Themenfeldern ("Health and Happiness", "Gesellschaft") oder Leseempfehlungen von mehr oder weniger bekannten Empfehlern ("Inspiring books", "Books to make you a better business leader") sortiert. Ab März sollen 35 Bücher im Monat dazukommen. Das Gewicht, erklärt Co-Gründer Holger Seim, werde sich wegen des größeren Marktes aber künftig stärker Richtung Englisch verschieben.

Fastfood-Lesen und Bildung light

Die Texte werden von einem Team aus rund 40 freien Autoren zusammengefasst. Es gibt dabei weder Original-Ausschnitte noch Original-Cover, alles ist selbst geschrieben. So verhindert die Firma, die in ihrem Büro in Kreuzberg derzeit 13 Mitarbeiter beschäftigt, mit dem Urheberrecht in Konflikt zu kommen. Künftig, so Seim, wolle man aber Schritt für Schritt stärker mit den Verlagen zusammenarbeiten, um Cover und Zitate verwenden zu können. Die Verlagshäuser Random House Deutschland, Campus und Ullstein sind bereits jetzt an Bord. Weil all das viel Aufwand ist, ist die App mit 4,49 Euro im Monat oder 44,90 im Jahr vergleichsweise teuer.

Man könnte jetzt sehr skeptisch sein und das Ganze als Fastfood-Lesen und Bildung light ablehnen. Weil nachfolgende Generationen so vermutlich noch mehr verlernen, wie man einen langen Text am Stück liest. Ich wollte auch wirklich skeptisch sein, aus all den guten Gründen. Denn natürlich ist es besser, in den Laden zu gehen, das ganze Buch zu kaufen und liebevoll durchzuarbeiten.

Das Gelesene bleibt hängen

Aber die Wahrheit ist: No Logo etwa fand ich in der Theorie zwar schon immer interessant, aber in der Praxis dann doch nie genug, um wirklich über Wochen mehr als 500 Seiten zum Thema Marken zu lesen. Und der Bücherstapel neben meinem Bett wird eher größer, als dass er schrumpft.

Die zweite Wahrheit ist: Blinkist macht wirklich Spaß. Das Programm gibt mir die Chance, mir in kurzer Zeit einen brauchbaren Einblick zu verschaffen. Die App erklärt zum Start, worum es in einem Buch geht, warum ich es lesen sollte und wer der Autor ist. Sollte ich nach 15-18 Minuten dann so begeistert bin, dass ich die Lücken auch noch füllen will, kann ich mir das Buch bei Amazon bestellen und aufs Smartphone laden. Blinkist ist die perfekte Lösung für die Generation der gestressten Smartphone-Großstädter, die jeden Moment des Leerlaufs nutzen wollen, um sich um ein paar Minuten zu verbessern.

Bisher verspürte ich allerdings bei keinem der Bücher den Drang, nachzulegen. Blinkist fasst das Ganze so schön und prägnant zusammen, dass ich mich getrost dem nächsten Buch zuwenden kann. Außerdem neige ich ohnehin dazu, Details (oder ganze Handlungsstränge) aus Büchern und Filmen wenige Minuten später zu vergessen. Dank der App sehe ich die wichtigsten Punkte angenehm übersichtlich aufgereiht und am Ende zur Sicherheit noch einmal zusammengefasst – für die Leser mit besonders kurzer Aufmerksamkeitsspanne. So weiß ich zum eigenen Erstaunen auch nach vier Tagen noch, warum Marken wichtiger sind als Produkte und wie die Globalisierung die Arbeitsbedingungen in der "ersten" und "dritten" Welt verschlechtert hat. Bei Bedarf kann man selbst eine Auswahl an schönen Textstellen aneinanderreihen – und so die Zusammenfassung der Zusammenfassung kreieren.

Bald soll es neben der iPhone- und Web-Version auch eine iPad-Variante geben – für die ruhigeren 15 Minuten im Leben.

Dieser Text ist bei Bold Economy erschienen.