Mit ohne Handy – Seite 1

Das Smartphone-Dilemma in der Unterhaltung mit Freunden hat eine typische Dynamik: Die erste Person muss mal kurz das Handy checken, um zu sehen, ob irgendwer schon geschrieben hat – um dann natürlich auch gleich zu antworten. Darauf greift das Gegenüber aus Langeweile, Verlegenheit oder einfach so ebenfalls zum Smartphone. Irgendeine Nachricht zum Beantworten oder ein Foto zum Kommentieren findet sich schließlich immer. Das wiederum treibt Person A in eine ähnliche Langeweile, Verlegenheit oder auch Freiheit. Und schon sitzen sie da in ihrem tragisch-komischen gemeinsamen Alleinsein.

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, nicht weiter dramatisch, aber zweifelsohne nervig. Downside ist eine App, die es beheben möchte. Ja, richtig – gerade eine App. Sie verpackt es einfach als Spiel: Alle Player drehen ihr Smartphone auf die Bildschirmseite – und wer es zuerst wieder in die Hand nimmt, hat verloren. Welche Konsequenzen das dann hat, wird bestimmt durch den Einsatz, den man vorher festlegen kann. Ein Drink, eine Runde oder gar ein ganzes Essen spendieren? Alles ist denkbar.

Das erste Mal hörte ich von Downside von einer Freundin vor mehreren Monaten – und wollte es sofort auch selbst ausprobieren. Gelegenheiten gibt es ja genug, sollte man meinen. Schließlich frönen New Yorker ihrem Dinnern: In Gemeinschaft isst und trinkt es sich einfach am besten, ob bei irgendwem zu Hause oder out. Doch eine Verabredung zum Abendessen nach der anderen ließ ich verstreichen, ohne meine App zu zücken.

Genau hier zeigt sich auch das Problem mit der Anwendung – oder zumindest meins: Wenn ich erst einmal in Gesellschaft bin, verliere ich mich meist darin, erst recht mit mehreren Leuten. Da empfinde ich mein Telefon ohnehin eher als Störung. Zugegeben: Auch ich gerate hin und wieder in das Smartphone-Dilemma – mitunter auch mit drei, vier oder fünf Freunden am Tisch, denen es genauso geht. Aber zur Kern-Zielgruppe gehöre ich wohl kaum.

Nur auf iPhone, aber umsonst

Also mit Ansage: Mit der Einladung zum Abendessen schicke ich meinen Freunden eine Anweisung, sich Downside – kostenlos – im App-Store zu besorgen. Zum Glück haben wir alle iPhones! Denn nur dort funktioniert die Anwendung der Entwickler von Collective Idea aus dem US-Bundestaat Michigan. Allerdings müssen zwei meiner Freunde ihr Betriebssystem dafür erst einmal auf iOS7 upgraden.

Wie auch ich finden sie die Idee auf Anhieb witzig. Meine eine Freundin kann es schon gleich kaum abwarten, die Spiele-App später mit ihrem Freund auszuprobieren, der bei uns allen für seine iPhone-Abhängigkeit bekannt ist. "Mit Wetteinsätzen. Und ich gewinne immer", scherzt sie.

Blitz-Ablenker

Zehn Spieler passen an einen digitalen Tisch: Alle Mitspieler brauchen die App, verbunden sein müssen sie entweder per Wifi oder Bluetooth. Eine Person lädt die anderen ein zum Spiel: "Waiting for players", steht da. Wir kichern. "Story of my life", sagt eine Freundin. Wir kichern mehr. Dann "sitzen" alle am Tisch und drehen ihre iPhones auf die Downside. Erste Schikane: Alle Phones blitzen plötzlich einmal auf. Irritiert nehme ich mein Telefon wieder in die Hand – und habe schon verloren. "Das Spiel versucht, uns reinzulegen", sagt meine Mitbewohnerin.

Hilflos ohne Handy: Was genau war eigentlich "golden syrup"?

Das macht das Spiel noch einige Male: Wenn eine Nachricht kommt, blinkt es auf. Da ist es nicht einfach, die Hand still zu halten – beziehungsweise am Glas oder der Gabel zu lassen. Eine weitere Schwierigkeitsstufe entwickelt sich im Gespräch über die Zubereitung des Desserts: Was genau ist "golden syrup", den man in den USA nicht bekommt? Und was heißt eigentlich Zuckerrübe auf Englisch? Und wie sieht sie aus? Reden wir überhaupt über ein- und dasselbe? Ein paar schnelle Klicks auf dem Smartphone könnten das Problem lösen, sind aber nicht erlaubt. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich bis heute nicht, ob neuseeländischer Golden Syrup und Grafschaften Goldsaft tatsächlich miteinander vergleichbar sind.

Und noch ehrlicher: Fünf Frauen um einen Tisch zum Abendessen brauchen eigentlich keine App, um das Gespräch lebendig zu halten. Am Ende verliert schließlich meine Freundin, die nach den Abfahrtszeiten für den Bus schauen muss. Aber eingeladen hatte ja sowieso ich.

Dieser Text ist bei Bold Economy erschienen.