Der digitale Stapel ungelesener Texte und Artikel in meinem iPhone wächst im selben Maß wie der Stapel ungelesener Bücher neben meinem Bett. Jeden Tag lade ich neue Artikel in meine Späterlesen-Apps. Auf der U-Bahn-Fahrt Richtung Büro, auf dem Weg ins Kino, beim Warten in der Bar auf einen Freund, so zumindest die Theorie, werde ich mich hindurcharbeiten.

Zwecklos. Ich bin zu langsam für die Flut an Informationen, die täglich auf mich einprasselt. Ist die Lösung wirklich Geschwindigkeit? Das lässt sich machen: Mit Spritz, einer von mehreren Schnelllese-Apps – sie hat es auf mein iPhone geschafft, weil sie billiger ist als die Konkurrenz. 

Sie soll mir beibringen, in Zukunft mit bis zu tausend Wörtern pro Minute über meine Texte zu fegen. Wir Durchschnittsmenschen schaffen üblicherweise um die 200. Statt ganzer Textabschnitte zeigt die App mir ein einziges Wort an. Dann das Nächste. Dann das Nächste.

Liebesbriefe in 3 Minuten und 17 Sekunden

Der Wörter-Strom soll die unnötigen Augenbewegungen vermeiden, die wir beim traditionellen Lesen machen. Kostet schließlich alles Zeit. Dabei soll unser Blick genau an der Stelle auf dem Wort landen, die uns hilft, den Sinn automatisch zu erfassen, ohne das ganze Wort von links nach rechts abzuarbeiten. Und je schneller die Wörter vor unseren Augen dahinfliegen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir sie mit unseren Lippen formen – auch das bremst uns nämlich aus, weil wir in der Regel eben auch nicht mehr als 200 Wörter pro Minute sprechen können.

Beim ersten Probetext habe ich das Gefühl, regelrecht in die Wörter hineingesogen zu werden, ein Buchstaben-Wurmloch, das mich meine Umgebung vergessen lässt. Plötzlich schaue ich nicht mehr an jeder Haltestelle auf, lasse mich nicht mehr von jedem Geräusch ablenken. Denn guckt man einmal weg, ist man verloren, kurz ein paar Wörter zurückwandern ist nicht möglich. Alles auf Anfang.

Es fühlt sich ein bisschen an wie Radio für die Augen. 3:17 dauert es, so schnell habe ich mich durch die Wörter im Liebesbrief der Französin Emilie Blachère an ihren verstorben Freund, den Fotojournalisten Rémi Ochlik, gestarrt. Ich mache den Test: Am Laptop, mit traditioneller Methode, dauert es 4:36, ich verliere Zeit mit Scrollen. In meiner Pocket-App schaffe ich es schneller, 4:07 Minuten zeigt die Stoppuhr am Ende an. Bei längeren Texten hat das Ganze vermutlich eine halluzinogene Wirkung. 

Der imaginäre Zeitbalken auf der Kinoleinwand

Spritz ist die jüngste einer ganzen Reihe von Apps, die uns beim Lesen antreiben wollen. Velocity und ReadQuick setzen auf dieselbe Methode wie Spritz, Accelerated versucht, uns mit einer Auswahl an Übungen schneller zu machen. Die meisten der Apps können Texte importieren, die wir in Apps wie Pocket, Instapaper oder Dropbox gespeichert haben.

Einige, wie Spritz und Squirt, verwandeln dank eines eigenen Browsers zusätzlich jede beliebige Webseite in einen Hochgeschwindigkeitsparkour. Auch Zeitungen und Bücher-Apps wie Oyster haben das Verfahren schon integriert.

Seit wir gedruckt gegen digital eingetauscht haben, ist es immer wichtiger geworden, wie lange wir für etwas brauchen. Der Kindle zeigt uns an, wie viel Prozent bis zum Buchrücken verbleibt, Seiten wie Longreads oder Medium geben uns eine Schätzung. Bücher werben damit, in fünf Stunden gelesen zu sein. Bei Filmen im Kino ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich mir den Zeitbalken vom Laptop herbeiwünsche, um zu sehen, wie viele Minuten verbleiben.

Deshalb ist es irgendwie beruhigend, dass die Schnelllese-Apps bei Büchern auch in Zukunft machtlos sein werden. Denn manchmal ist eben auch schön, die Zeit ein bisschen zu vergessen, sich zu verlieren in einem Text, sei es nun eine lange Reportage oder ein Roman. Manchmal geht es genau darum. Manchmal möchte man zurückgehen, weil man das eine wichtige Wort verpasst hat oder einfach, um eine besonders schöne Stelle noch einmal zu lesen. Und wenn das den Stapel neben meinem Bett nicht kleiner werden lässt, ist das auch okay.  

Erschienen auf boldeconomy.com