Mein erster offizieller Glücksmoment des Tages: Die Vorfreude auf einen guten Film mit guten Freunden. Immerhin einen meiner "Happiers" bringe ich damit zum Lächeln: Dhavel Patel, 23, aus dem indischen Gujarat, der, wie seine Kurzbiografie verrät, in England studiert. Die wenigen Sätze zur Selbstbeschreibung hat er mit unzähligen bunten Blumen-Emojis verziert. 93 "Happy Moments" hat Dhavel Patel schon hinter sich und ist damit vermutlich auf direktem Weg ins Glücks-Nirvana. Ich komme mir daneben mit einem einzigen schönen Moment noch etwas unbeholfen vor. Aber ich arbeite ja jetzt dran.

Ich bin Teil der "Happier"-Gemeinde. Die App für iOS und Android soll uns daran erinnern, dass jeder Tag ein paar kleine schöne Momente bereithält, auch wenn er aus der Ferne oder von mittendrin noch so grau aussieht. In der Mittagspause auf der Bank ausgestreckt und die Sonnenstrahlen genossen? Super! Wolkenformationen vor der Sonne? Herrlich! Draußen sind es 27 Grad im Schatten? Toll. So entwickelt sich auf dem Display ein ganzer Stream von Glücksmomenten aus aller Welt, der uns dabei helfen soll, auch selbst alles ein bisschen positiver zu sehen. Wem hier was gefällt, der liked nicht, sondern setzt einen Smiley darunter, ganz wie im echten schönen Leben eben.

Labrador-Hunde, Sonne und Strand – eine überzeugende Glücksformel

Zum Start werde ich gebeten, ein paar Aktivitäten auszuwählen, die mich besonders glücklich machen. Die Auswahlliste ist lang: Laufen, Filme, Bücher, Musik, Tiere, Fotografie, Kinder, einkaufen, kochen sind nur ein paar Beispiele. Und vieles davon würde auch mich vermutlich kurzfristig glücklich machen. Allerdings bittet Happier darum, mich doch bitte auf drei Kategorien zu beschränken. Ich entscheide mich für Filme, lesen und reisen, man kann ja immer nochmal nachbessern.

Im nächsten Schritt suche ich mir ein paar "Happiers". Nakole aus Texas klingt nett. "Ich lache, weil es ansteckend ist", schreibt sie. Filme, Sport und Shopping machen sie besonders glücklich. Ich füge sie hinzu. Quinn aus Australien mag vor allem ihre Labrador-Hunde, Sonne und Strand. Auch das finde ich eine überzeugende Glücksformel und mache sie zu einem meiner Happier. Ab sofort tauchen ihre Glücksmomente in Australien auch bei mir hier in Brooklyn auf.

Aus jedem kleinen Kaffee muss "der beste Latte der Welt" werden

Auf Facebook zum Beispiel würde man sich ja gar nicht trauen, die ganz kleinen Momente zu teilen, erklärte Gründerin Nataly Kogan vor kurzem in einem Interview. Aus jedem kleinen Kaffee zwischendurch müsse dort der "beste Kaffee der Welt" werden, um im allgemeinen Social-Media-Gezwitscher nicht unterzugehen. Bei Happier soll es persönlicher und ehrlicher zugehen als bei Instagram und Facebook. Das Glück scheint hier niemand stören zu wollen. Während es bei anderen Apps wie Whisper inzwischen von Trollen wimmelt, die die Anonymität und Unverbindlichkeit nutzen, um Obszönitäten in die Welt zu schicken, herrscht bei Happier tatsächlich totale Harmonie. Warum, so Kogan, solle man auch bitte extra ein Profil einrichten, nur um dann Negativität zu verbreiten.

Gegründet hat Kogan Happier Anfang 2013. Zu diesem Zeitpunkt war die Amerikanerin bereits erfolgreiche Unternehmerin, hatte mehrere Firmen gegründet und eine davon 2011 an PayPal verkauft. Doch irgendwie, erzählte, habe es trotzdem an ihr genagt. Denn so richtig glücklich habe sie der Erfolg nicht gemacht. Auf einem der zahlreichen Flüge ins PayPal-Hauptquartier wurde Kogan deshalb klar: Ihr nächstes Start-up soll sich rund ums Glück drehen.

Die Amerikanerin sammelte 2,4 Millionen Dollar an Kapital ein und startete mit zwölf Angestellten in eine glücklichere Zukunft. "Unsere große Vision ist es, ein Medienunternehmen aufzubauen und eine Lifestyle-Marke zu schaffen, die Millionen von Menschen inspiriert, glücklicher zu sein", sagt Kogan.

Für 19,99 Dollar zum glücklichen Yogi

Dafür reichen die kleinen glücklichen Momente im Feed natürlich nicht. Inzwischen gibt es bei Happier deshalb auch Kurse, die auf dem Weg zum Glück helfen sollen. "Yoga to Go" zeigt für 19,99 Dollar in sieben Tagen, wie man einfache Yoga-Posen in den Alltag einbauen kann, ohne eine Matte dabei haben zu müssen. In 21 Tagen kann man unter professioneller Anleitung lernen, wie man das Leben grundsätzlich ein bisschen dankbarer angeht. Für 24,99 Dollar bekommt man jeden Tag kleine Übungen serviert, mit denen man an seiner Dankbarkeit arbeiten kann.

Spätestens dann sollen ganze Legionen von Happiern glücklicher durch die Welt laufen. Wie viele es derzeit sind, dazu macht die Firma keine genauen Angaben. Aber schon Mitte 2013 waren rund eine Million glückliche Momente mehr als 100.000 Nutzern zusammengekommen. Der Effekt ist laut Happier natürlich wissenschaftlich belegt. Ob das stimmt oder nicht, lässt sich vermutlich ähnlich schwierig beurteilen wie die Frage, ob man bei einem guten oder schlechten Therapeuten ist. Immerhin: Seit ich Happier-Mitglied bin, suche ich zumindest bewusst nach neuen kleinen Glücksmomenten, um ein paar lachende Gesichter, also Smileys einzusammeln.

Erschienen auf boldeconomy.com