Gleich hinter der Tür hatten Sohn und Mann eine Falle in Form von Turnschuhen und Gummistiefeln aufgebaut. Mein Sturz wurde aufgefangen von der Kinderbettmatratze, die wir seit Monaten weggeben wollen und die deswegen seither im Flur lehnt. Meine Einkäufe ergossen sich dagegen ungebremst über den Stapel alter Zeitungen, die es irgendwie nicht in den Altpapiercontainer geschafft hatten. Jetzt. Reicht. Es. Endgültig. Zeit zum Smartphone zu greifen und – nein, nicht den Scheidungsanwalt anzurufen. Zeit, Clutter Rescue herunterzuladen, eine digitale Entrümpelungshilfe (gratis für iPhone und Android). Entwickelt wurde sie von Helen Butler, die Alltagsorganisation zum Beruf gemacht hat. Selbst Mutter eines Achtjährigen, richtet sie sich mit der App vor allem an Mütter.

Gerümpel ist wie Klimaerwärmung

Und sie trifft die Gefühlslage der Zielgruppe gut: Sieht Ihr Zuhause aus, als wenn eine Bombe eingeschlagen hätte? Macht der ständige Kram um Sie herum wahnsinnig? Steht "Aufräumen" ständig oben auf Ihrer To-do-Liste? Ja, ja und ja! Helen ist Australierin, was zeigt, dass die Ver-Rümpelung ähnlich wie die Klimaerwärmung ein globales Problem ist. So ganz intuitiv ist die Bedienung von Clutter Rescue dann allerdings nicht. Erst nach dem vier Minuten (!) langem Video auf der Webseite erschließt sich mir das System.                                       

Merke: Wer richtig gründlich organisiert sein will, muss Zeit mitbringen. Dafür wirkt sich allein Helens freundlich bestimmte Art, eine Mischung aus Kindergärtnerin und Krankenschwester, beruhigend aus.

Aussortieren nur mit gut sitzender Unterwäsche

Zu den Funktionen gehören die Grundregeln, die man eine nach der anderen in seine Verhaltensmuster übernehmen soll. Beispiel: "Wenn Sie etwas Neues anschaffen, das länger als 48 Stunden in Ihrem Haushalt bleiben soll, dann suchen Sie ein Heim dafür." Alles in meinem Haushalt soll einen Platz haben. Mein Blick fällt auf die Fußballtrophäen unseres Sohnes, die sich irgendwie zwischen den Cognac- und Whiskeyflaschen unserer "Bar" verfangen haben. Das ist sicher nicht das "Heim", das Helen dafür finden würde.

Der Kern, zumindest für mich, sind die Aufgaben. Da gibt es Anleitungen, um notorische Problembereiche in den Griff zu bekommen. Etwa das Bücherregal oder den Kleiderschrank. Letzteres sei eine Aufgabe, die "emotional belastend" sein könne. Am besten sei es eine Freundin dazu zu bitten. Und gut sitzende Unterwäsche dabei zu tragen. Denn man müsse das eine oder andere Stück anprobieren, bevor es in eine der vier Kategorien gepackt wird: Spenden, Verkaufen, Wegwerfen, Reparieren. Behalten kommt beunruhigender Weise nicht vor.

Machs! Fucking Right Now!

Ich kümmere mich lieber erst einmal um den Vorratsschrank in der Küche. Am Ende jeder Aufgabe steht der Punkt: Feiern Sie! Vielleicht mit der Schokolade, die sich in der Ecke noch fand und deren Verfallsdatum noch nicht zu lange abgelaufen ist. Clutter Rescue steckt voller Hinweise, Ermahnungen und Tricks.

Die Beschreibungen sind gründlich und sachlich. Humor ist Helens Sache allerdings nicht. Die App ist eher wie ein interaktives Buch.

Geradezu brutal wirkt dagegen Unfuck your Habitat (1,99 USD Android und iPhone) oder wie es im iStore verschämt heißt: "Unfilth your Habitat". Da wird viel geflucht und angeschnauzt. Ein wenig, wie man sich einen durchgeknallten Meister Proper vorstellt. "Stell dich nicht so an! Machs! Right fucking now!" Ok ok ok. Also wische ich unseren Fernseher ab und die Fernbedienung. Dafür habe ich fünf Minuten. Achtung, fertig, los: Zeit läuft!

Die Stärke von UFYH liegt in der Kombination von Stechuhr und der genauen Vorgaben für einzelne Aufgaben. Was kann man erledigen, wenn man fünf Minuten hat, was in zehn und was in zwanzig. Motivieren sollen einen die Sterne, die man nach getaner Arbeit sammeln kann. Mich motiviert aber vor allem, dass ich so das Gefühl habe, etwas erreicht zu haben und nicht vor einer Aufgabe zu stehen, deren Dauer ich nicht abschätzen kann. Das ist einer der Gründe, warum ich das Ausräumen des Regals im Schlafzimmer seit gefühlt einem Jahr vor mir her schiebe.

Wurmlöcher im Raum-Zeit Kontinuum

Mein Mann hat übrigens keinerlei App, die unser Heim schöner machen und unser Zusammenleben reibungsloser machen soll. Er sieht noch nicht einmal die Notwendigkeit. Mit der Einstellung ist er nicht allein. Der American Time Use Survey, eine Studie, bei der Tausende Amerikaner jedes Jahr angeben, womit sie ihre Zeit verbringen, hat zuletzt ergeben, dass Männer und Frauen ungefähr gleich viele Stunden arbeiten (Frauen arbeiten allerdings mehr unbezahlte Stunden als Männer). Da sollte man meinen, dass der Streit um das bisschen Haushalt endgültig in die Clutter-Tonne gewandert ist.

Doch die Aufgaben, die Männer und Frauen zuhause übernehmen, sind immer noch unterschiedlich. Während es löblich ist, dass Männer inzwischen kochen oder das Geschirr abwaschen (manche räumen es gar weg!), bleibt das Zubettbringen der Kinder -  Zähneputzen, Gute-Nacht-Geschichte, Gute-Nacht-Kuss, Glas Milch, Zähneputzen, Gute-Nacht-Kuss, Mama, ich kann nicht schlafen, GEH INS BETT!!!!... – meist noch Mamas Sache.

Und Frauen übernehmen überwiegend termingebundene Aufgaben wie Anziehen und Fertigmachen für den Schulbus, der um Punkt 7.45 fährt, egal, ob die Socken mit den Dinos TOTAL nicht getragen werden können. "Druckpunkte" nennen es die Soziologinnen Annette Lareau und Elliot Weininger, Termine und Aufgaben, die nicht verschoben oder verändert werden können und das Leben von Müttern zur permanenten Hetzjagd machen. Das zwinge Mütter dazu, nach "Wurmlöchern im Raum-Zeit-Kontinuum zu suchen", um alle die Dinge zu schaffen, die sie schaffen müssen, wie es Jennifer Senior beschreibt. Senior hat "All Joy and no Fun" geschrieben, ein Buch über das Ringen moderner Eltern, um glückliche Kinder und ihre eigene geistige Gesundheit. Können Apps digitale Helfer dabei werden? Die Matratze lehnt immer noch im Flur. Aber dafür strahlt der Bildschirm des Fernsehers. Das freut meinen Mann, der jetzt Fussball gucken will. Die Küche hat er ja schließlich schon gemacht.

Erschienen auf boldeconomy.com