Niemand mag es, überwacht zu werden. Aber selbst Überwachen, das ist etwas anderes. Jedenfalls für manche Eltern, die jederzeit überprüfen wollen, ob sich ihre Kinder in vertrauten Umgebungen aufhalten. So schreibt eine Mutter im App Store über Pocket Nanny: "Ich finde diese App sehr praktisch. Wie oft hatte ich schon Schreckmomente, wenn mein Sohn einfach weggelaufen ist. Gestern auf einer Veranstaltung war es wieder so weit. Er ist mit seinem Freund nah an die Straße gegangen, ich habe einen Alarm bekommen und ihn mit der Nanny sofort gefunden. Klasse!"

Es ist nur eine von vielen Top-Bewertungen für die Tracking-App. Kritisches ist nicht zu lesen – außer zu technischen  Details. Dasselbe Stimmungsbild bei Familonet, einer App, die Eltern informiert, wenn ihre Kinder einen bestimmten Ort erreichen: "Tolle App für unsere Familie", schreibt ein Nutzer: "Ich weiß wo meine Tochter ist und sie freut sich, dass ich  nicht immer per Telefon nerve." Auch diverse Berichte in US-Medien über solche Trackingtools lesen sich durchweg positiv.

Alles prima? Keineswegs. Es ist schwierig, einen Experten zu finden, der diese Apps lobt. Die Organisation Innocence in Danger etwa ist in der Netzszene berühmt-berüchtigt, weil sie einst das Netzsperrengesetz der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen unterstützte. Doch auch die Sprecherin des Vereins, Julia von Weiler, sagt: "Das schnürt mir den Hals ab. Die Vorstellung, ich müsste beständig mein Kind überwachen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut geht, ist bedrückend und auf lange Sicht nicht förderlich für die Beziehung zwischen Kindern und Eltern." Zum einen verlange man von den Kindern mehr Eigenverantwortlichkeit und vorausschauendes Handeln, zum anderen unterwerfe man sie einer Überwachung. Von Weiler: "Das passt nicht zusammen." Es gebe keine Versicherung gegen die Schrecken im Leben, und im Ernstfall könne die Lokalisierungsapp auch nicht helfen.

Rechtlich bewegen sich Eltern mit der Installation von Trackingtools in einer gewissen Grauzone. Es gibt keine gesetzliche Altersgrenze, in der das erlaubt ist, sondern lediglich die Vorgabe, dass die "Kinder einwilligungsfähig sein müssen," betont der schleswig-holsteinische Landesdatenschützer Thilo Weichert. Dazu gehört laut Bundesgerichtshof eine "ausreichende Urteilsfähigkeit". Weichert legt dies recht streng aus: "Man muss von Folgendem ausgehen: Wenn sie in der Lage sind, ein Smartphone zu haben, müssen sie auch über die Kontrolle durch ihre Eltern mitbestimmen können."

Kinder entwickeln so höchstens eine Überwachungskompetenz

Prinzipiell ist Weichert gegen diese Apps: "Von Dauertracking und Aufenthaltskontrolle halte ich überhaupt nichts." Die Kinder entwickelten damit lediglich eine Überwachungskompetenz und lernten, sich dem zu entziehen: "Sie lassen dann das Gerät liegen oder geben es einfach jemand anderem." Die Trackingtools beschädigten letztlich massiv das Vertrauen, das für die Eltern-Kind-Beziehung lebenswichtig sei. "Der Umstand zu wissen, wo ein Kind ist, hilft den Eltern in der Regel nichts. Denn sie kennen den Zustand und die Intention des Kindes nicht, wenn es da ist und nicht woanders," sagt der Datenschützer. Solche Tools seien nur in außergewöhnlichen Situationen wie einer Entführung eine Hilfe.

Ein absolutes No-Go sind für die befragten Experten Programme wie die Spy Phone App, die unter dem Titel "Parental Control" vermarktet werden, aber auch live die Übertragung von Ton- und Bildaufnahmen ermöglichen. Der Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger sagt, diese würden als Eltern-Tools vermarktet, doch es sei nicht auszuschließen, dass sie auch für kriminelle Zwecke genutzt werden, um Kinder und Ehepartner auszuspionieren und zu erpressen.

"Auch ein Kind hat Recht auf Privatsphäre"

Wie von Weiler betont Rüdiger, es sei wichtig, erst einmal abzuwägen: "Je jünger die Kinder sind, desto eher kann man den Gebrauch des Smartphones mit Bedingungen verknüpfen. Je älter sie werden, desto weniger darf man aber Kontrolltools einsetzen." Die Psychologin Julia von Weiler sagt: "Auch ein Kind hat Recht auf Privatsphäre und ein Recht auf den Gebrauch der Medien, die man ihm an die Hand gibt." Anderenfalls provoziere man Ausweichverhalten: Die Kinder nutzen dann einfach die Geräte der Freunde oder finden andere, kreative Wege, sich der Überwachung zu entziehen.

Das bedeute nicht, den Kindern einen unbegrenzten Zugang zu geben. Kinder und Jugendliche wollten natürlich alles nutzen, die Regulierung des Zugangs liege in der Verantwortung der Eltern. Von Weiler: "Die Kinder und Jugendlichen sagen ganz klar: Ihr seid verantwortlich für unseren Schutz."

Wohl deshalb stehen die Experten anderen Jugendschutz-Tools, die die Nutzung des Smartphones selbst kontrollieren, wesentlich positiver gegenüber. Neu ist etwa eine App, die auf Wunsch einer frustrierten Mutter entwickelt wurde. Sie schickte ihren Kindern immer wieder SMS-Nachrichten, auf die sie nicht reagierten. Als sie erfuhr, dass es den Kindern gut ging, dass sie aber schlicht ihre Nachrichten ignoriert hatten, kam sie auf eine Idee: Man müsse eine App entwickeln, die das Smartphone der Kinder so lange blockiert, bis sie ihre Eltern kontaktieren. Diese App gibt es nun unter dem Namen Ignore no more. Eltern können damit aus der Ferne praktisch alles in den Smartphones ihrer Kinder deaktivieren, was Spaß macht. Die Kinder können dann nur noch einige bestimmte Telefonnummern anrufen. Wenn sie das tun, erhalten sie das Passwort und können das Telefon wieder entsperren.