Muse schaut ins Gehirn

Bisher hört Quantified Self da auf, wo der Kopf anfängt. Puls, Schrittzahl, zurückgelegte Kilometer und Höhenmeter, verbrauchte Kalorien – all das messen und berechnen Menschen heute mehr oder weniger präzise mit Armbändern, Uhren und Smartphone-Apps. Jetzt ist die Vermessung des Gehirns an der Reihe, dank Muse.

Muse ist ein Elektroenzephalograf, ein Gerät, mit dem sich die eigenen Gehirnströme aufzeichnen lassen. Es sieht aus wie eine Mischung aus Kopfhörer und Stirnband, kostet 300 Dollar und zeigt, wie aus professioneller Medizintechnik für Diagnosezwecke etwa in der Schlafmedizin dank immer billigeren Sensoren ein Gadget wird.

Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte die kanadische Firma Interaxon damit begonnen, auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo Geld für die Produktion des Geräts zu sammeln, mit Erfolg. Seit ein paar Wochen ist es im Handel. Nun stellt sich die Frage: Wozu soll das gut sein? 

Die Antwort lautet: Do more with your mind – mehr aus seinem Geist machen also. Das jedenfalls verspricht Interaxon. Muse soll Menschen helfen, sich besser zu konzentrieren. Wer das schafft, kann angeblich besser lernen, mehr erreichen, hat bessere Ideen und geschärfte Sinne, ist zielstrebiger, erfolgreicher und weniger gestresst. Klingt ein wenig nach Scientology, steht aber alles so auf der Verpackung.

Wer mit Muse zum besseren Menschen werden will, muss meditieren, angeleitet von der dazugehörigen App Muse Calm. Das EEG-Stirnband misst dabei die Gehirnaktivität. Am Ende jeder Einheit zeigt die App, wie ruhig oder aktiv das Gehirn war. Je mehr Einheiten absolviert werden, desto mehr Diagramme, Muster und Tipps bekommt der Nutzer. Klingt einfach, hat aber seine Tücken, wie der Test zeigt.

Zunächst einmal mag Muse bequemer zu tragen sein als eine klassische EEG-Badekappe mit Sensoren und Kabeln, wie man sie vielleicht aus dem Krankenhaus kennt. Ein Plastikstreifen mit gut sichtbaren Sensoren liegt quer über der Stirn, hinter den Ohren stecken in einem billig wirkenden Plastikgehäuse weitere Sensoren und die restliche Elektronik. Aber so bequem, wie die Macher versprechen, ist es auch wieder nicht. Denn die sieben Sensor-Felder müssen guten Kontakt zur Stirn und dem Bereich hinter den Ohren haben, also sehr eng anliegen, und es braucht gerade bei den ersten Malen mehrere Anläufe und Minuten, bis ein ausreichend klares Signal beim Muse ankommt. Die App zeigt an, ob ein Sensor ein Signal empfängt oder nicht.

Anschließend muss das Gerät kalibriert werden, vor jeder Übung von Neuem. Die App fordert dazu auf, für einige Sekunden an möglichst viele Bücher, Süßspeisen, fiktive Charaktere und so weiter zu denken. So erkennt Muse, wie das Gehirn "aussieht", wenn es aktiv ist.

Danach beginnt die eigentliche Atemübung. Die entspricht einer einfachen Meditation und dauert wahlweise drei, sieben oder zwölf Minuten. Es gilt, jedes Ausatmen zu zählen (immer bis zehn und dann von vorne) und ansonsten an nichts zu denken. Dabei ist – am besten über Kopfhörer – das Plätschern des Meeres und das Rauschen des Windes zu hören. Schweifen meine Gedanken ab, registriert Muse das und warnt: Der Wind wird lauter und bedrohlicher. Bleibe ich über einen längeren Zeitraum konzentriert und ruhig, hört er Möwen in der Nähe landen. Am Ende gibt's Punkte. Je konzentrierter ich bin, desto mehr Punkte landen auf meinem Konto.

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

Bestrafung ist kontraproduktiv

Dieses Gamification-Prinzip mit Belohnung und Bestrafung ist fragwürdig. Die Punktevergabe hat etwas von einem Wettbewerb, was bei der Stressbewältigung eher kontraproduktiv sein dürfte. Wer den zunehmenden Wind wahrnimmt, fühlt sich unter Druck gesetzt und denkt erst recht nach. Nicht grundlos arbeitet klassisches Neurofeedback nur mit Belohnungsreizen.

Das geht auch nicht nur mir so. Ich habe jemanden mit viel Meditationserfahrung gebeten, Muse auszuprobieren. Auch diese Testperson stört sich vor allem am zunehmenden Wind. Sinnvoller wäre ein gesprochener Hinweis, sich aufs Atmen und Zählen zu konzentrieren, sagte sie.

"Woher weiß ich, dass dies kein Gedankenkontrollgerät ist?"

Analyse in der App Muse Calm © Screenshot ZEIT ONLINE

Durch das Echtzeit-Feedback ist es zudem wenig erhellend, die einzelnen, in Form von Grafiken und Diagrammen ausgewerteten Einheiten zu studieren. Ich weiß ja schon, ob ich lange ruhig oder unruhig war. Erst der Vergleich mehrerer Einheiten ist interessanter: An welchen Wochentagen und zu welcher Uhrzeit bin ich eher konzentriert? Brauche ich lange, um ruhig zu werden und wie lange halte ich das in der Regel durch?

Das geht jedoch erst, wenn 5.000 Punkte erreicht sind. Ich habe dazu elf jeweils drei- oder siebenminütige Einheiten benötigt, wobei das in keiner Weise repräsentativ ist. Ich habe manchmal absichtlich sehr intensiv an etwas gedacht oder sogar mit jemandem geredet, um zu überprüfen, wie gut Muse das registriert. Und in zwei Einheiten ist Muse quasi "abgestürzt". Da war es egal, ob ich mich konzentriert habe oder nicht, Stirnband und App haben nicht reagiert.

Fazit: Die Technik ist zwar sensibel, funktioniert aber nicht immer zuverlässig. Die Vermessung der Gehirnaktivität mit dem Muse-EEG sagt wenig über mich, was ich nicht auch ohne Gadget feststellen könnte. Wer nur eine Meditationshilfe sucht, ist mit einer angeleiteten Meditation auf CD oder als App vielleicht besser bedient. Die kosten keine 300 Dollar und bauen keinen Leistungsdruck auf. Aber immerhin kann das Gerät einen Anreiz darstellen, regelmäßig zu meditieren. So wie Fitness-Armbänder auch, lässt es sich als teure Motivationshilfe verstehen.

Datenschutzerklärung mit vielen Ausnahmen

Interaxon hat schon einige andere Ideen, wozu das Gadget irgendwann noch gut sein könnte: als Game-Controller oder Fernbedienung etwa. Ein MindWave genannter Elektroenzephalograf von NeuroSky leistet das ansatzweise schon heute und ist mit 129 Dollar zudem deutlich günstiger, angeblich aber auch unbequemer. Das US-Unternehmen Emotiv arbeitet an weiteren "Neuroheadsets", eines soll noch diesen Monat für 499 Dollar auf den Markt kommen, ein günstigeres im kommenden Jahr.

Bleibt das Thema Datenschutz. Wer Fitnesstracker und Smartwatches benutzt, ist es gewohnt, dass seine Daten in der Cloud, also den Rechenzentren der Anbieter gespeichert werden. So ist es auch im Fall von Muse. Wer nicht möchte, dass Daten über seine Gehirnaktivität auf den Computern anderer Menschen landen, sollte Muse nicht nutzen. In der Datenschutzerklärung von Interaxon steht zwar, dass alle EEG-Daten anonymisiert werden und dass Nutzer die vollständige Löschung verlangen können. Aber die Firma nennt mehrere Ausnahmen und Sonderfälle, in denen ihre Mitarbeiter oder andere auf Nutzerdaten zugreifen können.

Für die Allerparanoidsten hat Interaxon noch zwei hübsche Fragen in seinem FAQ veröffentlicht: "Woher weiß ich, dass dies kein Gedankenkontrollgerät ist?" und "Kann dieses Ding meine Gedanken lesen?"