Es sind Reaktionen, die ein Blackberry-Nutzer seit Jahren nicht mehr erlebt hat: "Was bitte ist das denn?" Jeder, der das neue Blackberry Passport sieht, sagt diesen Satz. Ein bisschen erinnert dieses kollektive Staunen an früher, als Blackberry-Menschen noch eine Mischung aus Avantgarde und Angebertum kultivierten. Waren sie es doch, die das Internet stets dabei hatten, während die anderen noch Klapphandys und SMS für fortschrittlich hielten.

Heute kommen Blackberry und Avantgarde eher selten im selben Satz vor. In unserer Redaktion, in der Blackberrys einst verbreiteter waren als Schreibtischlampen, gibt es noch drei oder vier Mitarbeiter, die nicht zu einem iPhone oder Android-Handy gewechselt sind.

Ich bin einer von ihnen.

Die meisten meiner Kollegen bemitleiden mich dafür. Manchmal tue ich das selbst. Mein derzeitiges Q10 ist mit Sicherheit das beste Blackberry, das ich je hatte. Trotzdem ist es noch immer ein ziemlich schlechtes Smartphone. Das Display ist winzig, der Appstore ist ein Witz, der Akku hält keinen Tag.

Doch haben Blackberrys etwas, das allen Smartphones vollkommen abgeht: Liebe zur Anatomie des Menschen. Aberhunderte hochsensible Nervenzellen hat die Evolution dem Menschen auf jeder Fingerkuppe beschert. Und Smartphones setzen diesem unglaublichen Tastsinn eine Glasscheibe vor und malen eine Tastatur drauf. Schönen Dank.

Blackberrys haben eine echte Tastatur, man kann sie wahnsinnig schnell und blind bedienen, und dafür bleibe ich ihnen treu, bis zum letzten Gerät.

Möglicherweise kommt dieser Tag schneller als mir lieb ist. Blackberry hat eine Umstrukturierung hinter sich, Hardware ist nur noch eine von vier Säulen des Geschäftsmodells. Geld lässt sich damit kaum noch verdienen, hat das Unternehmen erkannt. Vielleicht verzichtet es deshalb irgendwann ganz darauf, neue Blackberry-Modelle zu entwickeln.

Das Blackberry Passport aber ist noch einmal reichlich avantgardistisch ausgefallen. Es ist ein Monstrum, fast 13 Zentimeter lang und vor allem neun Zentimeter breit. Es ist schwer, klobig und kantig. Es hat riesige Tasten. Jeder, der es sieht, hält es für einen Scherz. Wie soll man damit telefonieren? Es geht. Sieht aber schlimm aus. In der U-Bahn fühlt man sich wie vor 15 Jahren, als man das Handy lieber stecken ließ, um nicht negativ aufzufallen. 

Sehr gutes Display, ordentliche Kamera

Technisch indes ist das Gerät gelungen. Sein großes quadratisches Display ist brillant und superscharf, sein Prozessor angemessen schnell. Die Navigation und Bedienung ist noch ein bisschen besser und ausgefuchster als beim Q10, die Kamera auch. Ich bin sogar von der Qualität der Aufnahmen in eher dunklen Umgebungen einigermaßen beeindruckt, bei Smartphones keine Selbstverständlichkeit. Andere Medien attestieren dem Passport zumindest gute bis mittelmäßige Kameraqualitäten.

Selbst beim Thema Apps hat Blackberry offenbar endlich eingesehen, dass der eigene Store nicht zu retten ist. Man hat dem Passport deshalb zusätzlich einen Zugang zum Amazon App-Shop spendiert. Das heißt konkret: Der Nutzer hat nun gleich zwei magere Appstores zur Verfügung. Denn auch der von Amazon ist trotz seiner 240.000 Apps viel kleiner als Google Play.

Problemzone Appstore

Will man auf seinem Passport den Firefox-Browser nutzen oder Wetteronline oder Sport1.fm (gibt’s zwar auch im BB-Store, läuft aber nicht auf dem Passport), dann bleibt, wie schon beim Q10, nur der Weg, einen dritten Shop zu installieren, nämlich den Google-Play-Clone Snap. Das ist mit ein wenig Gefummel verbunden, weil es nur mittels eines sogenannten Sideloads funktioniert. Wer es aber schafft, dem öffnet sich die große weite Android-Appwelt auf dem Passport. Fast jedenfalls. Google Maps, Google Drive oder Docs funktionieren weiterhin nicht. Und das ist natürlich bitter. Da hat man ein Smartphone mit einem dermaßen großen Display – und kann seine Google-Dokumente nicht bearbeiten.

Aber der Passport-Nutzer nimmt das hin. Er hat ja mehr Apps als je zu vor. Und, das wichtigste, er hat seine Tastatur.

Wie ist sie denn, diese Tastatur? Genau hier bin ich mir unsicher. Es ist immer ein bisschen komisch, von einem Gerät auf ein anderes zu wechseln. Aber so komisch war es selten. Die Tasten sind so anders. Größer, breiter, anders positioniert. Vermutlich könnte ich mit dem Passport mit mehr Übung genauso schnell Mails schreiben wie mit meinem Q10. Bislang ist es mir nicht gelungen. Durch die Breite des Geräts müssen sich die Finger sehr viel mehr bewegen, das dauert. Und dass Teile der Tastatur (Satz- und Sonderzeichen) aufs Display verlagert wurden, macht die Umgewöhnung nicht einfacher. Zumal, eine Tastatur auf einer Glasscheibe … aber das hatten wir ja schon.