Samsung erfindet das Galaxy neu

Nachdem HTC bereits am Sonntagnachmittag ein neues Oberklasse-Smartphone und eine VR-Brille präsentiert hatte, ist Samsung nachgezogen. Einen Tag vor der Eröffnung des Mobile World Congress in Barcelona stellte der koreanische Hersteller das Galaxy S6 und das Galaxy S6 Edge vor. Mit den beiden Geräten möchte sich Samsung die Spitzenposition unter den Android-Smartphones zurückholen. Dazu habe man die Reihe von Grund auf neu entwickelt, sagte Unternehmenschef JK Shin.

Tatsächlich ist das Galaxy S6 die erste größere Überarbeitung der Serie seit Jahren. Samsung gönnte der sechsten Generation einen Metall-Rahmen, den es in verschiedenen Farben zu haben gibt. Schon länger gab es Kritik an den Plastik-Gehäusen, vor allem im Vergleich mit der Konkurrenz von Apple und HTC. Samsung argumentierte stets mit dem geringen Gewicht und einem austauschbaren Akku.

Den wird es in den neuen Versionen nicht mehr geben, ebenso wenig wie eine externe SD-Speicherkarte. Allerdings soll das Galaxy S6 mit einer neuen Fast-Charging-Technik ausgestattet sein, die den Akku besonders schnell lädt. Zusätzlich unterstützen die neuen Geräte das kabellose Aufladen, mit dem das Gerät nur auf ein entsprechendes Pad aufgelegt werden muss. In nur zehn Minuten an der Steckdose soll eine Batterieleistung von vier Stunden möglich sein. Ein kompletter Ladevorgang von null auf 100 Prozent soll nur halb so lange dauern wie bei einem vergleichbaren iPhone 6.

Das blieb nicht der einzige Seitenhieb in Richtung Apple an diesem Abend: "Das Gehäuse wird sich definitiv nicht verbiegen", sagte die Marketing-Sprecherin angesichts der Berichte über verbogene iPhones nach der Präsentation des iPhone 6.

Zwei Knicks im Display

Die größte Neuerung ist das Galaxy 6 Edge. Wie bereits in der Note-Reihe, wird es das Galaxy in einer zweiten Version geben, die einen gebogenen Bildschirm hat. Auf beiden Seiten des Gehäuses biegt sich dabei der Bildschirm über den Geräterand. Das Galaxy 6 Edge ist damit das erste Smartphone, das diese Technik auf beiden Seiten einsetzt.

Ähnlich dem Galaxy Note Edge 4 fungiert der gebogene Bildschirm als zusätzliche  Informationsanzeige selbst dann, wenn der Hauptbildschirm ausgeschaltet ist. So lassen sich zum Beispiel einzelnen Kontakte Farben zuordnen, die am Bildschirmrand angezeigt werden. Erhält der Nutzer eine Nachricht eines bestimmten Kontakts, leuchtet die Bildschirmseite in der entsprechenden Farbe.

Ob das zweifache Zusatz-Display im Alltag tatsächlich einen Mehrwert bietet, muss sich zeigen. Optisch macht das S6 Edge in jedem Fall etwas her. Beim ersten Anfassen wirken die neuen Galaxy-Geräte deutlich wertiger als die Vorgänger-Modelle. Allerdings sammeln sich auf der Rückseite der beiden Geräte schnell Fingerabdrücke, denn diese sind mit dem besonders kratzfesten Gorilla-Glas bestückt. Statt Plastik setzt Samsung künftig also auf eine Mischung aus Metall und Glas.

5,1-Zoll-Display und 16-Megapixel-Kamera

Das Display ist mit 5,1 Zoll genauso groß wie das des Vorgängers. Das Super-Amoled-Display hat eine Punktdichte von 577 Pixeln pro Zoll und eine Auflösung von 2.560 mal 1.440 Pixeln, was noch einmal mehr ist als im S5 und eine noch schärfere Darstellung verheißt. Anders als das iPhone 6 wird es das Galaxy S6 nicht zusätzlich in einer größeren Phablet-Version geben: Sowohl das S6 als auch das S6 Edge sind gleich groß und wiegen beide um die 135 Gramm.

Auf der Vorderseite des Gehäuses ist eine Fünf-Megapixel-Kamera verbaut, die mit einer neuen HDR-Technik auch bei schlechten Lichtverhältnissen gute Aufnahmen ermöglicht. Auf der Rückseite ist eine 16-Megapixel-Kamera angebracht, die den optischen Bildstabilisator des Note 4 nutzt und eine sehr gute maximale Blendenöffnung von f/1.9 bietet. Allerdings ist es auch Samsung nicht gelungen, die Kameralinse in die Gehäuserückseite einzuebnen: Sie ragt wie bei der Konkurrenz von Apple und HTC leicht hervor.

An dieser Stelle der Präsentation zeigte Samsung einen Vergleich des Galaxy S6 mit Bilder- und Videoaufnahmen des iPhone 6: Die Aufnahmen waren deutlich heller bei dunklen Lichtverhältnissen – was sich natürlich erst noch in einem unabhängigen Test bestätigen muss. Dennoch scheint Samsung erkannt zu haben, dass eine gute Kamera ein Kaufargument ist.

Samsung steht mit dem Galaxy S6 unter Druck

Die neuen Galaxy S6 © Bebeto Matthews/AP/dpa

Über das Innenleben des Smartphones verloren die Verantwortlichen von Samsung überraschend wenig Worte. Und das, obwohl CEO Shin zu Beginn der Präsentation noch scherzte, dass er nicht gut Englisch spreche, weil seine erste Sprache engineering sei. Das Galaxy S6 läuft mit einem Achtkern-Prozessor mit 2,1 Gigahertz. Nutzer können über drei Gigabyte Arbeitsspeicher verfügen, das Gerät unterstützt neben LTE auch NFC: Mit Samsung Pay möchte der Konzern hier künftig stärker das mobile Bezahlen forcieren – ganz offensichtlich ebenfalls eine Reaktion auf die Pläne Apples.

Bei der Vorstellung hat Samsung nicht extra auf die zahlreichen Sensoren verwiesen. Allerdings agiert der Home-Button am unteren Display-Rand weiterhin als Fingerabdruck-Sensor. Der Blitz auf der Rückseite misst zudem die Herzfrequenz und ermöglicht, mit einem einfachen Auflegen des Fingers personalisierte Nachrichten zu verschicken. Es ist anzunehmen, dass das S6 auch sonst alle Sensor-Funktionen des Vorgängers unterstützt.

Verfügbar ab dem 10. April

Die beiden Galaxy-Modelle bedeuten eine neue Ausrichtung für die Koreaner, und die ist auch nötig: Zwar zählen die Modelle der Galaxy-Serie seit Jahren zu den technisch besten Geräten. Doch die Verkaufszahlen des Vorgängermodells waren enttäuschend und drückten die Umsätze des Konzerns im Spitzensegment. Trotz guter Testergebnisse entschieden sich viele Käufer offenbar dazu, weiterhin an ihren alten Geräten festzuhalten. Zudem zeigt sich, dass die technischen Unterschiede zwischen zwei Generationen kleiner ausfallen. Außerdem bieten Hersteller wie Xiaomi vor allem in China immer bessere Geräte zu deutlich geringeren Preisen an.

Folglich sind Alleinstellungsmerkmale gefragt. Samsung hofft offenbar, die Kunden mit einem neuen Designkonzept locken zu können. Aber sind diese auch bereit, den entsprechenden Preis zu zahlen?

Die beiden Galaxy S6 sollen ab dem 10. April in zunächst 20 Ländern verfügbar sein. Preise nannte Samsung in Barcelona erwartungsgemäß noch nicht. Wie das Blog Sammobile schreibt, soll das Galaxy S6 mit 32 Gigabyte 700 Euro kosten, mit 64 Gigabyte erhöht sich der Preis auf 800 Euro. Das Modell mit 128 Gigabyte soll stolze 900 Euro kosten. Das Galaxy S6 Edge wird jeweils 150 Euro teurer.

Das wären stolze Preise in einem zunehmend umkämpften Markt. Die Koreaner setzen darauf, dass sich die Strategie des doppelten Bildschirms nicht nur in der Note-, sondern auch der Galaxy-Reihe auszahlt. Mit der Abkehr von einem austauschbaren Akku und einer externen Speicherkarte – beides für Samsung-Nutzer beliebte Features – geht das Unternehmen jedenfalls ein Risiko zugunsten des Designs ein. Gleichzeitig zeigt der Konzern, dass er den Konkurrenzkampf angenommen hat.