Wir sind es gewohnt, unsere Umgebung und unsere Mitmenschen ununterbrochen und gnadenlos zu bewerten und zu kategorisieren. Der Handmixer auf Amazon hat nach einem halben Jahr den Geist aufgegeben? Dann gibt es eben auch nur einen Stern. Das Restaurant hatte das beste Tiramisu der Stadt? Dann verteilt man gerne auch mal vier oder fünf. Und was ist mit dem gutaussehenden Match auf Tinder? Ein Wisch nach links für unsere spontane und oberflächliche Zustimmung.

Jetzt hat die Gnadenlosigkeit auch die Journalisten erfasst. Waren es bisher eher indirekte Bewertungen über Klickzahlen oder Kommentare, können wir jetzt dank Something Good das Tinder-Prinzip auf alles anwenden, was uns an Nachrichten so vorgesetzt wird.

Something Good sucht sich aus dem Twitter-Feed die laut Algorithmus interessantesten – das heißt, am meisten geteilten und diskutierten – Artikel zusammen und lädt sie aufs iPhone. Einen nach dem anderen kann man sich die Texte dann mit einem Wisch anzeigen lassen. Eine Liste gibt es nicht, stattdessen setzt die App auf den Moment der Überraschung – und das mit so wenig Ablenkung wie möglich.

Wische ich den Artikel weg, ist er auch weg

Was mir gefällt, muss ich im Zweifel sofort lesen: Wische ich es weg, ist es auch weg, es sei denn, ich habe den Artikel vorher umständlich außerhalb der App für später abgelegt. Und das hat seinen Grund: Hier geht es nicht ums Sammeln, sondern um den sofortigen Konsum.

"Wir haben an uns selbst gemerkt, dass wir zwar immer massenweise Artikel für später gespeichert haben, aber das Wenigste davon tatsächlich irgendwann gelesen haben", erklärt Ed Lea, einer der beiden Gründer. Bis sie dazu gekommen seien, sei der Artikel meist völlig veraltet gewesen. Bei Something Good gehe es deshalb um die Unmittelbarkeit.

Im Test geht das Konzept nur bedingt auf

In der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit wische ich mich durch einen Artikel zu merkwürdigen Lichterscheinungen auf dem Zwergenplanet Ceres und dem Abschied von David Letterman. Auch an einem Artikel über die Schwierigkeiten von Levi's bleibe ich hängen, den ich sonst wohl weder gefunden noch gelesen hätte. Was mir nicht gefällt, verschwindet mit einem Wisch nach links, was meine Zustimmung bekommt, verschwindet nach rechts. Das Programm lernt und zieht die Vorlieben in die Bewertung ein.

Wie viele Nutzer die App hat, sagt Lea nicht. Nur soviel: "Wir sind erst vor wenigen Wochen an den Start gegangen und mit der bisherigen Bilanz sehr zufrieden." In Zukunft wollen die beiden Gründer aus London enger mit Verlagen zusammenarbeiten, um das Angebot weiter auszubauen – und irgendwann auch Geld einzunehmen.

Die App, erklärt Lea, versorge einen mit einem permanenten Strom aus Artikeln und erhöhe die Chance, dass man vielleicht auch mal etwas lese, was man sonst vielleicht nicht geöffnet hätte. Wenn die Nutzer erst mal die Wahl bekommen, würden sie letztlich deutlich weniger lesen.

Im Test geht das Konzept allerdings nur bedingt auf. Einen Text zu Homophobie im US-Pfadfinderverband etwa finde ich zwar interessant, will ihn aber trotzdem nicht genau jetzt lesen. Ihn zu speichern ist zu umständlich. Also bleibt mir nur, ihn ungelesen nach rechts zu wischen – in der Hoffnung, dass die App es mir nicht übel nimmt und bald etwas ähnliches ausgräbt.