Apple hat am Montag kaum für Überraschung, aber ein bisschen für Verwirrung gesorgt. Vier große Themen arbeitete der US-Konzern in der Keynote seiner Entwicklerkonferenz WWDC ab: Das sind die kommenden Generationen der Betriebssysteme für den Mac, für die mobilen Geräte iPhone und iPad sowie für die Apple Watch – und ein neuer Musikdienst.

Apple Music

Erst hat Apple den Radiostar gekillt, jetzt will es ihn wiederbeleben. Das Unternehmen ist bereit, sein einst marktumwälzendes, zuletzt aber leicht schwächelndes Geschäft mit Musik-Downloads zu kannibalisieren – so nannte es das Wall Street Journal – zugunsten eines Abo-Streamingmodells plus Radiosender plus iTunes-Playlisten plus Personalisierungswerkzeug plus Kommunikationskanal von Künstlern zu Konsumenten. Apple Music heißt das neue Angebot dann in der Summe. 

Für 9,99 US-Dollar im Monat bekommen dessen Nutzer den Onlinezugang zur Apple Music Bibliothek, die zum Start am 30. Juni aus etwa 30 Millionen Songs bestehen soll. Eine dreimonatige Testphase ist kostenlos, Familien können ein Paket für 14,99 Dollar kaufen, das sechs Menschen gemeinsam nutzen können. Euro-Preise wird Apple später bekannt geben. Eine kostenlose, werbefinanzierte Variante wie bei Spotify gibt es nicht. Das mag die Verbraucher enttäuschen (75 Prozent der Spotify-Nutzer wählen die Gratis-Variante), ist aber gut für Plattenfirmen, die nun auf Millionen neuer, zahlender Abo-Kunden hoffen dürfen. Wobei noch nicht bekannt ist, wie viel von dem Geld bei ihnen und bei den Künstlern landen wird.

Aber Apple Music ist mehr als Streaming aus dem iTunes-Katalog. Zum Paket gehört auch ein Internet-Radiosender namens Beats 1 und der tut, was Radiosender eben tun: Er spielt eine Musik-Auswahl ab. Apple wäre aber nicht Apple, wenn es diese Auswahl nicht als absolut großartig bezeichnen würde, kuratiert von echten Kennern. Doch wer will das schon bewerten bei etwas so individuellem wie Musikgeschmack? Während der Keynote zeigten sich einige Beobachter jedenfalls eher unterwältigt bis ratlos. Ist es nicht ein wenig gaga, Internetradio als das nächste große Ding zu feiern? Möglicherweise ändert sich ihre Meinung, wenn der Dienst ausprobiert werden kann. Aber dazu muss Beats 1 muss mehr sein als ein aufgebohrtes iTunes Radio.

Die Musik-App wird außerdem personalisierte Playlists zusammenstellen, basierend auf ein paar Vorgaben der Nutzer und lernfähiger Technik. Und es wird mit Connect einen Kanal geben, über den Künstler neue Songschnipsel, Texte oder auch Fotos mit ihren Fans teilen und so mit ihnen kommunizieren können. So etwas Ähnliches hat Apple schon einmal versucht. Erinnert sich noch jemand an Ping? Eben.

Was an all dem wirklich innovativ sein soll, ist schwer zu sagen. Immerhin dürfte Apples Ziel klar sein: Die Nutzer immer schön im eigenen Musik-Universum halten.

Bemerkenswert wäre noch, dass es Apple Music auch für Android geben wird.

watchOS 2

Die erste Smartwatch von Apple bekommt ein Betriebssystem-Update. Das watchOS 2 wird im Herbst verteilt. Dessen Neuerungen werden nun die Entwickler von Apps für sich nutzen.

Bisher waren Drittanbieter-Apps für die Apple Watch nicht gerade ein Verkaufsargument für das Wearable. Da Apple den direkten Zugriff auf die Hardware noch nicht freigegeben hatte, waren alle 4.000 Apps auf der Watch nur erweiterte iPhone-Anwendungen mit entsprechenden zeitlichen Verzögerungen und beschränkten Funktionen. Das ändert sich jetzt: Apple erlaubt Entwicklern, Apps zu programmieren, die direkt auf der Watch laufen.

Zugreifen dürfen sie auf Mikrofon und Lautsprecher, die Videowiedergabetechnik, den Beschleunigungssensor, den Pulsmesser, die digitale Krone und die Taptic Engine. Denkbar sind damit Apps, die Tonsignale von sich geben, sportliche Betätigung besser erfassen, mit der drehbaren Krone wie mit einem Scrollrad gesteuert werden oder neue Arten von Vibrationshinweisen verwenden. Denn die Taptic Engine ist ein besonderer Vibrationsmotor, der auch prägnante Klopfzeichen und eine Art Pulsieren beherrscht. Möglicherweise wird es schon bald Messaging-Apps geben, die auf Worte verzichten und stattdessen auf Klopfzeichen und Pulsmuster setzen – wie Emojis, die man nur fühlen kann.

Keinen Zugriff erhalten Entwickler offenbar auf die Force Touch genannte Bedienfunktion. Durch einen kräftigen Druck auf das Display lassen sich bestimmte Einstellungen verändern, das ist auf einem so kleinen Display eine sinnvolle Funktion, weil sie nicht präzise sein muss. Entwickler dürften enttäuscht sein, dass sie sich das vorerst nicht zunutze machen können.

Auch alternative Ziffernblätter von externen Anbietern wird es weiterhin nicht geben. Apple erweitert die Standardauswahl nur um Ziffernblätter aus den eigenen Fotos oder Fotoalben, wobei dann bei jedem Aktivieren der Uhr ein neues Bild aus dem Album als Hintergrund angezeigt wird.