Auf meinem Schreibtisch liegt aufgeschlagen die Juni-Ausgabe eines Wirtschaftsmagazins. Ich recherchiere für einen Beitrag zum US-Wahlkampf und will gerade einen Text über die US-Senatorin Elizabeth Warren lesen. Aber schon in der Mitte des zweiten Absatzes werde ich von dem Brummen meines Smartphones unterbrochen. Eine WhatsApp-Nachricht blinkt auf. Schnell starte ich die Anwendung und lese ein "Hey. Wie geht’s?" von meinem Freund Luis. Nett, von ihm zu hören, aber nicht wirklich eilig. Trotzdem: Der Faden ist weg, ich muss den Absatz von vorne beginnen.

Konzentriertes Arbeiten sollte die Regel sein, aber es ist die Ausnahme. Ausgerechnet eine Smartphone-App soll nun die Sucht nach dem Smartphone heilen. Auf der Suche nach einer Therapie stolpere ich im App-Store über Forest. "Sind Sie abhängig von ihrem Handy und können es einfach nicht liegenlassen?" Unangenehmerweise fühle ich mich angesprochen. Forest verspricht: "Die beste Heilung für Smartphone Sucht". Ich zögere kurz – die Therapie kostet 99 Cents – und installiere die App.

Forest: Stay focused, be present lautet der vollständige Titel der App. Es gibt sie nur in englischer Sprache. Die Idee ist folgende: Um unsere Konzentration aufrechtzuerhalten, sollen wir virtuelle Bäume pflanzen und so gezwungen werden, das Smartphone für eine vorher festgelegte Zeit ruhen zu lassen. Denn nur wenn das Handy nicht benutzt wird, kann der Baum auswachsen – andernfalls stirbt er ab. Nach dem Start muss ich nur die gewünschte Wachstumszeit einstellen, dann setze ich mittels "Plant" Button meinen ersten Baumsamen. Forest bleibt von nun an geöffnet und blockiert die anderen Apps auf meinem Smartphone. In den nächsten 30 Minuten wird mein Baum gedeihen und wachsen – und ich kann mich in der Zwischenzeit wieder auf meine Arbeit konzentrieren. So zumindest der Plan.

Keine Förster im Freundeskreis

Aber wehe man schließt Forest: Wer der Sucht nach Facebook und Co. nicht widerstehen kann, muss dafür einen hohen Preis zahlen. Denn wird die App beendet, bevor der Baum ausgewachsen ist, stirbt er. Auf dem Bildschirm bleibt dann nur noch ein brauner, verkrüppelter Baumstumpf übrig. Man fühlt sich gleich doppelt schuldig. Genau das ist der Sinn der Sache. Entwickler ShaoKan Pi aus Taiwan hofft, dass wir uns durch dieses unangenehme Gefühl sowie der Wechselwirkung von Erfolg und Verantwortung vernünftiges Handyverhalten angewöhnen.

Dabei soll auch der soziale Druck helfen. Das "Forest Ranking" zeigt mir, wie mein Wald im Vergleich zu anderen Nutzern abschneidet. Über das Feld "Find Friends" kann ich nach anderen Förstern suchen und meinen Wald mit ihnen teilen. In meinem Freundeskreis pflanzt jedoch niemand Bäume gegen die Sucht. Schade! Aber es gibt Hoffnung. In Taiwan, China und anderen Ländern war die App bereits im vergangenen Jahr unter den Top 10.

Am Ende siegt der Flugmodus

Nach zehn Minuten ist mein Baum ein kleines Stück gewachsen. Allerdings stelle ich schockiert fest, dass Forest Push-Mitteilungen von Facebook und meinem Kalender auf meinem Bildschirm durchlässt. Instinktiv überprüfe ich nun doch wieder regelmäßig das Display. Nicht besonders konzentrationsfördernd! Und auch die Wirkung der sogenannten Whitelist ist zweifelhaft: Android-Nutzer können damit drei Apps festlegen, die in "Notfällen" geöffnet werden können – ohne dass dabei gleich der Baum abstirbt.

Auf dem iPhone ist es mit dem Schummeln nicht so leicht. Immer wenn ich es wage, einen flüchtigen Blick auf mein Display zu werfen, werde ich daran erinnert, warum ich die App ursprünglich gekauft habe. Neben einem kompromisslosen "Plant a tree and get your things done." blitzen sofort unmissverständliche Anweisungen wie "Stay focused!" und "Don’t look at me!" auf.

Mein Fazit fällt nicht so enthusiastisch aus wie das von Nutzer Doodle-oodle! im AppStore, der die App gleich mit fünf Sternen und einem "I love it!" bewertet hat. Bei mir sorgt Forest nicht für konzentriertes Arbeiten, sondern vor allem für zusätzliche Ablenkung. Ein letztes Mal blinkt auf dem Bildschirm ein "Leave me alone!" auf – und ich gehorche. Ich beende die App und entscheide mich für die radikalste aller Varianten – den Flugmodus.