"Willkommen zurück, fauler Mensch", begrüßt mich mein neuer Assistent am frühen Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bereits tapfer durch mehrere Aufgaben gearbeitet. Ich habe gespült, ich habe einen Text geschrieben, ich habe Essen gekocht. Zwei Punkte stehen für heute noch auf meiner Liste: eine halbe Stunde Sport – und dieser Text. Ich befinde mich auf Level 2.

Als ich "App-Kritik" testweise etwas voreilig aus der Liste wische, bleibt meine To-do-Liste unbeeindruckt. Zwar bekomme ich 32 Punkte. Trotzdem lautet das gnadenlose Urteil: Boring. Carrot soll dem Smartphone etwas Attitüde verpassen. Die App ist Teil einer ganzen Carrot-Familie, die der Indie-Developer Brian Mueller gezüchtet hat. Die AI-Assistenten aus Philadelphia übernehmen meinungsstark das Fitness-Programm, das Kalorienzählen, das Wecken, die Wettervorhersage – und eben die To-do-Liste.

Nur wer diese brav abarbeitet, stimmt Carrot ruhig. Arbeitet man sich in den Levels weiter nach oben, belohnt einen das Programm mit neuen Funktionen oder Mini-Spielchen. Das Motto: Don't suck at life – versage nicht beim Versuch, zu leben.

Während andere To-do-Listen auf dem Smartphone vor allem auf elegantes Design oder Nutzerfreundlichkeit setzen, um das lästige Abarbeiten der täglichen Aufgaben ein wenig schöner zu machen, will uns Carrot vor allem unter Druck setzen. Der vermeintlich intelligente Assistent mit dem stets sarkastischen Unterton soll uns vorgaukeln, jemand schaue uns beim Erledigen unserer Aufgaben über die Schulter – und dieser jemand versteht nur wenig Spaß.

In der oberen rechten Ecke gibt es ein kleines blaues Feld. Der genauere Sinn erschließt sich nicht, aber Carrot wird wütend, wenn man es berührt. "Entschuldigung, könntest du die Finger von meinem Sensor lassen", blafft mich das Programm an. Tut man es erneut, legt die App nach. "Du bist gerade nicht besonders nett." Gibt man auch dann nicht auf, reicht es Carrot irgendwann und der Bildschirm wird vom freundlichen Weiß zum tiefen Schwarz, bis man die aktuelle Liste abgearbeitet hat.

Je mehr man die App benutzt, desto besser wird sie und desto mehr Funktionen werden freigeschaltet. Als ich es bis Level 2 schaffe, schluckt Carrot eine Glückspille und braucht ab sofort ein wenig länger, bis das Programm sauer wird, weil ich meine Aufgaben zu langsam erledige. Ab Level 4 bekomme ich die Möglichkeit, meine Aufgaben ab sofort nach Wichtigkeit zu sortieren. Um mein kleines menschliches Gehirn nicht zu überfordern, wie mir die App netterweise mitteilt. Weil ich mich angesichts der neuen Funktion nicht überschwänglich bedanke, präsentiert mir das Programm obendrauf noch einen Glückskeks. Der Inhalt ist erwartungsgemäß wenig charmant. "Sie werden sterben, indem Sie der gelben Pflasterstraße folgen."

Das Programm hält fast zahllose kleine Herausforderungen und Auszeichnungen bereit, die mich bei der Stange halten sollen. Die erste gibt es bereits, nachdem ich die ersten fünf Punkte von der Liste wische. "Aww, Sie haben die ersten fünf Aufgaben erledigt, und das ganz alleine. Wie süß." Weitere Auszeichnungen winken, wenn ich eine Aufgabe mitten in der Nacht erledige, einen Punkt von der Liste wische, der mehr als sechs Monate alt ist oder eine Erinnerung einrichte, die in sechs Monaten fällig wird.

Am Ende des Tages schaffe ich es dann doch noch: Ich wische "Sport" von der Liste. "Kann ein Computerprogramm jemals zu glücklich sein?", fragt mich Carrot. Meine To-do-Liste für heute ist leer. Andere Menschen, schiebt mein kleiner sarkastischer Helfer nach, müssten vor meiner awesomeness erschaudern.