Die Verantwortlichen von HTC erinnern sich gerne an das Jahr 2008 zurück. Damals, im Oktober, präsentierte der taiwanische Hersteller das HTC Dream. Es war ein retrofuturistisches Gerät mit Trackball, Schiebedisplay und Tastatur, aber vor allem das erste kommerziell verfügbare Smartphone mit einem neuen Betriebssystem namens Android. Drei Jahre später wurde HTC auf dem Mobile World Congress zum Hersteller des Jahres gewählt und war nach Apple und Samsung der am dritthöchsten bewertete Smartphone-Produzent der Welt.

Heute befindet sich HTC in der größten Krise seiner Geschichte. Im zweiten Quartal verbuchte das Unternehmen einen Verlust von 235 Millionen Euro, der Aktienkurs stürzte auf ein Zehn-Jahres-Minimum ab. Daraufhin gab HTC an, rund 15 Prozent seiner Arbeiter entlassen zu wollen – wie so viele andere Unternehmen auch. Im Februar kündigte die Mobilfunksparte von Sony 2.100 Mitarbeitern, im Mai erwischte es Blackberry und als jüngstes Opfer traf es Lenovo mit 3.200 Angestellten. Selbst der Weltmarktführer Samsung muss sich mit unterdurchschnittlichen Verkaufszahlen seines Galaxy S6 arrangieren.

Die Entwicklungen sind Symptome des Dilemmas, in dem Android als Betriebssystem zurzeit steckt. Auf der einen Seite besaßen nie zuvor mehr Menschen Smartphones und Android ist mit fast 80 Prozent Marktanteil das mit Abstand beliebteste System. Auf der anderen Seite wächst der Markt nach den jüngsten Analysen der Marktforscher von Gartner langsamer denn je, was einige Medien schon zu den Fragen geführt hat: Haben wir Peak Android erreicht? Falls ja, woran liegt es und was bedeutet das für die Nutzer?

Der Markt ist zunehmend gesättigt

Vorbei sind jedenfalls die Zeiten, in denen viele Menschen Jahr für Jahr ein neues Smartphone kauften. Inzwischen bieten bekannte Serien wie Sonys Xperia oder Samsungs Galaxy vor allem Updates eines bewährten Prinzips. Noch heute reicht ein drei Jahre altes Galaxy S3 für die meisten Nutzer völlig aus. Die Fragen, ob nun ein Vierkern- oder Achtkernprozessor oder eine 12- oder 16-Megapixel-Kamera im Inneren steckt, sind für die meisten Verbraucher im Alltag ebenso unerheblich wie vollmundig angepriesene Techniken namens NFC oder 5-Gigahertz-WLAN.

Auch optisch geraten die Hersteller zunehmend an ihre Grenzen: Dünner und leichter bedeutet inzwischen nur noch Millimeter und wenige Gramm, weit weniger Unterschiede als noch vor einigen Jahren. Also wurde zuletzt mit neuen Materialen geworben: Samsung hat seinem neuesten Galaxy S6 einen Alurahmen, eine Glas-Rückseite und ein Seitendisplay spendiert, LG versucht es beim G4 mit Echtleder und Motorola mit individuellen Kombinationen. Die Änderungen sollen die Geräte von der Konkurrenz abgrenzen, verdecken aber nur schwer, dass sich immer mehr Android-Geräte ähnlich sehen und damit in die Beliebigkeit abdriften.

China bestimmt die Entwicklung

Betroffen sind vor allem westliche Märkte wie Europa oder Nordamerika. In Ländern wie Indien oder China gibt es zwar noch Potenzial, aber auch hier sind Änderungen spürbar: "Der chinesische Markt ist zunehmend vom Austausch und weniger von Erstkäufern geprägt", sagt der Gartner-Analyst Anshul Gupta. Hersteller wie HTC und Samsung versuchen dennoch, gerade in China stärker Fuß zu fassen. Das vergangene Woche vorgestellte Samsung Galaxy S6 Edge+ etwa ist eine direkte Reaktion auf das iPhone 6 Plus – ein Modell, das vor allem in China sehr beliebt ist. Im April hatte bereits HTC mit dem M9+ ein Modell präsentiert, welches gezielt das Bedürfnis größerer Bildschirme der chinesischen Kunden bediente.

Es sind aber nicht bloß Samsung, HTC und Apple, die untereinander um die Gunst der Chinesen buhlen. Es gibt mit Huawei und Xiaomi starke, regionale Konkurrenz. Xiaomi ist mittlerweile der chinesische Marktführer und unter jungen Menschen angesagt. Das Image des Unternehmens steigt, die Smartphones sind schlicht und elegant. Kein Wunder, schließlich orientieren sich Modelle wie das Mi4 an den aktuellen iPhones, kosten allerdings nur einen Bruchteil der Topgeräte von Apple, HTC oder Samsung.

Der Preiskampf fordert Opfer

Es ist das Erfolgsrezept von Xiaomi: Gut kopieren und anschließend die Ausstattung eines Oberklasse-Smartphones für den Preis eines Unter- oder Mittelklassegeräts anbieten. Dass sich das Unternehmen die geringen Gewinnmargen leisten kann, liegt an einem cleveren Geschäftsmodell, das auf Direktvertrieb über das Internet, gezieltes Marketing und Vernetzung mit eigenen, anderen Diensten setzt. Dass Xiaomi fast ausschließlich in China tätig ist, alles lokal produziert und somit kein großes Support- und Produktionsnetzwerk benötigt, hilft ebenfalls.

Andere Hersteller haben das Nachsehen. Selbst Lenovo, ebenfalls ein chinesischer Hersteller, kann in diesem Preiskampf nicht mithalten. Lenovos CEO Yang Yuanqing sagte unlängst, dass andere Anbieter in China mit ihrem Preisdumping "irrational auftreten" würden und seine Firma stattdessen den Fokus auf andere Märkte richte. Es klingt wie eine Resignation und die jüngsten Entlassungen in seiner Firma bestätigen das Dilemma: China ist ein wichtiger Markt, aber nicht jeder kann den Preiskampf mit Xiaomi aufnehmen.