Eigentlich hätte ich mir gleich denken können, dass das kein guter Moment ist. "Wie fühlst und denkst Du jetzt gerade?", fragt mich mein iPhone. Ich folge der Aufforderung trotzdem, öffne die App Moo-Q und versuche mich mit meinem müden Hirn durch die ersten Aufgaben des Arbeitstages zu arbeiten. Die Nacht war kurz, ich hatte zwei Gläser Bier zu viel, entsprechend langsam und erfolglos komme ich voran.

Von den Zahlen, die auf dem Display erscheinen, kann ich mir nur die wenigsten merken, als ich dann auch noch addieren soll, gebe ich auf – und beschließe, den Test ein anderes Mal fortzusetzen. An diesem Morgen weiß ich auch ohne Moo-Q, dass ich wichtige und komplexe Aufgaben vielleicht lieber auf die Zeit nach dem Mittagsschlaf verschiebe.

Genau diese Art der Erkenntnisse soll mir die kostenlose App (erhältlich nur für Geräte mit iOS ab Version 7.0) ab sofort verschaffen. Wann bin ich am produktivsten, wie beeinträchtigt meine Stimmung mein Verhalten und meine Arbeit? Funktioniert mein Hirn besser, wenn ich glücklich oder traurig bin? Und was kann ich tun, um die Leistung zu steigern? 

Abends läuft es besser als morgens. © Screenshot Bold Ecocomy

Um eine ausreichend große Datenmenge zu sammeln und mich einschätzen zu können, bittet mich die App, den Test zum Start fünf Mal zu absolvieren – mal morgens, mal mittags, mal abends, wann immer die Aufforderung gerade kommt. Per Schiebeskala gebe ich mir eine kurze Selbstdiagnose, bevor ich mich durch die Tests arbeite. Wie glücklich bin ich gerade, wie wach, wie nervös, wie gestresst oder genervt?

In den Aufgaben muss ich mir dann innerhalb einer bestimmten Zeit eine Reihe von Zahlen merken und sie auf der folgenden Seite eintippen, muss Zahlenreihen vergleichen oder Nummern miteinander addieren. Das Fiese: Die App sagt mir dabei nicht, ob ich im Vergleich zu anderen Nutzern gerade gut, durchschnittlich oder schlecht abschneide (ich habe das Gefühl, jedes Mal kläglich zu versagen). Selbst wenn ich mir keine einzige Zahl gemerkt habe, geht es völlig kommentarlos in die nächste Runde.

Am Ende bedankt die App sich für die Teilnahme, fragt mich, ob ich gerade allein, unter Freunden, zu Hause, im Büro oder draußen bin – und loggt den Zwischenstand ein. Punkte gibt es nicht, Mitspieler auch nicht: Hier geht es nicht um Spaß.

Das zeigt auch ein Blick auf die Entwickler. Denn die kommen nicht aus irgendeinem Start-up in San Francisco oder dem Silicon Valley, sondern aus dem britischen Hungry Mind Lab, einem Psychologen-Thinktank der Goldsmiths University in London, das sich mit Ursachen und Folgen individueller Intelligenz und Persönlichkeit beschäftigt. Das Team hofft, aus den Daten, die (wenn man will) gesammelt und anonymisiert in dem britischen Labor landen, neue Erkenntnisse bei der Erforschung des kognitiven Verhaltens zu gewinnen.

Mein Kurzzeitgedächtnis lässt im Laufe der Woche nach

Doch jetzt gewinne ich die erst mal selbst. Habe ich mich oft genug durch den Test gearbeitet, spuckt mir die App meinen persönlichen Moo-Q aus: Ein Diagramm, das mir zeigt, wie mein Gemütszustand und meine Gehirnleistung sich über Zeit entwickeln und wie sie zusammenhängen. Im Idealfall lerne ich Dinge, die über die Tatsache hinausgehen, dass ich besser denke, wenn ich nüchtern und ausgeschlafen bin.

Mein erster Zwischenstand zeigt: Bin ich glücklicher, verarbeite ich Informationen offenbar langsamer. Mein Kurzzeitgedächtnis ist im Laufe der Woche schlechter geworden, mein Arbeitsgedächtnis (was das genau ist, wird in der App erklärt) hat dagegen zugelegt. Morgens verarbeite ich Informationen überraschenderweise langsamer als am frühen Nachmittag, bin dafür aber einen Tick zufriedener. Das Kurzzeitgedächtnis erlebt bei mir sein Hoch um 17 Uhr – allerdings ist das auch der Moment, wo die negativen Gefühle kommen. Die wichtigste Erkenntnis bleibt: Eine einfache Antwort auf die Frage, wann ich den nächsten Text schreiben sollte, gibt es nicht.