Eine der wenigen wirklich auffälligen Neuerungen am iPhone 6s ist etwas, das Computernutzer seit Jahrzehnten als Rechtsklick kennen. Was ein Klick auf die rechte Taste einer Maus auslöst, nämlich die Anzeige eines Menüs von kontextabhängigen Optionen, war auf Smartphone-Displays bisher nur über dezidierte Buttons möglich. Die wiederum mussten Nutzer in der Regel innerhalb einer App suchen. 

Apples 3D Touch genannte Technik ändert das: Ein fester Druck auf ein App-Icon oder bestimmte Bereiche innerhalb einer App öffnet Menüs mit Shortcuts zu beliebten Funktionen und erlaubt noch einige andere direkte Interaktionen, die bisher mehrere Schritte erforderten.

Was unter der Bezeichnung Force Touch bereits in der Apple Watch und im Trackpad der aktuellen MacBooks steckt, hat Apple damit unter neuem Namen und mit erweitertem Funktionsumfang auch ins iPhone gepackt. Das Unternehmen geht wenig bescheiden davon aus, dass 3D Touch die Bedienung von Geräten ähnlich massiv verändern wird wie die Einführung von Multitouch-Gesten vor acht Jahren.

Apple war damals nicht das erste und einzige Unternehmen, das Multitouch als Feature verkaufte. Und Apple ist auch jetzt nicht allein mit seiner Innovation. Aber es gibt eben nur ein Gerät, das sich irgendwo zwischen 50 und 90 Millionen Mal im Quartal verkauft und die Technik damit schlagartig als neuen Standard etablieren kann: das iPhone.

Von Multitouch zu Rich Touch

Wenn es nach Chris Harrison geht, wird es dafür auch langsam Zeit. Harrison leitet die Future Interfaces Group am Human Computer Interaction Institute der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, Pennsylvania. Er hat dort neue Eingabe- und Interaktionsmethoden unter anderem für IBM, AT&T und Microsoft entwickelt, darunter auch einige, die mehr oder weniger an 3D Touch erinnern. Für Apple hat er nie gearbeitet oder geforscht. Er sagt: "Seit Jahren wiederhole ich wie ein Papagei, dass sich der Mensch-Computer-Input weiterentwickeln muss, von Multitouch zu rich touch."

Erste druckempfindliche Bildschirme habe es schließlich bereits Mitte der siebziger Jahre gegeben. Welche Vorteile sie bieten, wissen Forscher wie er also schon länger, als es iPhones gibt. Dennoch hat es bis 2015 gedauert, bis die Technik in Smartphones angekommen ist.

Wer so ein Handy oder Tablet besitzt, sagt Harrison, ist mittlerweile ein Experte im Umgang mit diesen Geräteklassen, wird aber nicht mehr besser: "Nun ist die Zeit gekommen, ein paar besondere Funktionen einzuführen für all jene, die lernen wollen. Ich vergleiche es mit Tastatur-Shortcuts: Müssen wir Strg + C und Strg + V zum Kopieren und Einfügen beherrschen? – Nein. Aber wenn wir es gelernt haben, sind wir schneller und effizienter."

3D Touch spart Sekundenbruchteile

Effizienz ist ein Begriff, den man auch bei Apple gerne verwendet, um 3D Touch anzupreisen. Im Alltag sieht das dann so aus: Statt zum Beispiel die Kamera-App mit einem Tap zu öffnen und dann den kleinen Button zu suchen, mit dem man von der Haupt- auf die Frontkamera wechselt, um ein Selfie zu machen, klicken iPhone-6s-Besitzer einmal kräftig auf das Icon der Kamera-App. Dadurch öffnet sich ein Minimenü mit Shortcuts zu vier möglichen Aktionen, darunter auch die Selfie-Option. Wer dann den Finger nicht vom Display nimmt, sondern direkt auf diese Option rutscht, ist minimal schneller im Selfie-Modus als über den bisherigen Weg.

Das klingt schrecklich banal. Aber weil es solche Abkürzungen auch in Apple Maps, Fotos, Nachrichten, Mail und anderen systemeigenen Apps gibt, werden Poweruser eifrig davon Gebrauch machen. Chris Harrison sagt: "Müssen iPhone-Besitzer das nutzen? – Nein. Werden sie es dennoch häufig tun? – Vielleicht nicht. Aber wenn, dann werden sie es lieben."