Früher schlug man morgens ein bestimmtes Blatt auf, blätterte sich von vorne nach hinten oder hinten nach vorne durch und fühlte sich anschließend mehr oder weniger informiert. Die Zeiten sind vorbei. Die News kommen heute aus dem Netz oder direkt von Facebook und Twitter. Was wir lesen, wo und von wem, entscheiden die meisten von uns spontan, nicht im Abo. 

Blendle macht daraus ein Geschäft und will beide Welten wieder näher zusammenrücken. Das Startup aus den Niederlanden bricht Zeitungen und Magazine auf und liefert die einzelnen Artikel zum Stückpreis. Mit einem Klick habe ich einen neuen Text geöffnet und bezahlt (manchmal schneller als mir eigentlich lieb ist, denn eine Leseprobe gibt es nicht). "Zu lange waren so viele der richtig guten Geschichten versteckt in Papierbündeln oder hinter Paywalls", sagt Blendle-Gründer Marten Blankesteijn. 

Prominente Kuratoren sollen für Übersicht sorgen

Sollte ich dann doch noch die ganze Ausgabe haben wollen, zieht Blendle die bereits bezahlten Artikel vom Preis ab. Entscheide ich nach dem Lesen, dass mir der Artikel aus irgendeinem Grund nicht gefallen hat, gibt mir die Firma das Geld zurück. Das, so sagen die Erfinder, solle den Stress ständiger Kaufentscheidungen anderer Angebote verhindern. Wer das Feature zu oft nutzt, für den verschwindet es allerdings.

Stress kann es theoretisch trotzdem geben. Denn jeder einzelne Artikel der mehr als 100 Partner steht tagesaktuell als digitale Version auf Blendle bereit. Um da für etwas mehr Übersicht zu sorgen, gibt es eine Vorauswahl. Als Grundlage dienen meine persönlichen Interessen, die Empfehlungen einer Art Supra-Redaktion mit sechs Mitgliedern und prominenter Kuratoren, darunter der ehemalige Fußballspieler Jens Nowotny, Guardian-Digitalchef Wolfgang Blau oder Miriam Meckel, Chefredakteurin der WirtschaftsWoche. Hier geht es nicht um kleinteilige tagesaktuelle Geschichten, sondern um schöne Lesegeschichten. Bei Bedarf kann man sich für bestimmte Autoren oder Themen einen Alarm einrichten. Auch die dazugehörige App reduziert den Wust an Inhalt auf die beliebtesten Geschichten.

Im April 2014 ging Blendle in den Niederlanden an den Start, jetzt will das Startup Deutschland zu erobern. Mehr als 100 deutsche und englische Titel sind dabei. Die New York Times und Axel Springer haben Millionen in das Startup gesteckt. Die großen Verlage scheinen ebenso große Hoffnungen zu haben, dass Blendle sie vor dem Leserschwund bewahren und die Kostenlos-Mentalität des Netzes umkehren kann. In den Niederlanden verzeichne die Tageszeitung de Volkskrant erstmals seit Jahren eine Zunahme der Abonnenten, so Blankesteijn. "Sie gehen davon aus, dass das ein Effekt von Blendle sein könnte." Das Startup will für den Journalismus werden, was Spotify für die Musik und Netflix für den Film ist. 

Technisch hakt es noch

Blendle ist nicht das erste Startup, das sich an neuen Bezahlmodellen für Zeitungen und Magazine versucht. Die deutsche Firma Newscase etwa liefert ebenfalls Online- und Print-Inhalte verschiedener Verlage zum Pauschalpreis auf iPad oder Smartphone. Gratis-Inhalte kann man auch ohne Premium-Account lesen. Das Startup, das 2009 unter dem Namen Niiu als eine Art Print-Baukasten an den Start ging, bei dem man sich seine eigene Zeitung aus verschiedenen Angeboten zusammenbasteln konnte, hat inzwischen auf die digitale Version umgesattelt. Bislang hakt es aber auch da: An deutschen Verlagen sind bislang nur Axel Springer, Burda und Gruner + Jahr vertreten.

Ein paar Haken gibt es auch bei Blendle zum Deutschland-Start noch, doch die sind vor allem technischer Natur. Speichert man etwa einen Text für später in einer Lese-App wie Pocket, verschwinden Teaser, Autor und Quelle. Was ich da genau lese und woher es stammt, weiß ich nicht mehr. Außerdem verschwinden immer wieder die letzten Zeilen der Teaser am unteren Bildrand. Um wirklich zu wissen, worum es geht, muss ich den Artikel anklicken – und damit kaufen. 

Wie viel dabei fällig wird, entscheiden übrigens die Zeitungen und Magazine selbst. 70 Prozent des Umsatzes gehen anschließend an die Verlage, den Rest behält Blendle. In den Niederlanden klappt das bislang gut. 400.000 Menschen haben sich bei dem Dienst dort inzwischen immerhin angemeldet, 80.000 davon haben letztlich tatsächlich Geld auf ihre virtuellen Konten geladen. Wie viele das Guthaben dann auch nutzen, um tatsächlich Artikel zu kaufen, verrät die Firma nicht.