Wenn Noten auf Code treffen

Das Notensystem ist die Programmiersprache der Musik. Der Programmierer heißt Komponist, der Compiler ist ein Künstler. Von spezieller Musiksoftware mal abgesehen treffen die beiden Systeme selten aufeinander. Aber wenn sie es tun, entsteht sehr ungewöhnliche Software – und ungewöhnliche Musik.

Am Donnerstag hat die britische Band Massive Attack die neue App Fantom für iPhones ab Version 5s veröffentlicht. Das Programm kommt nicht nur mit vier neuen Songs der Trip-Hop-Band, sondern es produziert zusätzlich "sensorische Musik", wie es auf der Beschreibungsseite im Apple Store heißt. Das bedeutet, ein Algorithmus erstellt Remixe anhand persönlicher Daten, die das Smartphone erfasst.

Herzfrequenz und Social Media

Zu diesen Daten gehören etwa die aktuelle Uhrzeit, die aufgenommenen Fotos und der aktuelle Standort der Nutzer. Aber auch Ereignisse in den Sozialen Netzwerken oder die aktuelle Herzfrequenz und Bewegungen können den Remix beeinflussen. Die Herzfrequenz kann beispielsweise durch die Apple Watch erfasst werden. Mithilfe dieser Daten verändern sich minimalistische Fragmente aus den vier Songs der Band. Die daraus entstehenden personalisierten Songs können als Video aufgenommen und mit Freunden geteilt werden.

Die App geht auf die Zusammenarbeit von Bandmitglied Robert Del Naja und Songwriter Rob Thomas zurück. Thomas beschäftigt sich schon länger mit Software, die Soundtracks im Verhältnis zum Nutzer verändert. "Die Menschen begreifen, dass Daten für unnütze Dinge wie personalisierte Werbung verwendet werden", erklärt Thomas im Interview mit Motherboard. "Aber was wir machen, ist fast das komplette Gegenteil davon. Die App nimmt deine Daten und erstellt eine wirklich tolle Erfahrung, ohne die Daten zu speichern oder dir was zu verkaufen."

So kann ein personalisierter Remix aussehen:

Jeder wird zum Künstler

Massive Attack ist nicht die erste Band, die kreativ mit Noten und Code arbeitet. Die isländische Musikerin Björk veröffentlichte 2011 ihr Gesamtkunstwerk Biophilia, bestehend unter anderem aus Workshops, Videos und der passenden App für iOS und Android. Die App besteht aus zehn Teilen und macht die Musik der Künstlerin interaktiv erfahrbar. Dabei ist sie vollständig multimedial und vereint Essays, Noten, Spiele und Kunst mit Nutzerinteraktionen.

Im Gespräch mit ZEIT ONLINE erklärte Entwickler Scott Snibbe damals die Vorteile der Interaktivität: "Wir wollen jedem normalen User das Gefühl vermitteln, wie sich das als Künstler anfühlt: etwas zu kreieren, zusammen mit Leuten etwas zu erschaffen, ohne erst jahrelang ein Instrument erlernen zu müssen." Snibbe war für die Navigation in der App verantwortlich, eine dreidimensionale Galaxie mit mehreren Sternenbildern. Außerdem kümmerte er sich um zwei der zehn Teile der Software.

In der Praxis kommt das aus Biophilia heraus:

Waldeinsamkeit

Ein anderes Konzept hatte die schwedische Folk-Band John Moose. Vor der eigentlichen Veröffentlichung ihres Debütalbums im Frühjahr 2015 verteilten sie die Songs kostenlos per Android- und iOS-App. Die Sache hatte nur einen Haken: Der Nutzer muss sich in einem Wald befinden, damit die Lieder abgespielt werden.

Die GPS-Koordinaten des Smartphones werden an einen Internetdienst gesendet, der die Daten mit denen von Google Maps abgleicht. Befindet sich der Nutzer laut Google im Wald, schaltet die App das Album frei und der Nutzer kann es anhören. Das ist kein Zufall, schließlich handelt das Album von Natur und Flucht vor der Gesellschaft.

So bewirbt die Band ihr Album auf YouTube:

Aus Schritten und Atmung wird Musik

Apps und Gadgets können nicht nur genutzt werden, um das Erlebnis für die Hörer multimedialer oder aufregender zu gestalten. Sie helfen auch bei der künstlerischen Umsetzung. So hat die britische Musikerin Imogen Heap beispielsweise voll vernetzte Handschuhe genutzt, um ihren Song Me, the Machine für das Album Sparks zu kreieren.

Für den Song Run-Time auf dem selben Album kam eine Jogging-App zum Einsatz. Ihre Schritte, ihre Atmung und ihre Geschwindigkeit wurden dafür in Musik umgewandelt. "Es fühlt sich an, als würde man zu seiner eigenen Filmmusik laufen", erklärt die Musikerin in einem Werbevideo:

Auf in die Traumwelt

Und dann ist da natürlich noch Radiohead. Die Alternative-Rock-Band hat 2007 ihr Album In Rainbows nur im Netz veröffentlicht. Die Fans durften den Preis selbst bestimmen und die meisten Nutzer zahlten fünf bis zehn Euro für die Musik. Ein voller Erfolg.

Inspiriert von Björks Biophilia hat Radiohead 2014 zudem die App PolyFauna für Android und iOS veröffentlicht. Der Nutzer wird in eine Art Traumwelt begleitet, in der er sich frei bewegen und mit der Umgebung interagieren kann. Natürlich alles unterlegt mit der Musik der britischen Band.

 Das sieht dann in der App so aus: