In Saudi-Arabien gibt es eine Fatwa gegen Pokémon Go. In Bosnien-Herzegowina laufen Spieler in vermintes Gebiet, um Pokémon zu fangen. In der Lüneburger Heide gerieten drei Pokémon-Fans in eine Schießübung der Bundeswehr, als sie auf einem Truppenübungsplatz nach den virtuellen Figuren suchten.

Jeden Tag erscheinen solche Meldungen. Das ist Entertainment. Und damit Teil einer über Jahre eingeübten Reaktion auf Apps, die zum Hit werden. Menschen machen verrückte Sachen damit, findige Unternehmer springen aufs Trittbrett, Kriminelle verbreiten verseuchte Kopien oder vermeintlich hilfreiche Zusatzprogramme, Datenschützer warnen, Medien veröffentlichen Listicles mit 30 Dingen, die Sie unbedingt über den Hype wissen müssen und so weiter. Neu ist das alles nicht, das gab es so oder ähnlich auch bei Angry Birds oder Quizduell und im Prinzip schon bei Pac-Man. Neu ist nur die zeitliche Verdichtung.

Was sich bei vorherigen Hypes über mehrere Monate zog, passiert nun in wenigen Tagen. Das ist schlicht professionell. Aufmerksamkeit und Geld, das haben App-Entwickler, Firmen, Politiker und Medien gelernt, bekommen nur die Schnellsten. Also diejenigen, die ihre werbefinanzierten Pokémon-Tools als erste in die App-Stores bekommen, die umgehend passende Dienstleistungen bis hin zum Pokémon-Go-basierten Dating-Service anbieten, die sich frühzeitig als Pokémon-Go-Experten und –Analysten positionieren, die Pokémon für Marketing und Werbung einsetzen, bevor die Kundschaft davon genervt ist, oder die als erste über eine besonders skurrile Anekdote berichten, die Spieler erlebt haben.

Wer zu spät kommt, den bestraft der Google-Algorithmus. Der wird im App Store und in der Suchmaschine nicht gefunden und zurecht als Abklatsch wahrgenommen. Und verpasst möglicherweise auch die Phase, in der Pokémon Go sozusagen ein perfekter Sturm ist. Für den gibt es drei Gründe: Erstens ist Pokémon Go als Kombination aus Augmented-Reality-Spiel und einer weltweit bekannten Marke bisher einmalig. Es gibt keine vergleichbare Alternative.

Zweitens ist das Timing, so zynisch das klingen mag, perfekt: "Wir brauchen jetzt sinnlosen Spaß, mehr als je zuvor", schreibt zum Beispiel die Journalistin Grace Dent vom britischen Independent in Anspielung auf die Terroranschläge, Attentate und sonstigen schrecklichen Nachrichten der vergangenen Wochen. Pokémon Go kann und darf den Menschen eine Auszeit von jener Realität verschaffen, die sie derzeit mehr oder weniger in Echtzeit auf ihre Smartphones gepusht bekommen.

Drittens könnte sogar das Wetter eine Rolle spielen. In fast allen Ländern, in denen das Spiel offiziell in den App Stores steht, ist gerade Sommer. Ob die Pokémon-Fans in vergleichbarer Anzahl auch im November vor die Tür gehen, um zu spielen, ist offen.

Das Spiel wird irgendwann zu aufwändig für "casual gamer"

Und viertens ist das Spiel möglicherweise nur so lange popluär, wie es ein casual game ist. Es kann passieren, dass viele Spieler das Interesse verlieren, wenn sie merken, dass es in den höheren Leveln sehr viel aufwändiger und frustrierender ist, signifikante Fortschritte zu machen, ohne sich diese zu erkaufen. Wie viele von ihnen lieber Geld ausgeben und In-App-Käufe tätigen, um schneller voranzukommen, kann man jetzt noch nicht abschätzen.

Die Unsicherheit ist der Grund, warum jetzt alles so schnell gehen muss. Es ist aber durchaus möglich, dass Pokémon Go noch lange äußerst erfolgreich bleibt. Betreiber Niantic hat es selbst in der Hand, mit Updates neue Anreize zum Spielen zu schaffen. Und es kann auch im November noch warm genug sein, um abends im Park ein seltenes Mewtwo zu jagen.