Es hat ein paar Monate länger gedauert, als wir prophezeit haben, aber Ende Juli war es soweit: Apple hat sein 1.000.000.000. iPhone verkauft. Am 24. August wird Tim Cook sein fünfjähriges Dienstjubiläum als CEO von Apple feiern. Und irgendwann Anfang September wird Apple neue Produkte vorstellen. Wie diese drei Daten zusammenhängen und warum das kommende iPhone vergleichsweise unspektakulär wird, lässt sich aus den langen Interviews ablesen, die Cook gerade der Washington Post und Fast Company gegeben hat.

Im wahrsten Sinne ein money quote ist Cooks Aussage, warum es ihn allenfalls periphär interessiert, wenn Börsenanalysten und Journalisten von sinkenden iPhone-Verkaufszahlen und angeblich langweiliger, veralteter Technik in Apples derzeitigen und kommenden Produkten sprechen: "Wir müssen alle 90 Tage (über unsere Geschäfte) berichten, weil die Regeln das vorsehen, aber so führen wir das Unternehmen nicht." Klingt banal, erklärt aber die Diskrepanz zwischen den Erwartungen, die Medien und Börsianer seit Jahren vor jeder Apple-Produktvorstellung, jeder Entwicklerkonferenz und jedem Quartalsbericht schüren, und Apples eigentlichen Ambitionen.

Erstens, glaubt Cook, ist der Smartphone-Markt noch lange nicht gesättigt. Es sei langfristig "der großartigste Markt der Welt, was Elektronik für Endverbraucher angeht". In Indien etwa gehe der Boom gerade erst los, weil dort erst jetzt 4G-Netzwerke entstehen, die für High-End-Smartphones und Anwendungen wie Videostreaming unerlässlich sind.

Cook glaubt, KI werde Smartphones noch unersetzlicher machen

Wenn es mal ein Quartal gibt, in denen die Smartphone-Industrie nur um ein Prozent wachse oder gar um sechs Prozent schrumpfe, stellt Cook klar, beeindruckt ihn das nicht. Schon heute verlasse kaum noch jemand ohne Smartphone sein Haus. Dank künstlicher Intelligenz (KI) würden die Geräte aber bald "sogar noch essenzieller" und zu "noch besseren Assistenten". Nichts werde sie kurz- oder mittelfristig ersetzen. Cook sieht Apple dabei mit Siri und seinem Ansatz, künstliche Intelligenz so weit wie möglich ohne die Analyse persönlicher Daten in der Cloud anzubieten, gut aufgestellt.

Zweitens werde Apple ständig an den Zukunftsvisionen der Konkurrenz gemessen, nicht an deren existierenden Produkten: "Es gibt eine Tendenz – nicht erst jetzt, sondern in den ganzen 18 Jahren, in denen ich hier bin – dass manche Menschen das, was wir im Moment tun, mit einem Produkt vergleichen, das andere in der Zukunft herstellen wollen." Ein klarer Seitenhieb auf jene, die Apple im Bereich KI als rückständig betrachten, weil Google, Microsoft und Facebook auf ihren Entwicklerkonferenzen schon das Zeitalter der KI als Benutzeroberfläche ausgerufen haben, ohne dafür schon vorzeigbare Technik zu haben.

Cooks diplomatische Kritik am Quartalsdenken

All das passt zu den Gerüchten um das kommende iPhone, das vielleicht iPhone 7, vielleicht aber auch iPhone 6SE heißen wird: Es soll sich äußerlich praktisch nicht vom aktuellen Modell 6S unterscheiden und wenige aufregende Neuerungen mit sich bringen – von einer Kamera mit Doppellinse und einer fehlenden Kopfhörerbuchse abgesehen. Erst in einem Jahr, so wird gemutmaßt, wird das iPhone wieder einen größeren Entwicklungsschritt machen.

Wenn man dem CEO glaubt, kann Apple erst einmal damit leben, keine neuen Wachstumsrekorde aufzustellen und der Android-Konkurrenz bei neuen Funktionen wie der Iris-Erkennung den Vortritt zu lassen. Der langfristige Erfolg, sagt Cook, gebe ihm recht. Es ist entweder der Versuch, die Apple-Aktionäre vorab zu beruhigen, weil das Unternehmen im September ziemlich sicher von enttäuschten Journalisten und Analysten zerrissen werden wird. Oder es ist Cooks diplomatische Kritik an allen drei Gruppen für ihre Quartalsdenke.