Sommer 2015, ein Bus in Berlin. Drei Jungs steigen zu, setzen sich zu mir auf den Vierersitz, zücken ihre Smartphones. Plötzlich Aufregung, sie deuten auf mich: "Alter, was ist das?" Sie meinen mein Handy. "Es ist das beste Smartphone der Welt", sage ich, "ein BlackBerry Q10" Black-was? Sie haben noch nie davon gehört. Einer sagt: "Es hat eine Million Tasten, wie krass ist das denn?!"

Sie lachen mich nicht aus, wie meine Redaktionskollegen, meine Freunde. Sie staunen. Und ich bin ein bisschen stolz.

Es ist bisweilen schön, anders zu sein als alle anderen. Überzeugt zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen, während die Welt da draußen einen katastrophalen Irrweg eingeschlagen hat. So ging es mir mit meinem Atari ST, als die ersten PCs auftauchten. Und natürlich ging es mir so mit meinem BlackBerry, als plötzlich das iPhone hip war. 

Was habe ich mich all die Jahre hinweg amüsiert über die vermeintlich große Errungenschaft einer Touchpad-Tastatur. Habe gelacht über die drolligen Schreibversuche der vielen iPhone- und Samsung-Freunde, ihre unsäglichen Tippfehler und Autokorrektur-Fails, während ich meine Mails korrekt und dreimal so schnell tippen konnte – ohne hinschauen.

Es ist bisweilen sehr anstrengend, anders zu sein als alle anderen. Mit dem Spott der Kollegen kann man noch umgehen. Der Aufwand aber, fortwährend die Unzulänglichkeiten der eigenen Religion zu reparieren, ist bizarr. Ja, klar, habe ich meinen Atari in den Neunzigern schließlich in dieses Internet gebracht. Ja, klar, habe ich mein Blacky so manipuliert, dass ich irgendwann Android-Apps darauf installieren konnte. Aber es dauerte Tage und Nächte und der Schmerz war oft größer als der Nutzen. Lange hat’s mich nicht gekümmert. Vernunft und Religion vertragen sich nun mal nicht.

Mein langsamer Abschied von "Blacky"

Doch die Anzeichen, dass es nicht mehr lange so weitergehen würde, habe irgendwann sogar ich gesehen. Als 2014 das monströse Passport erschien, wurde selbst mir klar, dass BlackBerry eine sehr abschüssige Bahn eingeschlagen hatte. Außenseiter sein: schön und gut. Aber selbst meine Liebe zu einer echten Tastatur würde nicht so weit gehen, mit diesem Trum jemals öffentlich zu hantieren.

Das Q10 war mein letztes Blacky. Drei Monate nach dem Erlebnis im Bus war es vorbei. Als ich es zum letzten Mal ausschaltete, ihm die SIM-Karte wegnahm und in mein neues Smartphone stopfte, hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen. War das Verrat? Hätte ich doch noch das BlackBerry Priv ausprobieren sollen, das erste, so schrecklich teure BlackBerry mit Android-Betriebssystem? War ich jetzt mit schuld am Niedergang eines Pioniers, der die mobile Kommunikation und die Arbeitswelt einst revolutioniert hat, lange bevor erstmals ein Gerät die Bezeichnung Smartphone trug?

Ich muss zugeben: Ich vermisse mein Q10 nicht mehr. Wenn ich eines sehe (zwei sind in der Redaktion noch in Gebrauch), kann ich kaum glauben, dass ich damit wirklich gearbeitet und gelebt habe. Dieses winzige Display! Diese lächerlichen Apps! Selbst die Tastatur kommt mir inzwischen fremd vor.

Heute tippe ich meine Mails wie alle anderen auf einer Glasscheibe, die so tut als wäre sie eine Tastatur. Ich bin damit so langsam wie alle anderen, mache dieselben Tippfehler, verwirre meine Gesprächspartner mit denselben unverständlichen Autokorrektur-Pannen. Und im Bus schaut mich keiner mehr an.