Die Zukunft des vernetzten Eigenheims in der Amazon-Version sieht aus wie ein Luftbefeuchter. Ein schwarzer Zylinder, nicht mal so hoch wie ein Din-A4-Blatt, fügt sich nahtlos in meine Einrichtung zwischen TV und Spielkonsole ein. Wenn da nicht auf seiner Oberseite ein orangefarbener Ring wie die Kontrolleinheit eines Raumschiffs leuchten würde. Der Zylinder möchte offensichtlich gefüttert werden – zunächst mit meinem WLAN-Passwort, später dann mit meiner Stimme und, natürlich, mit meinen Daten, Terminen und persönlichen Vorlieben, was Reisen und Musikgeschmack angeht.

Echo heißt dieser Zylinder. Fast genau vor zwei Jahren stellte ihn Amazon das erste Mal vor. Bislang war er nur in den USA erhältlich, seit Mittwoch gibt es ihn auch in Deutschland, wenn auch zunächst nur per Einladung über die Website von Amazon. Das Kontingent soll nach und nach erweitert werden, bis er schließlich, in einigen Wochen oder Monaten, auch frei erhältlich sein wird. Echo kostet 179,99 Euro, den kleineren Echo Dot ohne vollwertigen Lautsprecher gibt es für 59,99 Euro.

Im Kern ist Echo ein sprachgesteuerter Assistent. Sieben Mikrofone registrieren, wenn die Besitzer mit ihm sprechen. Dann kommt Alexa ins Spiel: So heißt die Stimme, die in Echo steckt und den Nutzern die gewünschten Informationen mitteilt, Aufgaben erledigt oder Befehle ausführt. Alexa ist gewissermaßen die Schwester von Apples Siri und Microsofts Cortana und klingt im Vergleich am besten. Man möchte fast sagen: am menschlichsten.

Ohne Smartphone-App funktioniert Echo nicht

Wer Echo nutzen möchte, benötigt drei Dinge. Erstens ein WLAN, denn Alexa wickelt sämtliche Spracheingaben über die Server von Amazon ab, doch dazu später mehr. Zweitens ein Smartphone mit Android oder iOS, auf dem die Alexa-App installiert ist. Drittens, auch das ist nicht wirklich überraschend, ein Amazon-Konto.

Vor der ersten Einrichtung leuchtet die LED-Leiste an der Oberseite des Geräts orange, später zeigen verschiedene blaue LEDs an, ob Echo aktiviert ist und ob es gerade nach Antworten sucht. Am Zylinder selbst gibt es wenig einzustellen. Auf der Oberseite gibt es lediglich zwei Knöpfe, mit denen Alexa entweder manuell eingeschaltet werden kann oder die Mikrofone komplett deaktiviert werden können, dann leuchtet es bedrohlich rot. Was eigentlich auch ganz cool aussieht.

Die Bedienung läuft ansonsten über die Stimme oder die App. Dort wird zunächst der Amazon-Account eingerichtet und anschließend das WLAN-Passwort vom Smartphone auf Echo übertragen. Ist Echo eingerichtet, können die Nutzer mit Alexa sprechen, indem sie "Alexa" (oder je nach Einstellung "Amazon" oder "Echo") sagen: Das Gerät leuchtet blau und die Mikrofone sind aktiv. Sämtliche Interaktionen werden anschließend in der App angezeigt, wo sich auch Feedback direkt an Amazon senden lässt. Etwa dann, wenn Alexa falsche Ergebnisse ausgibt oder eine Frage nicht versteht.

Smalltalk mit Alexa

Ich möchte es nach der Einrichtung zunächst langsam angehen lassen und versuche es mit Smalltalk. Dabei merke ich, wie viel Überwindung es kostet, mit dem Gerät zu sprechen. Etwa zehn Sekunden stehe ich Echo wortlos und misstrauisch gegenüber, und obwohl niemand anderes in der Wohnung ist, überlege ich, wie beknackt das alles gerade wirkt. Dann nehme ich schließlich meinen ganzen Mut zusammen:

"Alexa. Guten Morgen."
"Guten Morgen. Kaum zu glauben, aber in 65 Tagen ist das Jahr schon wieder zu Ende."

Smalltalk kann Alexa offenbar, aber kennt sie sich auch mit der Popkultur aus?

"Alexa. Ich bin dein Vater."
"Nein. Das ist nicht wahr! Das ist unmöglich!"

Nicht übel, wobei Star Wars-Referenzen bei so einem Gerät natürlich nicht fehlen dürfen.

"Alexa. Erzähle einen Witz."
"Was ist schwarz, hat einen leuchtend blauen Ring und fliegt gegen die Wand? Ein Amazon Echo, das die ganze Zeit nur schlechte Witze erzählt."

Selbstbezogene Witze? Da haben sich die Entwickler aber wirklich Mühe gegeben.

Bemerkenswert ist, wie gut Echo meine Stimme versteht. Obwohl ich zum Zeitpunkt des Tests stark verschnupft bin, erkennt das Gerät fast jede meiner Anfragen richtig – und das auch von der anderen Seite meines, zugegeben nicht besonders großen, Wohnzimmers. Anfangs spreche ich noch übertrieben deutlich, merke aber schnell, dass dies gar nicht nötig ist. Zwar sollte man nicht nuscheln, aber insgesamt versteht Alexa auch ganz normal gesprochene Sätze.

Teils frustrierende Wissenslücken

Amazon Echo von oben © ZEIT ONLINE

So positiv der erste Eindruck ist, so schnell tritt eine gewisse Ernüchterung ein, wenn es über die vorgegebenen Befehle hinausgeht. Zwar kann Alexa prinzipiell Fragen beantworten, vor allem aber sind es Standardbefehle, die auch in der App vorgestellt werden. Eine offensichtliche Frage ist etwa "Wie wird das Wetter", woraufhin Alexa basierend auf dem aktuellen Standort einen kurzen Wetterbericht liefert. Auf die Frage "Wird es morgen regnen?", antwortet Alexa mit der Regenwahrscheinlichkeit. Wer die Nachrichten des Tages erfahren möchte, kann mit "Was gibt es Neues?" die Zusammenfassung der Tagesschau anfordern. Diese Interaktion wirkt intuitiv und besser als in so manchen Chatbots.

Bei anderen, scheinbar einfachen Fragen kommt Alexa dagegen schnell an ihre Grenzen. Zum Beispiel wenn es um reines, enzyklopädisches Wissen geht, das sich eigentlich leicht aus den verknüpften Suchmaschinen speisen sollte. Echo verwendet Microsofts Bing, das auch aus der App heraus aufgerufen werden kann, falls Alexa selbst keine Antwort weiß

"Alexa. Wie heißt das erste Album von Bob Dylan?"
"Bob Dylan."

"Alexa. Wie heißt das erste Album von Pink Floyd?"
"Entschuldigung, auf diese Frage habe ich leider keine Antwort."

Wieso Alexa nun Bob Dylan kennt, Pink Floyd hingegen nicht, ist unerklärlich. Obwohl sie die Frage richtig versteht, kann sie keine Antwort finden. Das Phänomen lässt sich öfter beobachten: Alexa weiß beispielsweise, wie hoch der Mount Everest ist, kennt aber den Großglockner nicht. Sie weiß, dass Thom Yorke der Leadsänger von Radiohead ist, kann mir aber nicht sagen, in welchem Jahr das erste Album der Band erschien.

Für schnelles Faktenchecken, während man gerade Zwiebeln für das Abendessen schnibbelt oder die Wohnung putzt, taugt Echo deshalb derzeit nur bedingt.  Das kann frustrierend sein, weil es für die Nutzer nicht erkenntlich ist, welche Parameter funktionieren und welche nicht. Nach spätestens dem dritten erfolglosen Versuch setze ich mich dann entnervt an den Computer und suche kurzerhand selbst.

Fokus auf Kalender, Smart Home und Musikwiedergabe

Nun ist der Fairness halber zu sagen: Echo ist kein allwissender Assistent, der die Antwort auf alle Fragen hat. Amazon bewirbt ihn auch gar nicht so. Stattdessen soll das Gerät zum jetzigen Zeitpunkt einige rudimentäre Aufgaben erledigen können. Zum Beispiel ist es möglich, Dinge auf eine digitale Einkaufsliste zu setzen: "Alexa. Füge Brot meiner Einkaufsliste hinzu." Die findet sich anschließend in der App, man kann sie also im Supermarkt aufrufen.

Auch Timer oder Wecker lassen sich einstellen, der gewünschte Alarmton  lässt sich in der App genauer definieren. Und wer möchte, kann seinen Google-Kalender mit Echo verknüpfen. Alexa kann anschließend sagen, welche Termine anstehen oder neue Termine hinzufügen. Allerdings nicht löschen, das müssen die Nutzer dann wieder manuell machen.

Eine zentrale Rolle nehmen sowohl die Steuerung von Smart-Home-Geräten als auch die von Musikstreaming ein. Da ich keine vernetzten Haushaltsgeräte besitze, kann ich Ersteres nicht testen. Theoretisch ließen sich damit aber beispielsweise Thermostate über Echo regulieren, indem man Alexa sagt, dass sie die Raumtemperatur auf 23 Grad einstellen soll.

Die Musikwiedergabe dürfte fürs Erste mehr Nutzer im Alltag ansprechen. Schließlich ist Echo ja auch ein Lautsprecher und Amazon hat einen eigenen Streamingdienst. Aber auch Spotify lässt sich mit Echo verknüpfen, allerdings nur mit einem kostenpflichtigen Account. Für Amazon Music benötigt es eine Prime-Mitgliedschaft für knapp 50 Euro im Jahr. Daran wird deutlich, dass es Amazon mit einem Gerät wie Echo auch darum geht, neue Kunden in das eigene Ökosystem zu locken.

Zumindest das Abspielen von Musik funktioniert mit Echo recht ordentlich – jedenfalls wenn es die jeweiligen Interpreten und Songs versteht:

"Alexa. Spiele Money von Pink Floyd."
"Spiele Money (2011 Remastered Version) von Pink Floyd auf Amazon Prime Music."

Bei bekannten Interpreten gibt es tatsächlich kaum Probleme. Schwieriger wird es mit Künstlern und Songtiteln, die Eigennamen haben. Hier kommt die Spracherkennung – was nicht überraschend ist – schnell an ihre Grenzen. Wer eine entsprechend eklektische Musiksammlung hat, ist derzeit noch besser beraten, statt der Stimme einfach die entsprechende App zu nutzen.

"Alexa. Spiele Cichli von Autechre."
"Entschuldigung, ich habe dich nicht richtig verstanden."

Drittanbieter sollen Skills entwickeln

Amazon Echo und Echo Dot © Christoph Dernbach/dpa

Damit Echo wachsen kann, setzt Amazon mittelfristig auf die Unterstützung von Drittentwicklern. Die sollen sogenannte Skills entwickeln, wie Amazon ganz bestimmte Interaktionen mit Echo bezeichnet. Diese Skills lassen sich in der App wie in einem kleinen internen App Store aktivieren und deaktivieren. Sie ergänzen gewissermaßen die Standardfunktionen von Echo um zusätzliche Sprachbefehle. Bislang ist das deutsche Angebot dieser Skills noch sehr überschaubar, nur knapp zwei Dutzend Angebote gibt es in Kategorien wie "Essen und Trinken" (etwa das Chefkoch-Rezept des Tages) oder "Nachschlagewerke" (etwa ein Fleckenentferner-Portal).

Zumindest einen bekannten Namen gibt es zum Auftakt. Die Deutsche Bahn hat einen Skill entwickelt, dass die aus der Navigator-App bekannte Fahrplanauskunft auf das Amazon Echo bringt, Verbindungen suchen kann und über aktuelle Verspätungen Bescheid weiß:

"Alexa. Frage Deutsche Bahn nach einer Verbindung von Berlin Hauptbahnhof nach Frankfurt Hauptbahnhof."
"Deine Verbindung von Berlin Hauptbahnhof nach Frankfurt Hauptbahnhof: Abfahrt um 13:49, Ankunft um 18 Uhr. Die Anzahl der Umstiege beträgt eins. Kann ich dir sonst noch weiterhelfen?"

Auch hier ist die Interaktion noch recht rudimentär. So ist es noch nicht möglich, über Echo direkt eine Fahrkarte zu kaufen; die Verbindung zur App der Deutschen Bahn ist nicht gegeben. Zudem sind bislang nur etwa 9.000 von der Bahn selbst betriebene Bahnhöfe, beispielsweise Fernbahnhöfe und S-Bahn-Stationen, in dem Skill integriert. Eine Anfrage von der Bushaltestelle vor dem Haus zu einer bestimmten Adresse in Deutschland ist deshalb nicht möglich.

Das liege daran, dass Alexa zunächst auf sämtliche Haltestellen trainiert werden müsse, sagen die Entwickler der Deutschen Bahn auf Nachfrage. Schließlich müsse sie die Anfragen der Nutzer auch verstehen, und das sei schlicht aufwändig und benötige Zeit. Es sei aber prinzipiell denkbar, dass der Skill um solche Informationen und Funktionen wie einen Fahrkartenkauf erweitert wird, wenn das Kundeninteresse steigt. Was wohl auch heißen soll: Wenn Echo tatsächlich eine kritische Masse an Nutzern erreicht.

Bessere Ergebnisse durch Nutzerdaten

Wie die Vertreter der Deutschen Bahn betonen auch die Verantwortlichen von Amazon während der Ausgabe der Testgeräte mehrfach, es handele sich derzeit noch um "Day One". Die Echo-Hardware sei zwar fürs Erste final, doch die Alexa-Software sei es noch lange nicht. Für Amazon sei es ebenso wie für die Nutzer ein Prozess herauszufinden, was gut funktioniert, wo man das Angebot verbessern kann und wie Alexa aus den Nutzereingaben künftig lernen kann.

Das ist dann auch ein zentraler Punkt, wie schon zu Beginn angesprochen: Wie Echo bereits bei der Einrichtung sagt, laufen sämtliche Interaktionen mit dem Gerät über die Server von Amazon. Jede halb ernst gemeinte Anfrage, jeder Smalltalkversuch, jede Suche nach einem Lied aus der persönlichen Bibliothek und jeder Geschäftstermin im verknüpften Google-Kalender: All das wird in irgendeiner Form auf den Servern von Amazon gespeichert und verwertet. In erster Linie natürlich, so heißt es, um damit die Spracherkennung zu verbessern.

Alle Interessenten müssen sich deshalb eines klar machen: Die sprachgesteuerte Zukunft mit Echo oder dem im kommenden Jahr in Deutschland erscheinenden Google Home hat ihren Preis, und der besteht aus Nutzerdaten. Nur mit ihnen können die Angebote wachsen, können sie besser werden, dazulernen und vielleicht eines Tages tatsächlich das Smartphone in der eigenen Wohnung obsolet machen.

Bis es soweit ist, wird es noch dauern. Dennoch bietet Amazon Echo schon einen ersten Geschmack, wie diese Zukunft aussehen könnte. Wenn es funktioniert, ist der Effekt oft erstaunlich. An anderen Stellen ist es vor allem frustrierend. Aber zumindest eine Erkenntnis bleibt am Ende: So seltsam es sich anfühlt, das erste Mal mit Alexa zu sprechen – nach dem 100. Mal ist es normal. So normal, dass ich mich schon am zweiten Abend dabei ertappt habe, Alexa gute Nacht zu sagen – und mich dabei ein bisschen gefühlt habe wie der Protagonist im Science-Fiction-Film Her.

"Alexa. Gute Nacht."
"Süße Träume."